Die Kritiker

Das neue «Cobra 11»: Moderner, kühler und mit Tiefgang - doch wie geht der eingefleischte Fan damit um?

von   |  4 Kommentare

So viel Umbruch war bei RTLs Vorzeige-Actionserie noch nie. Da staunt selbst Semir Gerkhan, als er in der Geschichte nach fast einjähriger Pause wieder die Dienststelle betritt. Dass er Verbrecher nun an der Seite einer Frau jagt, ist fast schon der kleinste Faktor. Mit dem Umbau gehen die Macher ein Risiko ein. Durchaus möglich, dass die Kernklientel nämlich verschreckt wird.

Cast & Crew

  • Darsteller: Erdogan Atalay, Pia Stutzenstein, Patrick Kalupa, Gizem Emre, Christopher Patten, Nicolas Wolf, Özay Fecht
  • Regie: Franco Tozza, Christian Paschmann (auch Kamera)
  • Autoren: Andreas Brune, Sven Frauenhoff, Sabine Leipert, Andreas Knop und Marc Hillefeld
  • Stunts: Tobias Nied
  • Produzenten: Heiko Schmidt, Hermann Joha
  • Executive Producer RTL: Nico Grein
  • Produktionsfirma: Action Concept
Was haben Dr. Joachim Gerner, Paco Weigel, Ute Kiefer, Leon Moreno und Semir Gerkhan gemeinsam? Alles sind Fernsehfiguren, die seit Ewigkeiten in RTL-Serien auftauchen und somit eine ganze Generation begleitet haben. Wann immer man sich von einer solchen Figur verabschieden muss, schmerzt das. Fans der täglichen Serie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» erleben einen solchen Impact derzeit nach dem tragischen Unfalltod der Figur Alex Cöster, die die 19.40-Uhr-Serie nach etwas mehr als einem Jahrzehnt verlassen hat.

Ob Semir Gerkhan im Herbst 2021 noch Teil des RTL-Programms ist und die Zeitschrift dann noch neue Folgen von «Alarm für Cobra 11» ankündigen, ist derzeit (wieder einmal) ungewiss. Es ist nicht ganz neu, dass das Actionprogramm beim Sender in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auf dem Prüfstand steht. Unbestätigten Medienberichten zufolge soll die Herstellung einer einzigen Folge der Serie aus dem Hause Action Concept rund 750.000 Euro kosten – eine 13-teilige Staffel liegt somit bei rund zehn Millionen in der Produktion. Dem gegenüber stehen natürlich durchaus üppige Werbeeinnahmen und die Möglichkeit, die Episoden der mittlerweile fast 30 Staffeln auch umfangreich (etwa bei Nitro) zu wiederholen. Dennoch: RTL hat, und das ist ungewöhnlich, die Produktion der Serie erst einmal auf Eis gelegt. Erst wenn die 14 schon hergestellten Ausgaben gesendet sind, geht es (möglicherweise) weiter.

Neben den finanziellen Gesichtspunkten dürfte das auch an der Ausgestaltung der neuen Staffel liegen. Erstmals in der Historie der Serie bekommt der von Erdogan Atalay gespielte Kult-Autobahncop eine weibliche Partnerin. Und mit dem Einstieg der Figur Vicky (gespielt von Pia Stutzenstein) geht abermals ein inhaltlicher Wechsel einher. Stutzenstein ist mittlerweile die zehnte Partnerin von Atalay, wenn man auch die nur in den allerersten Episoden auftauchenden Rainer Stecker (Rolle Ingo starb in Folge zwei) und Johannes Brandrup dazu zählt. Dann schon kam für gut zwei Jahre Mark Keller, auf den Rene Steincke folgte. Christian Oliver übernahm in Steinckes Pause, nach zwei Staffeln kehrte Steincke-Figur Tom Kranich noch einmal zurück. Während die Episoden des Duos Semir/Tom von heiteren Untertönen geprägt waren, wurden in den Christian-Oliver-Folgen und auch in der Ära Gedeon Burkhard eher ernste Themen angeschnitten.

Quotenverlauf «Alarm für Cobra 11»

  • 2017 (Frühjahr): 2,82 Mio. / 16,1 %
  • 2017 (Herbst): 2,55 Mio. / 14,6 %
  • 2018 (Frühjahr): 2,33 Mio. / 13,0 %
  • 2018 (Herbst): 2,36 Mio. / 12,9 %
  • 2019 (Frühjahr): 2,12 Mio. / 12,4 %
  • 2019 (Herbst): 2,03 Mio. / 12,6 %
Zuschauer ab 3 J. / MA 14-49 J. (jeweils donnerstags, 20.15 Uhr bei RTL)
Logisch also, dass in der fast sechs Jahre dauernden Ära mit Tom Beck als Ben Jäger wieder Heiteres thematisiert wurde – nicht wenige sagen, dass die Serie mit Tom Beck an der Seite von Erdogan Atalay ihren Zenit erreichte. Durch den Einstieg von Vinzenz Kiefer 2014 wurde das Format für drei Staffeln wieder etwas dunkler, die Korrektur folgte aber auf dem Fuße mit dem locker-fröhlichen Daniel Roesner, der bis vergangenen Herbst an der Seite von Atalay agierte. Der Herbst 2019 brachte ohnehin den größten Umbruch in der «Cobra 11»-Historie, denn binnen weniger Folgen verabschiedeten sich auch Nebenfiguren wie Lion Wasczyk, Katrin Heß oder Katja Woywood, die als Dienststellenleiterin Katrin Heß den Serientod sterben musste.

Kurzum: Sender RTL hat, damals noch unter Mitwirken des einstigen Fictionchefs Philipp Steffens den größten Umbau der Actionserie angetrieben, den es jemals gab. Er fällt so groß aus, dass wirklich die Gefahr besteht, dass der Kern der Fanszene die Serie nun nicht mehr erkennt. Das wird im Staffelauftakt „Der Neue“ deutlich. In der ersten Viertelstunde ist – aus gutem Grund – erstmal nichts vom so prägenden Semir Gerkhan zu sehen. Stattdessen ermittelt Vicky gemeinsam mit ihrem Partner Max (Darsteller: Nicolas Wolf) im Fall einer entführten 18-Jährigen. Sämtliche Bewegungen der Polizisten werden via Livestream in die komplette umgebaute Autobahnpolizeizentrale übertragen. Das Set des Kommissariats erinnert mit seinen überdimensionalen Bildschirmen mittlerweile an eine Mischung aus «Navy CIS: L.A.» und die CTU-Einheit aus «24» - die vielen Wände sind einem Großräumbüro gewichen, das über Glasscheiben wenigstens etwas Struktur bekommt. Dass sich nicht nur die Wände geändert haben, erwähnt im Laufe der Folge der neue Dienststellenleiter, der im Rollstuhl sitzende Roman Kramer (gespielt von Ex-«Anna und die Liebe»-Love-Interest Patrick Kalupa).

Weil Kommissar Max Tauber suspendiert wird, wird quasi Semirs alte Stelle frei. Seit knapp einem Jahr hatte er die Autobahnpolizei nicht von innen gesehen, er ermittelte teils undercover in der Türkei, um seine Mutter aus dem Gefängnis zu holen – und wurde in dieser Zeit ganz offenbar auch selbst gefangen gehalten und gefoltert. Die entsprechende Geschichte, die sich in Flashbacks über mindestens mehrere Folgen ziehen dürfte, wurde schon im Staffelfinale der vorherigen Runde angeteasert. Die Rückkehr Semirs ist ein inszenatorischer und ziemlich cleverer Kniff: Der den Zuschauern seit 23 Jahren bekannte Semir führt sie quasi durch die auch für ihn neuen Gegebenheiten dieser Polizeieinheit.

Sehr interessant geraten ist übrigens auch seine neue Partnerin, die der Zuschauer zu Beginn grundsympathisch finden dürfte. Doch schon bald bröckelt die Fassade; welches dunkle Geheimnis hat Vicky? Was passierte wirklich in Dortmund?

Ohne Frage: RTL und Action Concept haben die langlebige Serie über den Kahlschlag an Darstellern und den optischen Komplettumbau ins Jahr 2020 verfrachtet – das zeigt übrigens schon das neue Intro, das die typische Erkennungsmelodie der Cobra sehr langsam, sehr kühl und cool interpretiert – und zwar so frei, dass davon kaum noch etwas übrig ist. Kaum noch etwas übrig passt auch sonst zur neuen Serie. Einst verglich Produzent Hermann Joha das Format mal mit dem großen Spaß auf dem Rummel. Auto Scooter, Riesenrad und dergleichen, alles macht riesige Freude, strenggenommen aber keinen Sinn. Das traf in der Vergangenheit meist auch auf «Cobra 11» zu, das sich weder gesellschaftlich relevanter Themen verschrieb noch durch absolut ausgeklügelte Fallstrukturen oder Charakter-Entwicklungen setzte.

In der nun startenden Staffel werden Action-Sequenzen oder Verfolgungsjagden nun spärlicher eingesetzt – dass sie in den letzten zehn Minuten dann doch vorkommen, wirkt fast wie ein Fremdkörper. Und so könnten sich eben auch die Fans des bisherigen «Alarm für Cobra 11» fühlen. Entstanden ist eine Serie mit völlig neuem Look, total neuen Figurenkonstellationen, mehr Tiefgang und weniger Wumms.


Es ist die Frage, ob die Zuschauer die mutige Entscheidung, das Thema Polizei-Rassismus als großes Thema zu nehmen, honorieren werden. Spätestens gegen Ende der Folge „Der Neue“ wird klar, dass Figur Vicky in Dortmund in Vorfälle solcher Art verwickelt war. Und es ist auch klar, wie Semir dazu steht: Mit ‚brauner Scheiße‘, wie er sagt, will er natürlich nichts zu tun haben.

Fazit: Für alle Fans von «Alarm für Cobra 11» ist ein Blick in die neue Staffel ein Muss. Wahrscheinlich werden einige davon ihre Lieblinge nicht mehr wieder erkennen. Das birgt Probleme und Chancen zugleich. Möglich, dass die Problemfälle überwiegen. Und somit auch möglich, dass Semir Gerkhan in einem Jahr aus der Riege der Gerners, Weigels und Morenos wegbricht.

Sechs neue Folgen von «Alarm für Cobra 11» zeigt RTL ab Donnerstag, 20. August um 20.15 Uhr, am ersten Abend gleich einen Doppelpack. TV Now bietet die Folgen für zahlende Kunden eine Woche vorab an.

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Sentinel2003
17.08.2020 10:39 Uhr 1
Was ich null kapiere, wieso außer Semir aka Erdogan ALLE anderen die Serie verlassen mußten!! Man hätte doch auch so einen Relaunch machen können, ohne gleich den ganzen Cast ausser ihm auszu wechseln!! Ob die Macher sich tatsächlich gefragt haben, ob dadurch nicht über 50 % der eingefleischten Fan's abspringen werden?? Und, genauso dann mit den Action Szenen....was sagst du, erst richtig Action gibt es wohl nur in den letzten Minuten?? Was soll das??
Der Clown
17.08.2020 17:57 Uhr 2
Um die Frage in der Überschrift zu beantworten: der eingefleischte Fan, sprich ein Cobra 11-Vollnerd wie ich, der seit 24 Jahren dabei ist, wird damit umgehen, wie mit jeder anderen Neuausrichtung vorher auch - indem er weiter guckt und eben NICHT wie so manch anderer direkt aufhört, nur weil halt mal weniger Action drin, weil halt mehr Fokus auf Charaktere ist oder noch schlimmer: weil halt mal eine FRAU neben Semir sitzt.

Reboot heißt Risiko, wir werden sehen, wie es ausspielt, aber durch die Auslandsverkäufe sehe ich noch ein paar Jahre am Horizont. Viele andere deutschen RTL-Eigenproduktionen versanden doch eh.

Und Erdogan musste drin bleiben, ohne ihn hätte man das Ganze eh vergessen können, aber dafür ist er jetzt ja auch Exec Prod. :)



@Sentinel2003: es gibt dazu auch ein gutes Interview auf einem anderen Medienportal mit dem GF von ActionConcept.



@den Autor Manuel Weis: Inhaltsfehler: Rainer Stecker und Johannes Brandrup waren nur miteinander Partner, an der Seite von Atalay war es nur Brandrup in der 1. Staffel. René Steinke wird so geschrieben. Die Dienststellenleiterin, gespielt von Katja Woywood, hieß Kim Krüger. :slightly_smiling_face:
Baby
19.08.2020 16:39 Uhr 3
Ich werde auf jeden Fall reinschnuppern.



Mir fehlt in den letzten Jahren ein bisschen der Alltagshumor der früheren Folgen, den z.B. die beiden älteren Polizisten - die man allenernstes beide hat sterben lassen! - reingebracht haben.



Auch "Einstein" fand ich immer durchaus nett anzusehen - ist der auch weg?



Aber ich hatte immer so ein bisschen das Gefühl mit dem Weggang von Tom Beck ist auch der Slapstick gegangen und es war alles immer nur hochdramatisch, tragisch und düster was dann kam. Auch die Familiengeschichten der neuen Partner...



Ich hätte/würde da gerne mal jemanden sehen, der vll. bisschen verklärter ist, nicht alles so logisch analysiert, eben um es aufzulockern. Intelligent aber... phantasievoll, auch wenns unlogische Theorien sind. Mir fällt gerade als Beispiel nur "Castle" ein, aber ein ausgebildeter Polizist sollte sich in manchen Situationen natürlich etwas besser anstellen, ich hoffe, ich konnte mich da halbwegs verständlich ausdrücken.
casio1984
01.09.2020 23:33 Uhr 4
Mich kann das neue Konzept bislang nicht überzeugen. Das Ganze erinnert mittlerweile eher an Tatort als an Cobra 11. Ich gucke die Serie seit Jahrzehnten. Am Anfang gab es eine große Verfolgungsjagd mit Crashs, dann 20 Minuten Ermittlungsarbeit, dann die mittlere Verfolgungsjagd und am Ende schließlich die Auflösung - mit nochmal ordentlich Action. Daran habe ich mich gewöhnt. Und das will ich auch. Es muss doch nicht jede Serie tiefgreifende Themen in jeder Folge darstellen. Ich esse doch auch nicht jeden Tag Weihnachtsbraten. Manchmal reicht auch eine leichte Pizza oder ein Salat. Den leichten Unterhaltungscharakter hat die Serie derzeit verloren. Und mir fehlen die gestrichenen Charaktere - ebenso wie die Erkennungsmelodie. Da hätten sie auch gleich eine neue Serie machen und Alarm in Cobra 11 in Ruhe mit einem fulminanten Feuerwerk beenden sollen. Aber so? Nee, nee, nee.... nur Semir ist noch klasse.

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