Die Kritiker

«Die Konfirmation»

von

In der Coming-Of-Age-Story lässt sich ein 15-Jähriger taufen, ohne seine atheistische Familie zu informieren. Nun plant er seine Konfirmation und die Verwandtschaft weiß nicht, wie sie damit umzugehen hat.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Tim Litwinschuh als Ben Winkler
Ulrike C. Tscharre als Johanna Winkler
Ben Braun als Felix
Christina Große als Pfarrerin Tabea
Reiner Schöne als Axel Winkler
Tijan Fischers-Islas als Frida
Kai Wiesinger als Simon

Hinter der Kamera:
Buch: Beate Langmaak
Regie: Stefan Krohmer
Kamera: Manuel Mack
Der Glaube ist eines der persönlichsten Merkmale eines Menschen. Was für die einen eine Konstante im Leben und Trost in schweren Stunden ist, ist für die anderen möglicherweise hanebüchene, nicht mehr zeitgemäße Augenwischerei. Daran, dass die Religion auch im Jahr 2017 immer noch ein bedeutsames gesellschaftliches Thema ist, besteht jedoch kein Zweifel. Als solches bildet sie den Überbau für die diesjährige ARD-Themenwoche „Woran glaubst du“, die auf vielfältige Art und Weise Aspekte rund um Glauben und Nicht-Glauben beleuchten möchte. Dabei bedient man sich im Ersten sowie den dritten Programmen nicht nur Reportagen, sondern auch der Fiktion.

Im Rahmen der Themenwoche nimmt sich das Drama mit dem vielsagenden Namen «Die Konfirmation» eben dieses scheinbar unspektakulären Themas an. Im Jahr 2014 wurden 210.000 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 15 Jahren konfirmiert. Oftmals spielt das Elternhaus sowie der Freundes- und Bekanntenkreis bei diesem christlich-protestantischen Schritt zum Erwachsenwerden eine große Rolle. Egal ob der Teenie dabei vom Pastor oder der Aussicht auf ein Moped als Geschenk überzeugt wird. In dieser Coming-Of-Age-Geschichte entscheidet sich ein atheistisch erzogener Junge hingegen ganz bewusst zu diesem Schritt, egal, ob seine Patchwork-Familie das nachvollziehen kann. Diese unkonventionelle Herangehensweise hat direkt einen Pluspunkt verdient:

Johanna Winkler (Ulrike C. Tscharre) kann stolz sein, bei der Erziehung ihres Sohnes Ben (Tim Litwinschuh) vieles richtig zu machen. Sie tut sich aber schwer zu akzeptieren, dass der Teenager nun flügge wird und immer mehr mit sich selbst ausmacht. Nur seinen Opa (Reiner Schöne) zieht er bei dem Vorhaben ins Vertrauen, für ein Jahr mit einem Stipendium in die USA zu gehen. Das ist nicht das einzige Geheimnis, das Ben vor seiner Mutter hat. Als herauskommt, dass er sich heimlich hat taufen lassen und nun auf die Konfirmation vorbereitet, platzt Johanna der Kragen. Auch Stiefvater Felix (Ben Braun) fällt es schwer zu verstehen, warum sich der Junge fürs Christentum begeistert.

Ben weiß aber genau, was er will und steht auch im Durcheinander seines pubertären Gefühlslebens zu seinem Glauben. Ganz im Gegensatz zu seinen Eltern: Während Johanna kopflos im Spielcasino versucht, das Geld für eine angemessene Konfirmationsfeier zu gewinnen, verguckt sich Felix in Pfarrerin Tabea (Christina Große). Um das Chaos der Wünsche und Vorstellungen und das Miteinander innerhalb der Familie wieder ins Gleichgewicht zu bekommen, ist nun ausgerechnet er gefragt.

Tim Litwinschuh spielt die Rolle des seinen Eltern überlegenen Teenagers äußerst überzeugend. Sein dargestellter Charakter Ben hält unerschütterlich an seiner Entscheidung fest und reagiert auf die Reaktionen seiner Eltern mit erwachsenem Unverständnis. Während die Mutter zunächst noch geschockt und wütend reagiert, meint sie später die Konfirmation zum schillernden Event aufblasen zu müssen. Das Engagement des leiblichen Vaters geht hingegen nicht über monetären Zuschuss hinaus. Im Drehbuch wurde anhand der Dialoge schön herausgearbeitet, dass in der Pubertät eben nicht nur die Erziehungsberechtigten anfangen, ihre Kinder anstrengend zu finden, sondern auch umgekehrt.

Zentrales Thema ist der vermeintliche Kontrast zwischen moderner Patchwork-Familie und einer scheinbar angestaubten Religion. Das wird besonders stark in der Szene deutlich, in der Bens Stiefvater Felix, der so gerne Bens bester Freund wäre, ihm weitere Optionen der Spiritualität anpreist. Sofort würde er ihn auf einen Selbstfindungstrip in die Fremde begleiten – gerne Buddhismus und Nepal. Immer im Subtext mitschwingend, dass die evangelische Kirche im Vergleich dazu doch altbacken und unspektakulär sei. Warum sollte man diese Glaubensrichtung wählen, wenn es doch auch exotisch geht? Wenngleich diese Ansicht stark zugespitzt daherkommt, spiegelt sie dennoch die gesellschaftliche Entfremdung von der Institution Kirche als vermeintlich überholtes Konstrukt gut wieder. Dass Bens Entscheidung als vermeintlicher Akt der Rebellion und Provokation wahrgenommen wird, verstärkt diese Sichtweise noch.

Leider verstrickt sich die Story etwas in Nebenhandlungssträngen. Dass Ben höchstwahrscheinlich auf Jungs steht wird mehrfach angedeutet, allerdings nicht weiter ausgeführt. Schade, hätte doch die extrem komplizierte Dreiecksbeziehung aus Pubertät, Homosexualität und Christentum der Handlung spannende Impulse geben können. Außerdem bleibt unklar, warum seine beste Freundin Frida immer wieder vom Kauf einer Waffe schwadroniert. Die kurz erwähnte Metapher für Schutz, mitsamt Vergleich zu Bens Konfirmation, wirkt ebenso konstruiert wie befremdlich. Während die Beziehungsprobleme zwischen Felix und Johanna durchaus authentisch wirken, erscheint die Spielsucht der überforderten Mutter wie ein unbeholfener Versuch, zusätzlich die Dramaturgie anzuheizen. Inklusive latent bedrohlicher Musik im Casino.

Lobend muss erwähnt werden, dass der Film es schafft, die ursprüngliche Bedeutung der Konfirmation – die Entscheidung für ein Leben mit Gott – herauszustellen, ohne sich der Kirche oder dem Christentum anzubiedern. Das Prinzip wäre bedenkenlos auch auf eine andere Religion ummünzbar. Die Wahl des Protestantismus ist angesichts dessen Verbreitung und wahrgenommener Konventionalität jedoch clever. Schlussendlich bleibt die wenig überraschende Erkenntnis, dass jeder seinen Glauben mit sich selbst ausmachen muss. Diese recht simple Botschaft bekommt man in einem grundsoliden Familien-Drama mit starkem Hauptdarsteller serviert – Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

«Die Konfirmation» ist am Freitag, den 16. Juni um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.


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