Die Kino-Kritiker

«Zwei im falschen Film»: Zwei halbe, falsche Filme ergeben einen echt guten

von

Einer der originellsten deutschen Filme seit Jahren: Ein Paar, viele Metaebenen, zwei filmische Stile.

Filmfacts: «Zwei im falschen Film»

  • Regie und Drehbuch: Laura Lackmann
  • Darsteller: Laura Tonke, Marc Hosemann, Christine Schorn, Rolf Becker, David Bredin, Arnd Klawitter, Katrin Wichmann, Sebastian Schwarz
  • Produktion: Milena Maitz
  • Kamera: Friede Clausz
  • Schnitt: Philipp Thomas
  • Musik: Lukas Frontzek, Simon Frontzek
  • Laufzeit: 107 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Liebesschnulzen sind doof. Klischeebeladen, übertrieben simpel, aber in ihrer aufgeladenen Symbolik trotzdem dermaßen überdramatisch, dass es schwer fällt, ihnen zu folgen. Und langweilig sind sie auch noch. Ganz davon zu schweigen, wie wenig sie mit echten Liebesgeschichten gemeinsam haben. Hans (Marc Hosemann) und seine Freundin Laura (Laura Tonke), die er stur und in einer Tour nur Heinz nennt, haben sich trotzdem ins Kino gepflanzt und eine angeschaut. Ihr Urteil: Verheerend. Sie versuchen, dennoch aus Respekt sogar den gesamten Abspann zu gucken. Aber selbst allen guten Vorhaben zum Trotz fällt ihnen das schwer. Und so fahren sie nach dem wenig gelungenen Kinobesuch in ihrem voller Macken steckenden VW Golf II zurück in ihren Alltag.

Mit dem sind sie ganz zufrieden. Ja, es nervt, dass seit Jahren die «Dirty Dancing»-CD in der Soundanlage des Golfs feststeckt und dass der Wagen einen defekten Rückwärtsgang hat. Und ja, für einen Mann um die 40 ist es kein Erfolg, dass er als beruflichen Erfolg nur einen kleinen Copyshop aufzuweisen hat, für den er mit seinen selbst bedruckten Klamotten andauernd Werbung macht und der nicht genug Geld für eine richtige Wohnung abwirft, weshalb er und seine Freundin den Laden nachts zur heimischen Stätte umbauen. Ja, die beziehungsinterne Kommunikation beschränkt sich auf Themen wie "Ich wollte, dass wir das Achievement in unserem aktuellen Lieblings-Videospiel gemeinsam freischalten". Ja, Laura alias Heinz zieht sich immer burschikoser an, während sie beklagt, Hans würde ihre Weiblichkeit nicht mehr zu schätzen wissen. Ja, die Eltern der Beiden haben nur Kritik und besorgte Fragen übrig. Und, ja, als Lauras Ex Max (Hans Longo) ihr bei einem Zufallstreffen schöne Augen macht, weckt das alte Gefühle in ihr. Was Hans nicht einmal auffällt. Oder ihm egal ist. Oder irgendwie sowas. Ja … Ja, gut, Hans und Heinz haben vielleicht nicht gerade die filmreifeste Beziehung. Und womöglich auch keine, die reif für eine längere Zukunft ist.

Autorin und Regisseurin Laura Lackmann («Mängelexemplar») macht sich in «Zwei im falschen Film» auf der Metaebene zunächst zur Wunscherfüllerin ihrer beiden Hauptfiguren. Die Zwei halten typische Kinoromanzen für bescheuert? Gut, dann wird ihr Dasein halt so kinountauglich wie nur möglich geschildert. Das bezieht sich nicht einmal streng auf die inhaltliche Komponente. Eingeschlafene Langzeitbeziehungen, denen der romantische Funke und die besondere Leidenschaft abhanden gekommen sind, gibt es auf der großen Leinwand in hoher Taktung zu bemitleiden. Nein, Laura Lackmann geht das Thema der Beziehung, in der der eingeschliffene Alltag mehr zu sagen hat als die Passion, auf inszenatorischer Ebene unsexy, kalt und leidenschaftslos an. Mit faszinierender Vehemenz und Methodik. Denn «Zwei im falschen Film» ist sehr lange sehr alltagsgetreu.

Lackmann verzichtet auf nichtdiegetische Musik, also auf Lieder und Instrumentalstücke, die nur wir als das Filmpublikum hören können und die ein elementarer Teil von Filmen generell und Filmromanzen im Besonderen sind. Was wäre etwa «Love Story» ohne seine tragischen Streicher oder «Titanic» ohne Celine Dion? Umso mehr stechen in Hans' und Lauras gemeinsamen Leben die zufälligen Alltagsmusiken hervor. Ein halbwegs ernsthaftes Beziehungsgespräch wird von der montonen, lauten Fantasyabenteuermusik ihres Videospiels übertönt. Das romantische Dinner beim Chinesen könnte nicht weniger sinnlich sein, so, wie die ethnische Klischeeschleife im Hintergrund plärrt. Und selbst ein romantischer Evergreen wie "(I’ve Had) The Time of My Life" verliert jegliche Wirkung, wenn er jedes verflixte Mal aus den Boxen ballert, sobald der Golf gestartet wird.

Und die unromantische Akustik ist bloß die Spitze des Eisberges. Lackmann lässt ihren Kameramann Friede Clausz die Gespräche (und vor allem die Nicht-Gespräche) ihrer Hauptfiguren denkbar hässlich ausleuchten. «Zwei wie im falschen Film» sieht nicht bloß einfach "nicht leinwandtauglich" aus, mit seiner flachen Bildtiefe, dem grieseligen Kontrast und der nichtvorhandenen Lichtdramaturgie. Er sieht nicht einmal stilvoll-stillos aus, also auf einer augenzwinkernd-absichtlichen Art schäbig, wie «Grindhouse», «Casa De Mi Padre» oder «Black Dynamite». Es reicht auch nicht einmal an Stelle der Kinooptik für einen groben Reality-Fernsehen-Look, «Zwei im falschen Film» sieht einfach nur schlecht und unprofessionell aus, so sehr, dass die Ausleuchtung fast (aber eben nur fast!) von den variantenarmen Kameraeinstellungen ablenkt. Oder davon, wie unfilmisch und zuschauerunfreundlich das Paar nebeneinander sitzt. Normalerweise lenkt die Regieführung das Publikum dahin, wessen Mimik und Gestik gerade stärker beobachtet werden soll, oder sie unterstreicht durch Einstellungsgrößen die Emotion eines Moments, ähnlich, wie es die Schnittfrequenz zu tun vermag. «Zwei im falschen Film» ist dagegen anfangs Kraut und Rüben. Chaos, inszenatorische Arbeitsverweigerung, wie vom Zufallsgenerator zusammengestellt.

Aber, ja: Lackmann ist natürlich keine talentfreie Versagerin, die orientierungslos einen abendfüllenden Film zusammengekleistert hat und den nun ins Kino schmeißt, hoffend, irgendwer wird das schon als Kunst erkennen. Ganz im Gegenteil! Die peinlich langen Gesprächspausen, die grobe Umsetzung des Stoffs, die lästigen Hintergrundklänge, all dies ist ein gewiefter, minutiöser Meta-Mittelfinger an Heinz, Hans und all jene, die ihnen in Sachen Film verbissen zustimmen. Denn die Realität allein kann keine Kinomagie zustande bringen.

Schleichend verschiebt sich «Zwei im falschen Film» von einer Ansammlung haarscharf beobachteter, wenig komfortabler Alltagsanekdoten zu einer erst subtil, dann immer überdeutlicher narrativ eingefädelten, auf ein Ziel zulaufenden Story über neue romantische Chancen. Stilistisch macht «Zwei im falschen Film» diesen Wandel ebenfalls durch, wandelt sich vom völlig missratenen Look zu einer chicen, malerischen Kinoästhetik und auch einige der Gesetze, die sich der Film eingangs gesetzt hat, werden nach und nach gebrochen.

All dies auf einer trocken-verschmitzten Art, während die Figuren an Facetten gewinnen, jedoch ihr lebensnah-unspektakuläres Auftreten verlieren. Hosemann und Tonke vollziehen diese schleichenden Wandel ihrer Figuren meisterlich und schaffen es, sie unter den dicken Metaebenen facettenreich zu spielen und mehr aus ihnen zu machen als zwei Schaubilder in einer Genredekonstruktion. Anders gesagt: Wenn man zwei Alltagsverlierern vom Herzen gönnt, in Filmklischees zu stapfen, weil diese durch ihre konstruierte Art weniger schmerzlich sind als ihre Ausgangslage, dann müssen die Schauspieler ja etwas auf beeindruckend-schräge Art richtig machen. Oder?

«Zwei im falschen Film» ist durch und durch ein Konzeptfilm. Aber einer, der sich mit seinen konsequent verfolgten, geistreich umgesetzten Ideen ins Gedächtnis brennt und ebenso sehr mit exemplarischen Alltagsbeobachtungen Salz in Wunden zu streuen weiß, wie er sich mit intellektueller Achtung sowie inniger Passion vor filmischen Kunstgriffen verneigt. Es steht zu befürchten, dass Hans' und Heinz' Liebesirrungen nur ein sehr kleines Publikum finden werden. Doch sie haben jeden einzelnen Kinobesuch verdient, der ihnen vergönnt ist – und mehr.

Fazit: Andersartig, smart, gewitzt und voller Beobachtungsgabe – «Zwei im falschen Film» zählt zu den originellsten deutschen Filmen seit Jahren.

«Zwei im falschen Film» ist ab dem 31. Mai 2018 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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