Die Kritiker

«Brüder»

von

Anlässlich eines Themenabends über deutsche Glaubenskrieger zeigt Das Erste am Donnerstag einen überlangen Spielfilm, der zu Vergleichen mit der kürzlich gestarteten ZDFneo-Serie «Bruder - Schwarze Macht» einlädt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Edin Hasanovic als Jan Welke
Erol Afsin als Tariq Al-Jabari
Zainab Alsawah als Samia Al-Jabari
Tamer Yigit als Abadin Hasanovic
Thorsten Merten als Rainer Welke
Karoline Eichhorn als Frau Rauhaus
Mišel Maticevic als Bauer

Hinter der Kamera:
Produktion: SWR
Drehbuch: Kristin Derfler und Züli Aladag
Regie: Züli Aladag
Kamera: Roland Stuprich
«Brüder» ist das zweite fiktionale Format in kurzer Zeit, in dem sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit dem Thema Radikalisierung beschäftigt: Drüben bei ZDFneo startete vor wenigen Wochen mit «Bruder – Schwarze Macht» eine auch im Titel ähnlich klingende Serie um zwei junge Männer in Deutschland, die dem Islamismus verfallen und einen Terroranschlag planen. «Brüder» im Ersten hat dieselbe Laufzeit, wählt als Ausstrahlungsrhythmus allerdings den eines überlangen dreistündigen Fernsehfilms.

Die Geschichte beider Formate ist ähnlich. Ihr hauptsächlicher Unterschied ist zu Beginn ihr Milieu. Zum Einen war der Bildungshintergrund der Protagonisten in «Bruder – Schwarze Macht» eher dürftig, zum Anderen konzentrierte sich das Format stark auf sozioökonomische Hintergründe: Beide Hauptfiguren hatten Schwierigkeiten, von der Mehrheitsgesellschaft als gleichwürdige Mitbürger angenommen zu werden, fühlten sich wegen ihres ethnischen Hintergrunds, ihres Aussehens oder ihrer Zugehörigkeit zu einer sozial schwachen Schicht marginalisiert und wendeten sich schließlich im Zuge einer fehlgeleiteten Sinnsuche dem Terrorismus zu.

Jan Welke (Edin Hasanovic), die Hauptfigur von «Brüder», ist ein anderer Typus. Von seinen Glaubensbrüdern bei ZDFneo unterscheidet er sich nicht nur dadurch, dass er ein paar Jahre älter als sie ist. Er studiert Informatik, hat ein Händchen für Laptops, datet attraktive Frauen und vergnügt sich problemlos in Diskotheken. Eigentlich steht ihm eine strahlende Zukunft bevor. Konflikte gibt es mit seinen Eltern – seinem Vater, von dem er vollständig entfremdet ist, und seiner Mutter, zu der er ebenso nur losen Kontakt hält.

Seine engste Bezugsperson ist eigentlich sein Mitbewohner Tariq Al-Jabari (Erol Afsin), ein syrischer Arzt, der seit sechs Jahren in Deutschland praktiziert. Seine Familie hängt aber noch in Syrien fest, wo sie Bombardements, Überfällen und ständiger Todesgefahr ausgesetzt ist. Seine Schwester Samia (Zianab Alsawah) konnte kürzlich aus einem Militärgefängnis fliehen, wo sie vergewaltigt worden war, und über Bulgarien in die Bundesrepublik einreisen. Jan fühlt stark mit der Familie mit, und als Samia in der gemeinsamen Wohnung einzieht, tut er alles, um ihr dabei zu helfen, sich in der neuen schwierigen Situation zurechtzufinden. Völlig unerwartet begeht sie jedoch einen Suizidversuch, den sie glücklicherweise überlebt.

Es scheinen vor allem die Enthüllungen ihrer grauseligen syrischen Biographie zu sein, die Jan Welke in Richtung Salafismus und islamistischem Radikalismus treiben. Und hier offenbart sich das erste große erzählerische Problem, das «Brüder» – anders als «Bruder – Schwarze Macht» bei ZDFneo – bis zum Schluss nicht sinnig aufzulösen vermag: Jans Beweggründe, um im radikalen Islam einen Lebenssinn zu suchen, für den er nach gradueller Vertiefung und Abkapselung von seinem bisherigen Umfeld dem IS beitreten, nach Syrien reisen, dort kämpfen und sich schließlich für ein Selbstmordattentat in Deutschland bereiterklären wird, bleiben im Diffusen. Das scheint sogar Zielsetzung zu sein, vermutlich, weil man damit die multifaktoriellen Gründe und Ursachen betonen wollte. Doch diese sehr allgemein gehaltene Darstellung zeigt Züge der Unglaubwürdigkeit.

Ähnlich wie in «Bruder – Schwarze Macht» spielt in «Brüder» das Thema Verführung eine wichtige Rolle: die Verführung durch einen sanft sprechenden, verständnisvollen, geistvollen und mitfühlenden muslimischen Geistlichen, der sich Krieger rekrutiert, um Menschen umzubringen – ohne, dass die zunächst merken, was Sinn und Zweck all der Aufmerksamkeit und des freundschaftlichen Getues ist. Dass – wie «Brüder» durchaus eindrucksvoll zeigt – auch Akademiker und eine gewisse gebildete Schicht nicht vor den radikalislamischen Sweet Talkern gefeit ist, ist durchaus ein wichtiger und kluger Betrachtungswinkel.

Strukturell dagegen zeigt der Film eher didaktische Elemente, die angesichts der Thematik auf den ersten Blick nicht immer fehl am Platze sind. Dass «Brüder» eindringlich die Brutalität im syrisch-irakischen Kampfgebiet zeigt, die brachiale Menschenverachtung, mit der der IS mir nichts, dir nichts Menschen im besten Fall erschießt und im schlimmsten grausam und qualvoll niedermetzelt, was auch den gestählten Jan erschaudern lässt, ist durchaus sinnvolles Material, nicht nur für die allgemeine gesellschaftliche Diskussion, sondern auch als Gegenaufklärung zur islamistischen Propaganda, mit der islamistische Terrororganisationen im Internet bei gefährdeten Jugendlichen hausieren gehen. Doch dieser didaktische Duktus lässt diesen Film nur bedingt emotional erlebbar und intellektuell erfahrbar sein – und verwässert so seine filmische Wirkung wie seinen politisch-gesellschaftlichen Beitrag.

Die zweite Hälfte dieses Films geriert sich dabei mitunter als ein Kriegsfilm, bei dem der Zuschauer mit der Hauptfigur auf der falschen Seite steht – und nicht um ihr Überleben mitfiebert, sondern darum, dass sie bitte möglichst bald erschossen wird, und konterkariert so ein altes Genre. Insgesamt allerdings ist die überlange Laufzeit von drei Stunden nicht wirklich gerechtfertigt: Vieles ist Füllmaterial und kein Abschnitt ist wirklich frei von Redundanzen. Diese Wiederholungen sind wohl mit der Absicht ins Drehbuch aufgenommen worden, um Jans Sinneswandel und sein Abgleiten in den Terrorismus möglichst graduell, und somit möglichst glaubhaft darzustellen. Doch das gelingt aufgrund der diffusen Motive und der schwammigen Zeichnung seiner persönlichen Hintergründe allenfalls bedingt.

«Bruder – Schwarze Macht» war hier nicht nur erzählerisch straffer und gleichzeitig präziser, sondern funktionierte auch dadurch, dass es neben seinen Terroristen-Plots eine entspannte westliche muslimische Realität als sinnvollen und wichtigen Kontrast erzählen konnte. Das fehlt in «Brüder» weitgehend und wird nur am Rande, in einer spannenden, leider zu kurz geratenen Geschichte um Tariqs syrische Familie erzählt. Nicht minder fällt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem manchmal enttäuschend eintönigen, didaktischen und variationsarmen Drehbuch und Edin Hasanovics starkem, einnehmendem Spiel auf, mit dem er dem Film doch noch eine emotionale Festigkeit und psychologische Dichte verleiht, die sich in der Dramaturgie nur bedingt wiederspiegeln kann.

Das Erste zeigt «Brüder» am Mittwoch, den 22. November um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/97206
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