Hingeschaut

«Stell dich deiner Sucht»: Joe Bausch hilft, das Publikum gafft guten Gewissens?

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2014 angekündigt, nun im Fernsehen angekommen: Die Helfer-Dokusoap «Stell dich deiner Sucht» mit Joe Bausch. Wir haben den Sat.1-Testlauf unter die Lupe genommen.

Helfer-Dokusoaps sind ein diffiziles Genre. Einerseits gibt es nun einmal Mitmenschen, die an die helfende Wirkung von Medienmachern glauben, und wenn deren Gesuche eine Anlaufstelle erhalten, sollte dies nicht per se mit einem Naserümpfen begrüßt werden. Schließlich kennt es wohl jeder aus seinem Alltag: Zückt jemand eine Kamera, hat das oft einen unterbewussten Effekt auf das eigene Verhalten. Dadurch, dass er sich beobachtet fühlt, rafft sich so manch einer endlich auf und schafft Ordnung, überdenkt mit einem Experten seine Finanzen oder speckt endlich ab. Andererseits droht zwangsweise der bittere Nachgeschmack, dass das Leid einer Einzelperson abgefilmt und einem breiten Publikum zur abendlichen Berieselung bereit gestellt wird.

Dem entsprechend geht jede Helferdoku einen schwierigen Spagat ein: Je unterhaltsamer sie gemacht ist, desto unsensibler ist sie. Ist sie zu sensibel, droht sie, rührselig zu sein und daher abgeschmackt zu wirken. Ist sie andererseits zu trocken, droht das Publikum zu fliehen. Eine Helferdoku, die innerhalb der Branche für ihre vermeintlich ideale Mischung geachtet wird, stammt aus den Niederlanden und wurde 2014 von Sat.1 erworben. Unter dem Titel «Stell dich deiner Sucht» wollte der damals noch von Nicolas Paalzow geleitete Sender Alkoholsüchtige bei ihrer Therapie begleiten. Doch die probono-Produktion ließ auf sich warten.

Am Mittwochabend flimmerte dann die erste Folge der Sendung über den Äther, in der Mediziner Joe Bausch von Angehörigen Suchtkranker herbeigeordert wird, um ihnen dabei zu helfen, den Betroffenen zu einer Therapie zu überreden. Anschließend sorgt er sich zusammen mit Familienberaterin Eva Klein sowohl um den Süchtigen als auch um dessen Verwandten. Zunächst aber nur dieses eine Mal: Sat.1 hat keine komplette Staffel in seinen Programmplan aufgenommen, sondern nur eine Testausgabe.

Ein großes Machtwort diesbezüglich, ob eine komplette Staffel eine Daseinsberechtigung hätte, werden am Donnerstagmorgen die Einschaltquoten sprechen. Wie eingangs erwähnt sollten die bei diesem ethisch kniffligen Genre allerdings nicht allein in Erwägung gezogen werden. Und ganz oberflächlich betrachtet ist «Stell dich deiner Sucht» zumindest keiner der aggressiveren Genrevertreter:

Im Hintergrund dröhnt nicht alle paar Minuten ein rührseliger Charthit. Das Kamerateam verzichtet darauf, den 40-jährigen Marcus, dessen Sucht in der Testfolge thematisiert wird, in einem Vollrausch oder bei einem seiner Rückfälle zu zeigen. Und auch dramaturgisch ist die Ausgabe lösungsorientiert: Weniger als ein Drittel der Laufzeit wird der anfänglichen Bestandsaufnahme gewidmet, je über ein Drittel der einstündigen Doku gehen für die Therapie sowie den neuen Alltag nach der Behandlung drauf. Darüber hinaus ist Joe Bausch als Interviewpartner und Erzähler aus dem Off sehr unaufgeregt: Wenige Überspitzungen, besonnene Lautstärke, besorgter, aber sachlicher Tonfall.

Schaut man genauer hin, offenbaren sich allerdings sehr wohl Problemstellen an diesem Format. So wird relativ zu Beginn konkret zur Interventionstaktik geraten, die ja in den USA so beliebt sei: Alle Angehörigen versammeln sich unangemeldet, und lesen dem Suchtkranken Briefe vor, in denen sie drastisch schildern, wie sehr sie leiden, außerdem drohen sie, den Kontakt einzustellen, sollte er nicht bald an sich arbeiten. Dass diese Methode, Suchtkranke mit dem problematischen Status quo zu konfrontieren, aber sehr umstritten ist und deren Einsatz daher genau abgewogen werden sollte, wird mit keinem Wort erwähnt.

Außerdem wird die Therapie, die Marcus durchläuft, trotz der ausreichenden Laufzeit, die ihr in der Doku gewidmet wird, sehr oberflächlich behandelt. Selbstredend ist es lobenswert, dass Marcus nicht während dieser verletzlichen Zeit von Kameras dauerverfolgt wird. Doch dass Bausch und Klein mit nichtigen Aussagen Sendezeit schinden, statt wissbegierigen Zuschauern zu erläutern, weshalb bei der Therapie Medikamente zum Einsatz kommen, weshalb dies riskant sein kann, und welche Argumente in diesem spezifischen Einzelfall dafür sprechen, weckt nun einmal die Vermutung: Diese Sendung soll eben doch Betroffenheitsgefühle beim Publikum wachkitzeln, statt fundierte, informative Einblicke zu liefern.

Die stetig klimpernde Instrumentalmusik, die «Stell dich deiner Sucht» unterstreicht, die Wiederholungen von griffigen Interviewaussagen in Rück- und Vorblenden sowie die strategisch ausgewählte Unterbrechung durch Werbung, die künstlich Spannungsbögen kreiert und aus einem menschlichen Schicksal einen Primetime-Reißer schaffen soll, untermauern diesen unschönen Beigeschmack. Gemessen daran, wie voyeuristisch und pietätslos Problemdokusoaps sein können, ist «Stell dich deiner Sucht» zweifelsfrei eines der humaneren Formate. Ganz abstinent ist es vom Likör des Schicksale-Ausnutzens indes nicht. Fortsetzung ungewiss.

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