First Look

«1983»: Den Sozialismus in seinem Lauf...

von

In Polens erster Netflix-Serie ist politisch die Zeit stehen geblieben und Polen immer noch sozialistisch. Jenseits dieses Alternate-History-Reizes kann das schwach erzählte Format jedoch nicht verfangen...

Cast & Crew

Produktion: The Kennedy/Marshall Company und The House Media Company
Schöpfer und Autor: Joshua Long
Darsteller: Maciej Musiał, Robert Więckiewicz, Michalina Olszańska, Zofia Wichłacz, Andrzej Chyra, Ewa Błaszczyk, Edyta Olszówka u.v.m.
Regisseure: Kasia Adamik, Olga Chajdas, Agnieszka Holland und Agnieska Smoczyńska
2003 ist Polen ein technologisch modernes Land, mit hohem Lebensstandard und beeindruckender Infrastruktur, aber politisch erstarrt. In der Welt von «1983» hat es den Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus‘ und den Fall des Eisernen Vorhangs nie gegeben. Dafür fungiert eine bestialische Anschlagsserie in allen polnischen Großstädten aus dem titelgebenden Jahr 1983 als prägendes nationales Ereignis. Die Hinterbliebenen der Opfer gelten als Symbole patriotischen Heldentums. Der Staat und seine Sicherheitsorgane sind gewohnt diktatorisch-repressiv geblieben. Freie Bürger mit freien Meinungen, eine freie Gesellschaft mit Abwehrrechten gegen ein übergriffiges Staatswesen gibt es nicht.

Doch im Verlauf der Serie bröckelt dieses Konstrukt. Dieser Prozess beginnt mit dem jungen Jurastudenten Kajetan Skowron (Maciej Musiał), einem Waisen, dessen Eltern den berüchtigten Anschlägen von 1983 zum Opfer gefallen waren. Er ist mit der Tochter eines hochrangigen Parteioffiziellen liiert, und obwohl er bisher weder Anlass noch Gelegenheit hatte, die Richtigkeit und Wichtigkeit des sozialistischen Regimes in Polen infrage zu stellen, sät sein Mentor, ein integerer ältlicher Juraprofessor und Oberster Richter, erste Zweifel. Er führt Kajetan auf die Spur einer in den 80er Jahren getöteten Frau, deren Mordfall nie aufgeklärt worden ist. Kurz darauf wird der alte Mann selbst aus dem Weg geräumt.

Zeitgleich ermittelt der Polizist Anatol Janów (Robert Więckiewicz) in einem anderen Tötungsdelikt, dessen Spuren in die höchsten Sicherheitskreise des Landes führen. Das Opfer schien Mitglied einer Widerstandsgruppe zu sein, deren Symbolik in Verbindung mit der vor drei Jahrzehnten umgebrachten Frau in Zusammenhang steht, auf die der junge Jurastudent mit der Nase gestoßen wurde.

Dieses verworrene Handlungsgerüst wird leider auch mit der Zeit nur unwesentlich klarer – und bis man es sich aus den diffusen Motiven überhaupt erschlossen hat, ist fast die gesamte Laufzeit der ersten Folge vergangen. Dieser leidige Umstand erschwert jedoch nicht nur ein schnelles Verständnis von Handlungsgeflecht und Themen, sondern macht es dem Zuschauer auch nahezu möglich, rasch einen Zugang zu den Charakteren zu finden. Die werden obendrein unnötig stereotyp und generisch geführt: Im Zentrum stehen ein Cop, der sich nichts gefallen lässt und auch gegen die Widerstände des Regimes seine geheimen Ideale von Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit verteidigen wird, und ein ambitionierter Jurastudent, der langsam damit beginnt, die gute Gesellschaft zu hinterfragen, in der er sich bewegt. Doch gerade Sci-Fi- und Alternate-History-Stoffe brauchen starke Figuren, die dem Zuschauer den Weg in der ihm fremden Welt weisen – und «1983» kann leider keine einzige vorweisen.

Noch dazu macht die Serie auch aus ihren an sich interessanten Genre-Motiven nicht sonderlich viel. Ebenso erzählerisch ineffektiv verhallen die historischen Anklänge an die Urtraumata der polnischen Geschichte: die Rolle als Spielball größerer Mächte, die jahrhundertelange Fremdherrschaft und Fremdbestimmung, die immer wieder zu einer reflexhaften Überbetonung von nationaler Stärke und Autarkie geführt hat. Ein polnisches Publikum mag dabei vielleicht mitunter deutlichere Anspielungen erkennen, die einem ausländischen entgehen. Dennoch hätte eine stärkere Betonung dieser Aspekte den Thriller- und Verschwörungs-Plot besser in einem allgemeinen Referenzpunkt erden können, und ihn so zugänglicher und insbesondere weniger generisch gemacht.

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