Die Kritiker

«Polizeiruf 110: Endstation»

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Eine Sendung, die 45 Jahre im deutschen, oder überhaupt irgendeinem Fernsehen läuft, wird man lange suchen. Das Traditionsfernsehprogramm «Polizeiruf 110» hat diese beeindruckende Zahl in diesem Jahr erreicht, und das schlimmste, was man über die am Sonntag ausgestrahlte Jubiläumsepisode sagen kann, ist wie zurückhaltend und unspektakulär die Episode daher kommt.

Cast und Crew

  • Regie: Matthias Tiefenbacher
  • Darsteller: Claudia Michelsen, Matthias Matschke, Felix Vörtler, Steve Windolf, Ronald Kukulies, Paula Dombrowski, Nino Böhlau, Janina Fautz, Luzie Ahrens, Julischka Eichel
  • Drehbuch: Stefan Rogall nach einer Idee von Manuela Nierzwicki
  • Kamera: Hanno Lentz
  • Schnitt: Horst Reiter
  • Musik: Biber Gullatz, Andreas Schäfer
Vielleicht kann man noch ein paar schlimmere Dinge dazu sagen, aber dazu kommen wir später. 1971 begann die interessante und lange Geschichte der Reihe im Deutschen Fernsehfunk der ehemaligen DDR seinen Anfang nahm. Damals wurden die Ermittlerteams noch willkürlich zusammengewürfelt, waren nicht mit dem Einsatzort verbunden und auch sonst erinnerte kaum etwas an die heutige Serien- und Krimi-Landschaft. Zwar konzentrierte man sich auf die Psychologie des Täters, im Mittelpunkt standen jedoch verhältnismäßig kleine Verbrechen wie Diebstahl, Erpressung und Einruch. Morde fanden sich dagegen seltener. Auch als kleines, wenn auch wenig subtiles Propagandainstrument funktionierte der alte, systemkonforme Polizeiruf, denn mit systemkritischen Tätern konnte der systemtreue Kommissar wunderbare Strohmann-Diskussionen führen.

Mit dem Fall der Mauer öffneten sich aber nicht nur geographische, sondern auch Fernsehgrenzen, denn nun durften auch zwei westdeutsche Kommissare mit ermitteln, auch wenn sie noch keine tragende Rolle hatten. Nach dem Ende des DFF, gab es eine anderthalb jährige Pause, bis sich verschiedenste ARD-Sendeanstalten erneut dem Polizeiruf widmeten und quasi als Begleitprogramm zum populären «Tatort» Sonntags ausstrahlten. Neben anderen Kriminaltaten, die im Gegensatz zum Schwesternprogramm auch hier weiterhin behandelt wurden, fand aber auch des Öfteren der ein oder andere Mordfall den Weg zu den verschiedenen Ermittlerteams. Eine Formel, die bis heute erfolgreich durchgehalten hat und am Sonntag ein besonnenes 45jähriges Jubiläum feiert.

Die Episode fängt jedoch schockierend genug an: Der kleine Marco wird mitten auf der Straße brutal verprügelt, wandert katatonisch durch die Innenstadt Magdeburgs, bis er mitten auf der Straße tot zusammenbricht und beinahe noch von einem Auto überfahren wird. Noch bevor Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelson) mit den Ermittlungen beginnen kann, versucht sie ihren Sohn aus dem Gefängnis abzuholen, der nach einer längeren Haftstrafe wieder frei gelassen wird. Dieser ist jedoch schon unterwegs, bevor die Mutter ihn in die Arme schließen oder zumindest auf ihrem Motorrad nach Hause bringen kann. Es bleibt allerdings sowieso keine Zeit für Sentimentalitäten, denn selbstverständlich ist sie Hauptermittlerin in dem Mordfall, welcher der Episode zugrunde liegt. Ihr Partner, Kriminalobermeister Mautz (Steve Windolf) verliert schon beim ersten Blick auf die Kinderleiche seine Nerven. Auch die Pflegeeltern des jungen Marcos sind erschüttert, seine Pflegeschwestern Bella und Nina sowie sein leiblicher Bruder Sasha, der ebenfalls von der Familie adoptiert wurde, am Boden zerstört. Handelt es sich bei der Tat jedoch um einen willkürlichen, brutalen Gewaltakt? Oder war es ein gezielter Anschlag?

Regisseur Matthias Tiefenbacher inszeniert die Geburtstagsepisode des Polizeirufs ohne viel Tamtam, sondern übt sich lieber in Zurückhaltung, auch wenn er versucht, die schockierende Szene zu Beginn mittels eines etwas zu ambitionierten Schnitt zu verpacken. Zwischendurch nutzt er außerdem eine fehlgeleitete Zeitlupenästhetik, um eine kleine Verfolgungsjagd spektakulärer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich ist. Vielmehr geht es ihm und Drehbuchautor Stefan Rogall jedoch um die verschiedenen Dynamiken innerhalb der dargestellten Familien und innerhalb des Ermittlerteams: Einerseits muss Familie Schilchow mit Marcos Tod umgehen, andererseits muss sie gleichzeitig die aggressiven Ausbrüche von Marcos Bruder Sasha abfedern. Hinzu kommt Marcos trauernde leibliche Mutter, die in ihre Drogensucht zurückfällt.

Die Beziehung der Hauptkommissarin Brasch zu ihrem eigenen Sohn, der versucht, seine eigene, kriminelle Vergangenheit abzustreifen, soll sich in dem durcheinander gebrachten Familienverhältnis der Schilcows spiegeln. Allerdings wird diese Reflexion nicht tief genug ergründet, als dass sie bedeutungsvoll oder mitreißend hätte sein können. Nicht nur Familien stehen hier am Rande des Abgrunds, auch das Ermittlerteam ist zu Beginn der Episode kein richtiges Team mehr: Kommissar Mautz steht kurz davor, dem psychologischen Druck seiner Arbeit nachzugeben und das Handtuch zu werfen. Währenddessen und genau zum richtigen Zeitpunkt tritt Hauptkommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke, der von «Helen Dorn» rüberwechselt) auf, der mit penetranter Freundlichkeit und ungefragten Ratschlägen verzweifelt versucht, eine Bindung zu den neuen Kollegen aufzubauen. Verhaltensweisen, auf die keiner so recht oder gar dankbar reagieren möchte. Dies kann zwischendurch recht amüsant sein, sorgt allerdings für recht wenig Reibungen im unspannenden Plot, der in gewohnten Bahnen verläuft. Nach 45 Jahren fällt es verständlicherweise schwer, etwas Neues oder Interessantes zu finden, um die Psychologie dieser Figuren zu erforschen und der Krimi-Formel einen neuen Dreh zu geben.

Klischees sind durchaus vorhanden, da bleibt eine nächtliche Szenen-Montage, in der Eltern weinend zusammenbrechen, Geschwister sich gegenseitig trösten und eine Kommissarin, die sich am Alkohol verköstigt, nicht aus. Dennoch fallen diese bekannten erzählerischen Stilmittel dank einem zurückhaltendem und größtenteils überzeugendem Spiel nicht so sehr auf, wie es hätte sein können. Doreen Brasch sticht dabei besonders positiv hervor: Sie nimmt ihre Umwelt fast resignierend und mit einer unterschwelligen Müdigkeit zur Kenntnis und setzt trotzdem kompetent ihre Arbeit als Polizistin und Mutter fort, auch wenn sich ihr Umfeld noch so sehr dagegen sträubt. Nur selten erlaubt sie sich emotionale Ausfälle und meistens ist dafür ihr neuer Kollege verantwortlich. Dieser, kompetent dargestellt durch Matthias Matschke, ist ein bedächtiger Ermittler, der seiner Kollegin ähnlicher ist, als man zunächst glaubt, wenn er mal aus seiner Haut fährt. Die Dramaturgie und die Zankereien im Team bleiben jedoch oberflächlich, werden zu wenig ausgereizt und zu schnell gelöst, als dass sie auch für zukünftige Episoden noch genug Stoff bieten könnten.

Vieles hier - die Familienbeziehungen, das ungleiche Ermittlerteam, der sinnlose und tragische Tod eines kleinen Jungen - erinnert an die britische Serie «Broadchurch». Und auch wenn «Endstation» eine viel kompaktere Geschichte erzählt, die letztendlich eine ganz andere erzählerische Richtung einschlägt, geht dem Krimi nach spätestens einer Stunde die Luft aus. Denn irgendwann hat sich auch jede Hauptfigur einen verdächtigen Blick zugeworfen und wütende Teenager im Fernsehen, die kaum einen anderen Modus Operandi besitzen, kann man auch nur bis zu einem gewissen Grad ertragen. Schon lange vor Schluss hat der erfahrene Krimifan und Hobby-Kriminalist alle möglichen Szenarien im Kopf, was Täter und Motivation angeht, durchgespielt und das zentrale Element, nämlich das Mysterium, ist dann letztendlich auch nicht mehr so mysteriös.

Das Erste zeigt «Polizeiruf 110: Endstation» am Sonntag, den 29. Mai um 20.15 Uhr

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