Die Kritiker

«Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers»: Kostjas Kurzfahrt-Dialoge

von

Eine neue joyn-Comedyserie, ein weiterer, ruhiger Beiklang: Unsere Kritik zum Kostja-Ullmann-Vehikel «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers».

Hinter den Kulissen

  • Produktionsfirma: Bon Voyage Films
  • Produzenten: Amir Hamz, Christian Springer, Fahri Yardim
  • Regie: Julian Pörksen
  • Drehbuch: Georg Lippert
  • Kamera: Manuel Mack
Es ist noch zu früh, um joyn einen "Hausstil" bei seinen Originalserien anzudichten. Aber der prozentuale Anteil an melancholisch angehauchten Comedyserien ist durchaus bemerkenswert: Lars Jessens «Check Check» mit Klaas Heufer-Umlauf, Doris Golpashin, Jan Georg Schütte, Uwe Preuss, Sara Fazilat und Kailas Mahadevan vereint Situationskomik und Dialogwitz rund um die Belegschaft eines Provinzflughafens mit kummervollen Beiklängen rund um eine Hauptfigur, die sich Sorgen um ihren dementen Vater macht. «MaPa» mit «Sense8»-Castmitglied Maximilian Mauff wird gar gezielt als SadCom, als traurige Sitcom, etikettiert. Und nun kommt mit «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» eine ruhig erzählte Dramedy daher, in der sich kauzige Charaktere und rührende, kleine Geschichtlein die Autotürklinke in die Hand geben.

Der lebende, atmende rote Faden dieser Serie, deren sechs anekdotisch aufgebauten Folgen auch mühelos in ein Dutzend noch kleinere Folgen aufgeteilt werden könnten, ist Ben, gespielt von einem überzeugenden Kostja Ullmann. Obwohl Ben Mitte dreißig ist, irrt er noch immer in seinem Leben herum. Nach diversen Rückschlägen verdingt er sich als Uber-Fahrer, was ihn aber auch kaum darin vorwärts bringt, sein Leben auf Reihe zu bekommen. Denn statt sich darauf konzentrieren zu können, Wege zu finden, damit die von ihm schwangere Nadja (Claudia Eisinger) ihn nicht aus ihrem Leben ausschließt, muss er sich immer wieder die Probleme anderer Menschen anhören – und er kann (zumeist) nicht anders, als zu helfen.


Wären da nicht die paar Erzählminuten in jeder Folge, die sich um die schleichend entwickelnde Beziehung zwischen Nadja und Ben drehen, könnte man «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» fast als Anthologie bezeichnen. Denn den Mittelpunkt einer jeden Folge stellen Bens Fahrgäste dar, die ebenso schnell aus seinem Leben verschwinden, wie sie in sein Auto einsteigen. Die ersten paar Folgen von «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» sind so strukturiert, dass wir erst eine schräge Passagierin oder einen eigenwilligen Fahrgast erleben. Vom laut auf dem Rücksitz geführten, hemmungslosen Sex-Beichte-Telefonat, das Ben zu überhören versucht, hin zum arroganten unfreiwillig-komischen Angeber-Pärchen. Der Kern der Episode dreht sich daraufhin um eine längere, emotionalere Begegnung – so spricht Ben in der Auftaktfolge mit einem älteren Fahrgast und Kleinbrauer über dessen verstorbene Frau.

In diesen gehaltvolleren Geschichten verlassen wir auch länger das Auto – mal werden wir gemeinsam mit Ben in die Leben und Lebensräume seiner Kundschaft gezogen, andere Male verleihen Regisseur Julian Pörksen und Autor Georg Lippert ihrem Publikum einen Wissensvorsprung gegenüber Ben und zeigt ihm die Vor- und/oder Nachgeschichte einer Uber-Fahrt. Ganz unverkrampft zeigen sie so auf, dass sich die wenigsten Menschen allein anhand eines kurzen Ausschnitts ihrer Biografie beurteilen lassen – denn auf stets verschiedene, zumeist fein geschriebene und unaufdringlich inszenierte Weise zeigen diese weiteren Erkenntnisse über die Figuren ganz neue Seiten an ihnen auf.

Pörksen und Lippert nehmen nach den ersten paar Folgen immer wieder kleinere Umwege, so dass die Fahrt in diesem Serienwagen nicht monoton wird. So rückt mal die emotionalere Geschichte an den Anfang einer Episode. Eine andere Folge erzählt schwerpunktmäßig von einem um seine Existenz (und die seiner Familie) ringenden Taxi-Fahrer (stark: Ibrahima Sanogo) und kontextualisiert so den in den ersten Folgen gezeigten Hass, den Ben von seinen Mitbewerbern in den hellelfenbeinfarbenen Autos abbekommt. Und, ja, auch unser roter Faden gerät mal in den Mittelpunkt von «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» und wird dabei gezeigt, wie er die Chance bekommt, die richtige Abzweigung zu nehmen.

Mit einem durchweg überzeugenden Cast, der unter anderem in Episodenrollen Timur Bartels, Lars Rudolph, Edin Hasanovic, Pheline Roggan und Fahri Yardım umfasst, und pointiert erzählten, mal schrägen, mal schmunzelhaft-alltäglichen, mal emotionalen Geschichten ist «Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» eine sehenswerte Streamingserie "für zwischendrin" oder zum entspannten Tagesausklang. Staffel zwei kann bitte kommen!

«Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers» ist ab dem 28. Mai 2020 auf joyn abrufbar.

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