Die Kino-Kritiker

Therapie gegen das Schwulsein - «Der verlorene Sohn»

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In dem auf wahren Ereignissen basierenden Drama «Der verlorene Sohn» muss sich ein schwuler Junge einer Reparativtherapie unterziehen, um seine Neigungen loszuwerden. Regisseur Joel Edgerton inszeniert das mit viel Gefühl für Zwischentöne.

Filmfacts: «Der verlorene Sohn»

  • Start: 21. Februar 2019
  • Genre: Drama
  • Laufzeit: 115 Min.
  • FSK: 12
  • Kamera: Eduard Grau
  • Musik: Danny Bensi, Saunder Jurriaans
  • Buch & Regie: Joel Edgerton
  • Darsteller: Lucas Hedges, Nicole Kidman, Russell Crowe, Joel Edgerton, Madelyn Cline, Victor McCay, Xavier Dolan
  • OT: Boy Erased (AUS/USA 2018)
Selbst wenn sich Filme auf wahre Begebenheiten stützen, ist man es ja eigentlich gewohnt, dass die Macher für ein bisschen mehr Drama hier und da auf Fiktion zurückgreifen. Schließlich hält sich das wahre Leben selten an eins zu eins verfilmbare Dramaturgien und Erzählmotive. Das ist auch in Ordnung, so lange die Aussage des Originalstoffs dadurch nicht verfälscht wird. Wir erinnern uns nur an die kürzlich sehr hitzig geführte Debatte um «Bohemian Rhapsody» wo sich nicht zwingend an chronologische Abläufe gehalten wurde. Doch ob Freddy Mercury während der Performance von „We Will Rock You“ nun bereits einen Schnurrbart getragen hat oder nicht, ändert letztlich wenig an seinem Lebensweg und der Karriere der Band Queen. Regisseur Joel Edgerton hat sich bereits während seines Debüts «The Gift» in Zurückhaltung geübt; und dabei gehörte der Psychothriller um einen geisteskranken Stalker noch gar nicht in die „Based on True Events“-Kategorie. Trotzdem gab der Australier damit einen Vorgeschmack darauf, dass ihm bei seiner Arbeit ein ganz entscheidender Grundsatz besonders wichtig zu sein scheint: Weniger ist mehr! Dazu passt auch, dass er sich für seine zweite Regiearbeit «Der verlorene Sohn» nun an das Schicksal einer echten Person gewagt hat.

Und hier kommt die Überdramatisierung ins Spiel: Auf eine solche setzt Edgerton für seinen Film nämlich nicht. Bis zum Schluss bleibt der Filmemacher routiniert bei dem, was der zum damaligen Zeitpunkt achtzehnjährige Garrard Conley tatsächlich erlebt hat, auch wenn das bedeutet, dass man als Zuschauer vielleicht nicht unbedingt das zu sehen bekommt, was man angesichts der Prämisse eines radikal-religiösen Umerziehungscamps für homosexuelle Teenager vielleicht erwarten würde.

Die Kirche will das nicht...


Der neunzehnjährige Jared (Lucas Hedges) wächst in einem Baptistenprediger-Haushalt in den amerikanischen Südstaaten auf. Als sein streng gläubiger Vater (Russell Crowe) von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, da Jared ungewollt geoutet wird, drängt er ihn zur Teilnahme an einer fragwürdigen Reparativtherapie, wo er seine Homosexualität bekämpfen soll. Vor die Wahl gestellt, entweder seine Identität oder seine Familie und seinen Glauben zu riskieren, lässt er sich notgedrungen auf die absurde Behandlung ein. Seine Mutter (Nicole Kidman) begleitet Jared zu der abgeschotteten Einrichtung, deren selbst ernannter Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton) ein entwürdigendes und unmenschliches Umerziehungsprogramm leitet.

Man muss sich das einmal vorstellen: In sogenannten Reparativtherapien sollen selbsternannte Heiler jungen homosexuellen Menschen dabei „helfen“, ihre vermeintlich aus einer Sünde heraus entstandenen Neigungen in den Griff zu bekommen, um sie anschließend als „Geheilter“ (also heterosexuell) zu verlassen. Das ist keine krude Buch- oder Filmidee, sondern passiert so tagtäglich in den USA, wo unter dem Deckmantel von Religion unzählige dieser Therapiezentren ihre obskuren Theorien verbreiten und regelmäßig von besorgten Eltern aufgesucht werden. Eltern wie Nancy und Marshall, die sich einst selbst zu dem Schritt entschlossen, ihren Sohn Garrard dorthin zu geben. Anschließend verbrachte er mehrere Tage in der Einrichtung, eh er diese dank seiner eigentlich von Anfang an kritischen Mutter wieder verlassen konnte. Und weil er sich, anders als ein Gros der Patienten, nicht brechen ließ. Über seine Zeit dort schrieb er erst einen Artikel für die New York Times und später das Buch „Boy Erased“, worin er genau diese wenigen Tage seines Aufenthalts beschreibt und was diese mit ihm gemacht haben.

Schon hierin liegt ein Geheimnis dafür, weshalb Joel Edgertons Film „Der verlorene Sohn“ so beklemmend echt wirkt: Er bleibt bei seiner Inszenierung ganz dicht an den Vorlagen. Und das bedeutet in diesem Falle, dass er sich nur auf genau diese wenigen Tage konzentriert, die sich der im Film Jared genannte Teenager dort befunden hat. Joel Edgerton kann also gar nicht sämtliche Gräueltaten abbilden, die sich mitunter in einem solchen Therapiezentrum abspielen, ganz einfach weil Jared sie gar nicht alle miterlebt hat.

Großes Schauspielkino


Es entsteht also erstmal der Eindruck, dass all das hier Gezeigte ja gar nicht so schlimm ist, wie vermutet. Doch dieser Eindruck ist trügerisch und entwickelt seine ganze schockierende Wirkung dann, wenn man ihn selbst als Trugschluss entlarvt. Joel Edgerton verzichtet zwar ganz bewusst auf Extreme, trotzdem bekommt man aus Jareds Perspektive immer auch die besonders radikalen Ausprägungen der fanatistischen ideologie mit. Wenn zum Beispiel einer seiner Mitinsassen zu Therapiezwecken seiner eigenen Beerdigung beiwohnen muss, fühlt man sich gemeinsam mit dem eigentlich so klar denkenden aber zum Stillhalten verdammten Jared umso hilfloser. Immer wieder hinterfragt Jared die Methoden, äußert sich auch gegenüber seiner Eltern kritisch zu den Therapien und stößt dabei sogar auf das offene Ohr seiner Mutter. Andere haben nicht so viel Glück und unterziehen sich ohne ihr Mitbekommen einer ganz langsamen Gehirnwäsche. Darin, zu sehen, wie diese Methoden auf der einen Seite funktioniere, die Homosexuellen ihre Neigungen dadurch immer abstoßender finden, während der ursprünglich selbst zum Opfer auserkorene Jared dem Ganzen einfach nur fassungslos zusehen kann, steckt die wahre Brutalität des Films.

So richtig explizit wird es auf der Leinwand trotzdem einmal. Wenn Jared in der ersten Hälfte des Films brutal vergewaltigt wird – der Anstoß für sein später ebenso gewaltsam stattfindendes Outing – geht das ordentlich an die Nieren. Es ist der einzige Moment, in dem Joel Edgerton mit einer gewissen Drastik arbeitet; ganz so, als wolle er aufrütteln, in einem Moment, in dem es jedoch noch gar nichts aufzurütteln gibt. Die Szene wirkt innerhalb dieses sonst so zurückhaltend inszenierten, zu keinem Zeitpunkt auf Überzeichnung setzenden Films fast ein wenig deplatziert. In «Der verlorene Sohn» wirken noch nicht einmal die Betreuer vor Ort, zu denen auch Joel Edgerton als Leiter Victor Sykes gehört, wie typische Schurken. Das von ihnen vorgetragene Anliegen besitzt (zumindest aus ihrer Perspektive) Ernsthaftigkeit, was sie für ihre jungen Schützlinge erst recht gefährlich macht. Ihre Ausstrahlung gleicht denen von Sektenführern; man erkennt sofort, weshalb ihren Methoden Jahr für Jahr so viele US-Amerikaner auf den Leim gehen. Dadurch wirkt «Der verlorene Sohn» fast dokumentarisch, was die über alle Maße authentischen Performances sämtlicher Schauspielerinnen und Schauspieler unterstreichen.

Im Zentrum steht Lucas Hedges («Ben is Back») mit einer einmal mehr herausragend aufopferungsvollen Schauspielleistung als verzweifelt um Gehör bittender Jugendlicher, der selbst als Opfer der Umstände nie mit sich und seiner Einstellung hadert. Russell Crowe («The Nice Guys») und Nicole Kidman («Aquaman») wissen dagegen hervorragend, ihre Liebe zueinander mit der Liebe zum Sohn und der Religion zu gleichen Teilen in Relation zu setzen. Der zwischen ihnen ausgetragene Kampf um Anerkennung ist mindestens genauso spannend, wie Jareds Kampf um seine Freiheit.

Fazit


Joel Edgerton beweist auch in seiner zweiten Arbeit «Der verlorene Sohn» sein Händchen dafür, stilsicher und ohne Effekthascherei von zwischenmenschlichen Dramen zu erzählen, die gerade durch ihre zurückgenommene Inszenierung umso mehr Emotionalität und Kraft entfalten.

«Der verlorene Sohn» ist ab dem 21. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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