Die Kino-Kritiker

«Resturlaub»

von
Bestseller-Autor Tommy Jaud schafft es erneut ins Kino: Nach «Vollidiot» mit Oliver Pocher ist es Zeit für «Resturlaub» in Argentinien.

Nunmehr vier Jahre sind vergangenen, seit «Vollidiot» mit Hauptdarsteller Oliver Pocher in die deutschen Kinos kam. Jetzt startet mit «Resturlaub» die zweite Verfilmung eines Comedy-Romans von Tommy Jaud. Wer sich anlässlich dessen die Vita des Bestseller-Autors genau vor Augen führen lässt, stellt schnell fest, welchen Einfluss Tommy Jaud auf den deutschen Gegenwartshumor hatte. Er war eine Zeit lang freier Mitarbeiter der «Harald Schmidt Show», einer der Hauptautoren der Originalauflage der «Wochenshow» und zudem Creative Producer der «Ladykracher» mit Anke Engelke. Auf die Gefahr hin, den Stellenwert des einstigen Germanistikstudenten zu überschätzen: Jaud war einer der prägenden Köpfe der modernen deutschen Fernseh-Comedy.

Das zu erwähnen ist aus einem deutlich ersichtlichen Grund für eine Filmbesprechung von «Resturlaub» bedeutsam: Der Kinokomödie von Regisseur Gregor Schnitzler («Soloalbum») merkt man den TV-Hintergrund ihres Drehbuchautors Jaud ununterbrochen an. Wer abseits von «Stromberg», «Pastewka» oder diversen Kabarettprogrammen längst nicht mehr über das TV-Programm lachen kann, wird deshalb auch «Resturlaub» gering schätzen.

Nicht etwa, dass Jaud ebenso schlappe Gags abliefert, wie sie seit Jahren in zahllosen Sketchcomedys runtergerattert werden. Wem die obigen Auszüge aus dem Schaffen des gebürtigen Schweinfurters nicht genügen und der sich auch von «Zwei Weihnachtsmänner» mit Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka nicht überzeugen lässt, könnte noch immer an seinen Büchern Gefallen finden. Dass diese zu solch enormen Verkaufsschlagern wurden, liegt gewiss nicht an deren Jedermann-Protagonisten, sondern viel mehr an Jauds süffigem Sprachumgang. Gewiss, Jauds Stil ist nicht sehr elaboriert, doch ihm gelingt es, die Situationen, in die er seine Helden manövriert, sehr komisch zu umschreiben. Jaud schafft mit seinen gelungenen Formulierungen eine flotte, gute Fernsehkomödie im Kopf seiner Leser.

Allerdings ist genau dies eines der Probleme der Leinwandadaption von «Resturlaub»: Jauds Bücher sind durch hauptsächlich durch die Beschreibungen der Ereignisse so komisch und erst in zweiter Instanz durch die leicht absurden Situationen selbst. Setzt man einen solchen Roman fürs Kino um, so muss irgendetwas die weggefallenen Texte kompensieren. Der Humor von «Vollidiot» wurde für die Leinwandfassung sowohl visueller, als auch mehr auf den Hauptdarsteller Oliver Pocher zurechtgebogen – mit das Publikum polarisierenden Folgen. «Resturlaub» hat mit Maximilian Brückner («Selbstgespräche») einen weniger markanten Hauptdarsteller, der mit seiner Persönlichkeit ganz im Alleingang Zuschauer verschrecken oder anlocken kann. Dies trifft auch mehr oder minder auf seine Leinwandfigur zu.

Brückner spielt in «Resturlaub» den 37-jährigen Brauereimanager Peter „Pitschi“ Greulich, dem sein eingefahrener Alltag gehörig auf den Senkel geht. Als sein bester Freund Arne (Stephan Luca) heiraten will, ist die Junggesellenbande zu träge, irgendetwas besonderes zur Feier des Ereignisses anzustellen. Die Hochzeit wird zur absoluten Katastrophe, Pitschi blamiert sich am Ende der Feier völlig bei der ihm verhassten Braut (Martina Hill) und dennoch will seine Freundin Sabine (Mira Bartuschek) endlich Nägel mit Köpfen machen. Als dann auch noch zum x-ten Mal der traditionelle Urlaub auf Mallorca ansteht, auf den Pitschi nunmehr überhaupt keinen Bock hat, beschließt er auszubrechen: Er täuscht einen Überfall vor, schickt Freundin und Freundeskreis ohne ihn nach Malle und flieht nach Buenos Aires. Als Spontanauswanderer möchte er dort seine Männlichkeit wiedererlangen. Die Gründung einer neuen Existenz erweist sich ohne jegliche Sprachkenntnisse und mangels Planungsvermögen Pitschis jedoch als äußerst turbulent…

Die sich daraus entwickelnde Geschichte ist äußerst routiniert, stets vorhersagbar und geht stets den Weg des geringsten Widerstands. Dies bedeutet auch, dass «Resturlaub» selten mit unerwarteten Lachern auftrumpfen kann. Was allerdings nicht bedeutet, dass es keinerlei Momente gibt, in denen man laut auflachen könnte. Es kommt durchaus zu mehreren Stellen, in denen man sich denkt „das passiert jetzt nicht wirklich, oder?“ und genau dies dann mit einer gesunden Dosis Dreistigkeit vom Stapel gelassen wird. Hauptsächlich profitieren diese Szenen von Maximilian Brückners Schmerzlosigkeit. Der «Tatort»-Darsteller überrascht mit einem hervorragenden Slapstick-Talent und macht somit Szenen wie die vollkommen verkorkste Hochzeitsfeier von Pitschis Kumpel Arne oder den schmerzhaften, selbst inszenierten Überfall auf der Flughafentoilette zu wahren Höhepunkten des Films.

Doch schon Pitschis Prügelei mit sich selbst kam auf dem Papier wesentlich besser rüber. Jauds Kommentare, was in Pitschis Kopf vorgeht und wie dieser absurde Moment der Selbstgeißelung abläuft sind überaus einfallsreich, gehen jedoch bei der Übertragung auf die Leinwand allesamt verloren. Nun profitiert diese Sequenz noch von Brückners Slapstick, andere Momente dieser locker durch einen Selbstfindungshandlungsstrang zusammengehaltenen Sketch-Nummernrevue sind in der Kinoversion dagegen vollkommen blass. Über den an der Antriebslosigkeit von Pitschis Kumpeln scheiternden Junggesellenabschied lässt es sich vielleicht noch Schmunzeln, schlicht weil er gerade nach Filmen wie «Hangover 1 & 2» absurd langweilig wird. Und auch Pitschis Konfrontationen mit seinem argentinischen Vermieter (seines Zeichens Tierfriseur) sind durchaus pointiert. Aber die aus der «Resturlaub»-Werbung bereits bestens bekannte Idee, sich durch ein Chilisaucen-Zäpfchen eine Erektion zu verschaffen, gehört ebenso bestenfalls in eine Sketchshow wie Pitschis andauernden, verzweifelten Versuche, einer übergewichtigen und notgeilen Mit-Aureißerin aus dem Weg zu gehen. Im Rahmen der Kinohandlung von «Resturlaub» kommt das eher uninspiriert und lustlos daher.

Vor allem sind solche Kalauer ungeheuerlich platt. Selbstverständlich muss nicht jede Komödie vor versteckter Intelligenz trotzen, aber eine gewisse Mühe sollten sich die Verantwortlichen schon machen. «Resturlaub» nimmt die interessantesten Passagen aus seiner Vorlage und knallt sie ohne jegliche Zurechtformung auf die Kinoleinwand. Dadurch ist diese Kinokomödie zu zahm um zu schocken, aufgrund der Daseinskrise Pitschis zu emotional belastet, um den Prollhumor einer Tom-Gerhardt-Komödie oder der «New Kids» zu bedienen und viel zu gedankenarm, um Freunde feingeistigeren Humors zu erreichen. Apropos „gedankenarm“: Wann immer sich «Resturlaub» an die Beziehungskrise Pitschis erinnert, wird vom Zuschauer abverlangt, die Zähne zusammenzubeißen und beide Augen zuzudrücken. War Pitschi auf den Buchseiten noch ein Mann, der verständliche Zweifel hegte, fehlt es ihm auf der Kinoleinwand an jeglicher Einsicht oder Grundsympathie. Was der gesamten zweiten Hälfte des Films den Boden unter den Füßen wegzieht.

Der Vergleich mit dem indirekten Vorgänger fällt darum leicht: Sofern man Oliver Pocher nicht allein aus Prinzip unkomisch findet, trifft man mit «Vollidiot» die bessere Wahl unter den Jaud-Verfilmungen. Das Tempo war höher, die Persönlichkeitskrise wurde ehrlicher dargestellt, Einfälle waren absurder und der humoristische Tonfall konsequenter. «Resturlaub» ist zwar nie nervig, allerdings so selten kinoreif, dass sich die Eintrittskarte kaum lohnt.

Fazit: «Resturlaub» will es allen gleichzeitig recht machen, und enttäuscht dadurch nahezu jedermann. Nur große Fans der Vorlage oder von Jauds Humor im Allgemeinen werden es dank manch gelungener Momente nicht bereuen, die schwächelnde Filmumsetzung des Zweitbuchs im Kino gesehen zu haben. Alle anderen schalten vielleicht bei einer Pulle Bier ein, wenn die Komödie im Free-TV läuft.

«Resturlaub» ist seit dem 11. August in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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