Liam Neeson und das Schießeisen - zwei, die man nicht voneinander trennen sollte. Gemeinsam ergibt diese Kombination nämlich einmal mehr einen spannungsgeladenen Actionthriller. Auch, wenn dieser das Rad nicht neu erfindet.
Wenn in der Vergangenheit ein schauspielerischer Imagewandel geglückt ist, dann wohl der von Liam Neeson. Angefangen als Charaktermime in bodenständigen Dramen und Hollywoodproduktionen, schlüpft der Haudegen nun bevorzugt in die Rolle des explosiven Ruheständlers mit Hang zum Schießeisen. Ob die «96 Hours»-Trilogie, «Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones» oder eben «Non-Stop»: Neeson ist längst in die Fußstapfen eines Bruce Willis oder Sylvester Stallone getreten. Auch in «Run All NIght» bleibt wieder so ziemlich alles beim Alten. Durch einen familiären Zwischenfall wird Neesons Jimmy gezwungen, seinen alten Berufsweg weiter zu verfolgen und darf dabei wieder viel ballern, sich Verfolgungsjagden hingeben und an Häuserwänden herunterklettern. Alles Stoff, den man so in der Art schon hundertfach – ob mit oder ohne Neeson – gesehen hat. Doch der Filmkenner Collet-Serra weiß seinem neuen Projekt immerhin punktuell interessante, neue Facetten beizufügen. Doch das große Problem von «Run All Night» ist unübersehbar das Skript. Brad Ingelsby, dessen Drehbuch zum Rachedrama «Auge um Auge» zuletzt nahezu identische Schwierigkeiten in seiner überambitionierten Eintönigkeit aufwies, konstruiert eine Geschichte, die sich aus zwei verschiedenen Aspekten zusammensetzt. Da wären zum einen die energischen Actionszenen, die in Aufmachung, Kreativität und Dynamik besser in einem Echtzeitactioner aufgehoben wären, zum anderen aber auch die überraschend tiefgründigen Familienprobleme innerhalb der Conlon-Familie.
Leider schaffen es die Macher nicht, beide Elemente kohärent zu einem Ganzen zusammenzufügen. Es entsteht ein zwiespältiges Bild zweier Erzählebenen, die einander zwar nicht stören und bisweilen sogar voneinander profitieren, die jedoch nie ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Das fängt schon bei der optischen Aufmachung an. Kameramann Martin Ruhe («The American») scheint sich partout nicht auf einen einheitlichen Stil festlegen zu wollen, sodass seine Arbeit von Szene zu Szene erheblich schwankt. Die temporeichen Actionszenen kranken an viel zu hektischen, verwackelten Bildern, für die stellvertretend eine Verfolgungsjagd steht, in welcher die Kamera zwischen Jäger und Gejagtem hektisch hin und her springt und so nie ein Eindruck über den Fortlauf des Geschehens gewährleistet ist. Auch in ruhigeren Momenten mutet die Wahl des Gezeigtem nicht immer ganz strukturiert an – in einem Gespräch innerhalb eines Autos wechseln Ruhes Bilder wahllos von Außenansicht zum Inneren des Wagens, von einem Darsteller zum Anderen, doch in den Stimmungssequenzen, besonders aber in den Schauplatzwechseln, liegen die großen Stärken der eigentlich so eingängigen Kameraarbeit. Wann immer die Handlung ruhiger wird und besonders im Hinblick auf den spektakulären Schlussakt weiß Martin Ruhe «Run All Night» sehr ästhetisch in Szene zu setzten.
Auf Darstellerebene gibt es hingegen keinerlei Gründe, nicht einmal gehörig mit der Zunge zu schnalzen. Denn abgesehen von Liam Neeson, der seinen Job erwartungsgemäß solide erledigt und in den ruhigen Momenten einmal mehr beweist, dass er nach wie vor zu den besten Schauspielern seiner Generation gehört, kann «Run All Night» darüber hinaus mit Ed Harris aufwarten. In seiner Rolle des visionären Fernsehproduzenten der «Truman-Show» bekannt geworden, scheint er sich nun ebenfalls im harten Männergenre beweisen zu wollen und in der Rolle eines Unterweltpaten funktioniert Harris einfach verdammt gut. Wer hingegen unterfordert scheint, ist Joel Kinnaman («RoboCop»), dessen Figur aufgrund der eher lose gehaltenen Charakterisierung kaum dazu kommt, die Handlung voranzutreiben. Kinnaman funktioniert als liebender Ehemann und Vater, auch den Zwist mit seinem eigenen Daddy nimmt man ihm jederzeit ab. Doch für das Setzen eigener Akzente bleibt seine Figur über die gesamte Handlung schlicht zu unausgereift. 

• 96 Hours • A Walk Among the Tombstones • Auge um Auge • Das Waisenkind • Non-Stop • Orphan • Orphan – Das Waisenkind • RoboCop • Ruhet in Frieden • Run All NIght • Run All Night • Schindlers Liste • Snowpiercer • The American • Truman-Show • Unknown Identity
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