Die Kritiker

«Tatort – Blut»: Happy Halloween!

von

Da haben die Programmplaner mitgedacht: Kurz vor dem großen Schauerfest geht mit «Tatort – Blut» ein «Tatort» auf Sendung, der sich am Horrorgenre bedient. Frohes Gruseln!

Cast und Crew

  • Regie und Drehbuch: Philip Koch
  • Darsteller: Oliver Mommsen, Lilith Stangenberg, Sabine Postel, Cornelius Obonya, Lilly Menke, Camilla Renschke, Matthias Brenner, Lena Kalisch, Stephan Bissmeier, Helen Barke
  • Kamera: Jonas Schmager
  • Schnitt: Friederike Weymar
  • Musik: Michael Kadelbach
  • Produktionsfirma: X Filme Creative Pool
Eine Jugendliche, allein in einem großen, dunklen Haus. Sie rennt panisch durch die Gänge. Hinter ihr: Ein großer, verhüllter Eindringling mit einer Stichwaffe. Doch, Halt! Es ist alles nur ein Film, den sich eine Gruppe junger Frauen anschaut. Puh. Entwarnung … Mit Naschwerk und wenig gesunden Getränken bewaffnet, stopfen sich die Freundinnen voll, lümmeln auf dem Sofa und den Sesseln herum und lästern: Was für ein laaaaangweiliger Film! Und dafür haben wir Geld ausgegeben?! Ätzend! Na, wenigstens macht die Gastgeberin eine neue Schüssel Popcorn. Salzig, bitte. Mit geschmolzener Butter. Das ist ja wohl das mindeste! Doch während die Heranwachsende allein in der Küche steht und die Verpflegung macht, vernimmt sie verdächtige Geräusche vor der Tür …

Wer nun an «Scream 4» denkt, die finale Regiearbeit des leider verstorbenen Horrorfilmers Wes Craven, liegt gar nicht so fern: Was Regisseur und Autor Philip Koch («Picco», «Operation Zucker») hier für den «Tatort» aus Bremen verantwortet hat, ist kein alltäglicher Sonntagskrimi, sondern ein auf 20.15-Uhr-Tauglichkeit zurechtgebogener Horrorfilm. Zumindest in seinen besten Momenten. Ganz so weit wie der Frankfurter Halloween-«Tatort» aus dem Jahr 2017, «Tatort – Fürchte dich», wagt sich der Bremer Fall dann doch nicht. Trotzdem ist der kurz und prägnant mit filmischer Realität und Fiktion innerhalb der Filmrealität spielende Auftakt ein klares Statement. Insbesondere, weil er in eine ganz typische, markante Slasherpassage mündet, in der junge Frauen einen gemütlichen Abend verbringen und auf einmal Angst vor bedrohlichen Fremden haben müssen, die sich im Schatten verstecken.

Koch imitiert behände die Bildsprache von «Scream», «Halloween» und Co., würzt herbe Klischees aus früheren Slasher-Jahrzehnten mit heutigem Smartphonegebrauch und moderner Alltagssprache. Neues ringt Koch dem Genre nicht ab, wohl aber gelingt ihm eine nahtlose Aktualisierung der Genreblaupause. Und dann drängelt sich der normale Bremer «Tatort» in diese Slasherpastiche. Schade, dass sich Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) diesem Mordfall an einer jungen Frau annehmen. Riesig wären die Möglichkeiten, würden sich die Münsteraner Exzentriker auf einmal in einer Horrorhommage befinden. Oder der Wiesbadener Grübler Felix Murot. Wenn sich jedoch Lürsen und Stedefreund über Exorzismus, Vampire und Van Helsing unterhalten, geht mit dem eine gewisse Gleichgültigkeit einher.

Das ist nicht das Vergehen Postels oder Mommsens. Deren Leistungen sind völlig vorzeigbar – jedoch sind ihre Figuren farblos, so dass es ein Stück weit verschenkt ist, diese kantenlosen Ermittler für solch einen speziellen Fall zu nehmen. Selbst dann, wenn Stedefreund vom Fall so mitgenommen ist, dass er anfängt, ans Mystische zu glauben, lässt sich dem aufgrund der dünnen Charakterzeichnung nur wenig abgewinnen. Immerhin: Koch bemüht sich redlich, etwas aus der Figur rauszuholen und lässt den abgeklärten Kommissar einen tiefen, nervlichen Zerfall durchlaufen. Der Wandel geht zwar arg rasant vonstatten, so dass Mommsen teils ins Overacting gedrängt wird. Jedoch verkauft Mommsen den verzweifelten Stedefreund vor allem gen Schluss mittels zittriger Gestik und panischer Mimik recht gut.



«Tatort – Blut» läuft dann zu Hochform auf, wenn sich Koch tiefer und tiefer ins (mutmaßlich?) Mystische vorwagt. Was als Slasher beginnt, und zwischenzeitlich als relativ normaler «Tatort» weitergeht, wird letztlich zum gotisch angehauchten, Traum und Wirklichkeit verwischenden (Quasi-)Horrordrama über eine junge Frau, die schreckliches von sich glaubt. Koch fängt deren Handlungsfäden in düsterer Ästhetik ein, das Sounddesign ist aggressiv, Jonas Schmagers Kamera wiederum fängt in weitwinkligen Aufnahmen die schattigen, staubigen Sets ein. Jedenfalls, wenn die Kamera nicht gerade trunken durch den Raum schwebt.

Inmitten dieser Schaueraufmachung gibt Lilith Stangenberg eine Performance ab, die sie hoffentlich für diverse TV-Preise empfiehlt. Die «Wild»-Hauptdarstellerin begeistert einmal mehr mit einer animalischen, unvorhersehbare Haken schlagenden Schauspielleistung. Ihre «Tatort»-Rolle ist aggressiver, forscher, zügelloser als ihre «Wild»-Rolle, gleichwohl weht auch hier eine verletzliche Verlorenheit mit, wodurch sich Lilith Stangenberg zu einer der besten «Tatort»-Widersacherin der letzten paar Jahre aufschwingt. Sie ist erschreckend, dick aufgetragen und dennoch nuanciert – und genrebedingten Übertreibungen zum Trotz in ihrer manischen Art noch immer nachvollziehbar. Da gruselt man gerne mit.

«Tatort – Blut» ist am 28. Oktober 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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