Die Kritiker

«Wir haben nur gespielt»

von

Der neue Spielfilmbeitrag des "Kleinen Fernsehspiels" führt einen deutschen Mittelschichtsjungen in die Welt des osteuropäischen Kinderstrichs.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Finn-Henry Reyels als Jona
Roman Bakhavani als Miro
Silke Bodenbender als Jonas Mutter
Godehard Giese als Jonas Stiefvater
Alexandru Cirneala als Jurek
Till Schmidt als Freier

Hinter der Kamera:
Produktion: Kurhaus Production und ZDF - Das kleine Fernsehspiel
Drehbuch: Katrin Milhahn und Antonia Rothe-Liermann
Regie: Ann-Kristin Reyels
Kamera: Jenny Lou Ziegel
Produzenten: Christoph Holthof-Keim und Daniel Reich
Angesichts all der gehetzten Oberflächlichkeiten, die in deutschen Fernsehfilmen gebetsmühlenartig vorgeführt werden, ist die gegenteilige Herangehensweise – also eine inhaltliche Entschleunigung, die eine ausführliche psychologische oder soziale Milieu- und Charakterbetrachtung zulässt – schon prinzipiell interessant und aus künstlerischer Sicht reizvoll. Ungeachtet dessen benötigen jedoch gerade Stoffe, die arm an äußerer Handlung sind, einen besonders individuellen Blickwinkel, ein besonders spannendes Thema, eine besonders interessante Hauptfigur oder eine besonders mutige erzählerische Kompromisslosigkeit, damit diese Armut an äußerer Handlung nicht als Ideenlosigkeit missverstanden werden kann, sondern auf der thematischen Ebene umso einnehmender verfängt. Genau das ist jedoch in «Wir haben nur gespielt» nicht zu erkennen:

Der zehnjährige Jona (Finn-Henry Reyels) ist vor kurzem mit seiner Mutter (Silke Bodenbender) und seinem neuen Stiefvater (Godehard Giese) aus Berlin in einen kleinen Ort direkt an der Grenze zu Tschechien gezogen. Als er sich eines Nachmittags auf der anderen Seite der Grenze verläuft und, ohne es zu realisieren, wenig ältere Jugendliche bei der Prostitution beobachtet, fühlt er sich zu ihnen hingezogen – insbesondere zu Miro (Roman Bakhavani), der erst seine Schuhe und später Geld von ihm verlangt, um Zeit mit ihm zu verbringen.

Nicht nur hinsichtlich der biographischen Hintergründe seiner beiden jungen Hauptfiguren, sondern auch im Hinblick auf das Thema belässt es dieser Film durchwegs bei Andeutungen. Beide Jungen sind verloren in dieser Welt: Doch während der Eine ordentlichen Mittelschichtsverhältnissen im wohlhabenden Westen entstammt, kommt der andere aus dem wirtschaftlichen Bodensatz Osteuropas. Während für den Einen zumindest in finanzieller Hinsicht in frappierender Selbstverständlichkeit gesorgt ist, muss sich der Andere als Leibeigener eines brutalen Zuhälters auf dem Strich verdingen. Jonas Gerechtigkeitsverständnis, das er seinem neuen Freund wieder und wieder vorträgt, – „Aber Erwachsene dürfen keine Kinder schlagen!“ – kann in Miros Welt keine Gültigkeit haben. Dass Jona dieser Umstand auch nach langem Kontakt mit dieser Welt nicht begreiflich zu machen ist, ist wohl die vielsagendste Botschaft, die diesem Film innewohnt.

Derweil versteht es «Wir haben nur gespielt» leider nicht, seinen entschleunigten Duktus für deutlichere Beobachtungen nutzbar zu machen und über den unmittelbaren Kontext seiner Erzählung hinauszuweisen. Auch die Handlungsmotive der Figuren bleiben oft bloße Andeutungen und somit meist nur oberflächlich begreiflich und wirr, während der Handlungsablauf zu häufig in Redundanzen verfällt, statt thematische Variationen zu suchen: Erst nach einem Drittel der Laufzeit wird überhaupt im Ansatz klar, worum es diesem Film gehen soll und in welche Welt er seine Charaktere führen möchte. Doch bis dahin hat sich trotz umfangreicher Gelegenheiten nur ein oberflächlicher Zugang zu den Figuren eingestellt. So offenbart sich an «Wir haben nur gespielt» weder ein besonderer intellektueller noch ein besonderer emotionaler Reiz.

Das Traurige daran: Durch seinen betrachtenden, lebensnahen, introspektiven, figurenzentrierten Ansatz hätte es diesem Projekt anders als der Vielzahl deutscher Problemfilme tatsächlich gelingen können, ein erschütterndes Porträt über sein schockierendes Thema zu zeichnen. Doch dazu hätte es des Willens bedürft, auch visuell und erzählerisch zu schockieren, ebenso wie einer kohärenten Narrative, die in der Entschleunigung nicht nur einen avantgardistischen Selbstzweck, sondern den Weg zur emotionalen Erschütterung seines Publikums hätte sehen müssen.

Das ZDF zeigt «Wir haben nur gespielt» im Rahmen des „Kleinen Fernsehspiels“ am Montag, den 14. Januar um 23.55 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/106477
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