Die Kino-Kritiker

«Abikalypse»: Vier Außenseiter gegen den Erwartungsdruck der Schulwelt

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In «Abikalypse» wollen vier Außenseiter die ultimative Abschlussfete schmeißen. Doch das kostet Nerven ...

Filmfacts «Abikalypse»

  • Regie: Adolfo J. Kolmerer
  • Drehbuch: Tim Gondi
  • Darsteller: Lea van Acken, Lucas Reiber, Jerry Hoffmann, Reza Brojerdi, Lisa-Marie Koroll, Leon Blaschke, Bianca Nawrath, Oliver Korittke, Mehmet Kurtuluş
  • Produktion: Marco Beckmann, Matthias Schweighöfer
  • Kamera: Konstantin Freyer
  • Schnitt: Robert Hauser, William James
  • Musik: Roman Fleischer
  • Laufzeit: 90 Min
  • FSK: ab 12 Jahren
Das pochende Herz der deutschen Teeniekomödie «Abikalypse» ist ein Konstrukt: Die Hauptfigur. Im Mittelpunkt des Films steht Musti. Ein wohlhabender Diplomatensohn, der mit seinem Reichtum nicht hinterm Berg hält, aber keinerlei Proll-Attitüde aufweist. Musti ist ein schusseliger, gutmütiger und naiver, zuvorkommender Typ – der obendrein ein sehr smarter Schüler ist, aber genau davon frustriert ist. Denn Mustis Leben wurde von seinem Vater bereits detailliert vorgeplant, worauf der Gymnasiast keine Lust hat. Daher stellt er sich gegenüber dem Lehrkörper für dumm, schon mehrmals vermasselte er absichtlich die Abiprüfung. Daher ist er der Älteste in seiner Jahrgangsstufe, selbst wenn man es ihm aufgrund seiner verspielt-bubenhaften Art nicht anmerkt.

So jemand wie Musti ist nicht aus dem Leben gegriffen. Man darf die Figur guten Gewissens als Drehbuchkonstrukt bezeichnen. Jedoch sollte man dann auch die Größe haben, Drehbuchautor Tim Gondi zugutezuhalten, dass er ein cleveres, sehr funktionales Konstrukt erstellt hat. Denn woran nicht wenige Außenseiter-Schulkomödien stolpern, sind zwei Fragen: "Weshalb sind diese sympathischen Figuren Außenseiter?" Und: "Wie zum Henker sind diese Figuren zu Freunden geworden?"

Nicht so bei «Abikalypse»: Das zuweilen rücksichtslose Sozialgefüge Schule basiert, und daher tun sich einige Menschenschläge in der Schulzeit so schwer, auf Schubladen. Und so jemand wie Musti, ganz egal, mit welch gewinnendem Charisma er von Reza Brojerdi gespielt wird, würde an vielen Schulen durch die Raster fallen. Zu unbescheiden im Umgang mit seinem Geld für die Einen, zu bescheiden und kleinlaut für die Anderen. Die Musterschülerinnen und Musterschüler würden wegen seiner gewollt schlechten Noten die Augen rollen, andere Leute wären von seinem Potential, Streber zu sein, angenervt. Und so weiter. Und so zieht jemand gewitztes, empathisches und vergnügliches wie Musti halt andere unangepasste Jugendliche an. Eine Schul-Resterampe – die «Abikalypse»-Heldentruppe.

Schluckt man dieses Konstrukt namens Musti, so ist das für «Abikalypse» schon die halbe Miete. Denn der restliche Filme operiert auf einem ähnlichen Level, auf dem Konflikte und Figurenzeichnungen filmisch überhöht konstruiert, aber in sich plausibel sind. So arbeitet sich diese Komödie durch die typischen Teenagersorgen, was manche «Abikalypse» als unoriginell vorwerfen dürften. Allerdings ist es nun einmal so, dass sich in dieser Altersklasse viel um Zukunftssorgen ("Was mach ich nach dem Abi?") und Beziehungen dreht. Daher ist es wichtiger, zu beäugen, wie «Abikalypse» seine Handlungselemente anpackt, als sich darüber zu echauffieren, dass diese Abi-Abschlusskomödie nicht völlig neue Konflikte erfindet.

Und dahingehend überzeugt «Abikalypse» durchaus. So vermeidet Gondi das Storyentwicklungen vereinfachende, in binäres Schwarz-Weiß-Denken ziehende Klischee des herrischen, herzlosen Vaters. Mehmet Kurtuluş tritt als Mustis Vater zwar streng, eloquent und wenig Spaß verstehend auf, aber durch kleine Gesten und durch ehrlich interessierte Nachfragen, wie es seinem Sohn geht, wird unterstrichen, dass dieser Filmvater kein Feindbild ist – womit der Zwist zwischen Vater und Sohn an Nuancen gewinnt. Ähnlich verhält es sich mit dem in diesem Genre nahezu obligatorischen "Werden sie zum Paar oder werden sie nicht zum Paar?"-Subplot.

Dass die an Kunst und Gaming interessierte, schüchterne Hannah (Lea van Acken) und der entscheidungsschwache, aber gutherzige Tom (Lucas Reiber), etwas füreinander übrig haben, ist dank des Zusammenspiels Reibers und van Ackens glaubwürdig, wenngleich die Funken nicht derart heftig sprühen, dass sie zu einem filmischen Traumpaar heranwachsen würden. Während viele Filme das Hin und Her einfach mit kalten Teeniefüßen erklären würden, hebt sich «Abikalypse» vor allem dank Adolfo J. Kolmerer aus dem Genrestandard empor: Der Regisseur hinter dem genialen deutschen Genremix «Schneeflöckchen» lässt seine Hauptfiguren als wiederkehrendes Element Albträume haben, die er alle in einer ähnlichen Bildsprache hält. Und vor allem Toms schlagartiger Bammel davor, mit Hannah zusammenzukommen, gewinnt durch seinen minimalistischen, aber ausdrucksstarken Albtraum sowie eine anschließende, seine Realität einfangende Sequenz, die die Kameraführung seines Albtraums auf unwohle Weise imitiert, massiv an emotionalem Nachdruck.

Und dann wäre da noch der Vierte im Bunde: Der neurotische Yannick (Jerry Hoffmann), der glaubt, in zwei Freundeskreisen zu existieren – als Jugendfreund Toms, der somit in den MustiTomHannah-Kosmos gerutscht ist, sowie als fester Freund der von der ganzen Schule gemochten Partymaus Leonie (Lisa-Marie Koroll). Yannick realisiert aber nicht, dass Leonie nicht mit vollem Herzen bei der Sache ist – so weit, so Teeniefilmalltag.

«Abikalypse» aktualisiert diesen Standard-Subplot jedoch dezent, indem Verweise darauf fallen, dass Yannick für Leonie quasi nur ein Accessoire ist, das ihrem Instagram-Account zugutekommt. Dieses zeitgemäße Element kommt zwar nur sehr sporadisch zur Geltung, obwohl es großes Potential verspricht, allerdings gestatten die «Abikalypse»-Verantwortlichen Leonie einen bissigen Monolog, mit dem sie ihre hedonistische Perspektive auf ihre Beziehung mit Yannick erläutert. Zwar bleibt Leonie eine Art Schurkin, dessen ungeachtet verleiht ihr diese Sequenz schon mehr Nuancen als bei Teeniefilm-Antagonisten und -Antagonistinnen üblich.

Der rote Faden, an dem sich die Selbstfindung und Konfliktbewältigung der vier Hauptfiguren entlanghangelt, ist ebenfalls "familiär – mit eigenem Dreh": Musti, Yannick, Hannah und Tom wollen die ultimative Party auf die Beine stellen. Nicht aber, um es nach einem Schulleben im Abseits mal richtig krachen zu lassen, sondern, um endlich Achtung zu erhalten – selbst wenn Hannah nicht viel von Partys hält und Yannick sowie Tom aktuell andere Sorgen haben, sich aber von Mustis Engagement mitreißen lassen.

Da «Abikalypse» das Widerstreben, mit dem die Partymuffel an die Partyplanung herangehen, nur anreißt, wird nur wenig Spannung, Dramatik oder Witz aus diesem Dilemma gezogen. Daher sind längere Sequenzen, die sich aus diesem Storyaspekt nähren, durchaus "Hit and Miss". Ein ausgiebiges Slapstickchaos mit asiatisch-polnischen Alkoholhändlern wirkt beispielsweise dramaturgisch aufgesetzt und hat eher die Tonalität des wilderen «Abschussfahrt», und in Partyszenen sind es auch konsequent die ruhigeren, charakterbezogenen Augenblicke, die aufgehen.

Doch wann immer die vier Hauptfiguren im Mittelpunkt stehen, zündet die «Abikalypse». Die Dialoge sind, ähnlich wie bei der Netflix-Serie «How to Sell Drugs Online (Fast)», nah am Puls des Jugendsprechs und voll mit beiläufigen Pointen. Berger, van Acken, Hoffmann und Reiber tragen den Film als Freundeskreis in der Krise und Kolmerers gelegentliches Einpflegen inszenatorisch exzentrischer Szenen vertröstet sehr effizient über ein paar arg überspitzte Randfiguren und den zuweilen bemüht-dramatischen Score hinweg.

Fazit: Sympathische Figuren, gewitzte Dialoge und dezente Abweichungen vom Genrestandard: «Abikalypse» ist eine gelungene deutsche Teeniekomödie frei von «Fack Ju Göhte»-Rüpeleien.

«Abikalypse» ist ab dem 25. Juli 2019 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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