Die Kino-Kritiker

«Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück»

von

Simon Pegg macht sich, stellvertretend für jeden von uns, auf die Suche nach dem Geheimnis des Glücklichseins.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Peter Chelsom
  • Produktion: Klaus Dohle, Trish Dolman, Christine Haebler, Phil Hunt, Compton Ross und Judy Tossell
  • Drehbuch: Peter Chelsom, Tinker Lindsay, Maria von Heland
  • Basierend auf dem gleichnamigen Roman von: François Lelord
  • Darsteller: Simon Pegg, Toni Collette, Rosamund Pike, Stellan Skarsgård und Christopher Plummer
  • Musik: Dan Mangan und Jesse Zubot
  • Kamera: Kolja Brandt
  • Schnitt: Claus Wehlisch
Wir leben zwar in einer globalisierten Welt, trotzdem bedeutet dies nicht, dass jedermanns Leben weltumspannend, abenteuerlich und frei ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen es für Jugendliche zum guten Ton gehörte, zwischen Abitur und Studium einen ausgedehnten Auslandsaufenthalt zu begehen. Auch wenn die Statistiken noch nicht eingebrochen sind, erhöht sich der Druck auf jene, die ihr Heimatland vorübergehend verlassen wollen. Sie werden kritisch beäugt. Sie werden ausgefragt, ob sie ihren Lebenslauf wirklich dadurch abwerten wollen, dass sie das Studium „zu spät“ aufnehmen und ein „wertvolles“, Abitur und Studium überbrückendes Praktikum auf dem deutschen Arbeitsmarkt auslassen. Und wenn erst einmal das Studium oder die Ausbildung beendet ist, geht es weiter: Praktika, Nebenjobs, freiwillige Engagements. Wer dann endlich eine feste Anstellung hat, definiert sich zunehmend über sie. Die Angst, den festen Boden unter den beruflichen Füßen zu verlieren, ist größer, als die Angst, im Leben etwas zu versäumen.

Kurzum: Die berufliche Vita rückt (koste es, was es wolle) immer weiter ins Zentrum unserer Gesellschaft. Dies spiegelt sich auch in den narrativen Künsten wider. Bücher und Filme thematisieren in steigender Frequenz vom beengten Alltag einerseits und andererseits von den befreienden Möglichkeiten der uns umgebenden Welt. Nach dem esoterisch angehauchten «Eat Pray Love» und dem verträumten «Das erstaunliche Leben des Walter Mitty» schickt nun auch «Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück» einen gefestigten Großstädter durch die Welt, um hinter das Geheimnis des Lebens, der Selbstanerkennung und dem ganzen Rest zu kommen.

Statt der durch ihre unglückliche Ehe zerrüttete Liz und Ben Stillers schüchternem Tagträumer nimmt in dieser Bestsellerverfilmung der übertrieben geordnete Psychiater Hector das Publikum mit auf seine Weltreise. Hectors Leben müsste eigentlich erfüllt sein: Er hat einen gut bezahlten Job, er führt eine langjährige Beziehung zu der wunderschönen, smarten und beruflich erfolgreichen Clara (Rosamund Pike) und obendrein hat er noch immer genügend Zeit, um Hobbys nachzugehen. Doch der Londoner wird von Selbstzweifeln geplagt: Er ist so in seiner Routine gefangen und dermaßen von Claras Unterstützung bei den kleinsten Dingen abhängig, dass er kaum noch für seine Patienten da sein kann. Hector rutscht mehr und mehr in eine Apathie hinein und beginnt auch, gravierende Risse in seinem Liebesleben zu sehen. Also nimmt er sich vor, um die Welt zu reisen und nachzuforschen, was Menschen mit Glück erfüllt. Clara erteilt ihm vor seinem Aufbruch sogar die Erlaubnis, fremdzugehen. Aber Hectors Plan, zum Casanova zu werden, erweist sich als schwer in die Tat umzusetzen. Und darüber hinaus erhält er von seinen in aller Welt geknüpften Gelegenheitsbekanntschaften bloß eine verwirrende Vielzahl an Antworten auf seine Frage: „Was macht dich glücklich?“ …

Eingangs geht Peter Chelsoms nachdenkliches Komödiendrama, ganz getreu der Romanvorlage, ein kleines Risiko ein. Denn obwohl der von Simon Pegg charismatisch zum Leben erweckte Titelheld stellvertretend für jeden von uns auf Glückssuche geht, ist Hector wahrlich kein Jedermann. Mit seinem stattlich bezahlten Beruf und seinem aufgeräumten Loft im Herzen Londons lebt Hector irgendwo auf der Grenze zwischen der gehobenen Mittelschicht und dem unteren Rand der Oberschicht. Dadurch provozieren Film wie Roman eingangs kritische Fragen seitens des Publikums: Wieso hat Hector unser Mitleid verdient, wenn seine Lebensumstände beneidenswert sind? Aber dank der bodenständigen Darbietung Simon Peggs, der zu Beginn des Films mit traurig-verlorenen Augen durch seinen Alltag geistert, wird deutlich, wie leer Hectors Dasein ist. Ein spröder Erzählerkommentar und die sterilen Bilderfolgen, mit denen Chelsom und Kameramann Kolja Brandt den Alltag Hectors illustrieren, verstärken diesen Eindruck.

Hectors Wohnung könnte das Foyer eines Krankenhauses sein, Rosamund Pikes Attraktivität kühlt rapide ab, wann immer sie sich um Hectors Garderobe kümmert und das kurze Aufglühen inniglich-heißer Romantik zwischen den beiden Liebenden wird durch Claus Wehlischs präzise Schnittarbeit auf ein Minimum reduziert. Und so stellt das auf François Lelords Erfolgsroman basierende Drehbuch von Peter Chelsom, Tinker Lindsay und Maria von Heland noch vor Anbruch der titelgebenden Reise unmissverständlich eine These auf: Das aus dem Hedonismus abgeleitete Prinzip, Wohlstand mache glücklich, geht in den seltensten Fällen auf.

Sobald sich Hector, mit einer sein Gesicht erfüllenden Neugierde, nach China aufmacht und somit die erste Station seiner Reise ansteuert, wird der Film mittelfristig leichtfüßiger, dynamischer und vergnüglicher. Simon Pegg lässt sein inneres Kind durchscheinen, pointierter Slapstick hellt die Stimmung der Erzählung auf und die Notizen sowie die Kritzeleien in Hectors Reisetagebuch breiten sich über die Leinwand aus. Zudem findet Pegg in Stellan Skarsgård («Nymphomaniac») eine erste, sehr vergnügliche Reisebekanntschaft: Der 63-jährige Schwede spielt einen reichen Workaholic, der sich mit dem verspielten Hector anlegt, letztlich aber seinem Charme nicht widerstehen kann und ihm in Shanghai begeistert zeigt, was er unter Glückseligkeit versteht. Es ist eine starke erste Station für Hectors Reise, da Skarsgård seine Figur zwar als das exakte Gegenteil Hectors anlegt, aber erfolgreich dagegen ansteuert, bloß einen Fiesling abzugeben. Skarsgårds Geschäftsmann hat trotz seiner grantigen Art auch ihre sympathischen Seiten und auch wenn ihr Lebensmotto Hector nicht weiterhilft, wird diese Figur trotzdem zumindest etwas Recht zugestanden.

Auch wenn nicht jede Station von Hectors Reise den Esprit dieses ersten Haltepunkts versprüht und nicht jeder der zahlreichen Gaststars so passioniert agiert wie der «Pirates of the Caribbean – Fluch der Karibik 2»-Mime, zieht sich eins durch den gesamten Film: Hector sammelt frei von Vorurteilen jede erdenkliche Lebensweisheit. Manche von ihnen erscheinen zunächst nichtssagend und könnten einem Glückskeks entsprungen sein, andere weisen Witz auf und wieder andere sind kleine, intellektuelle Rätsel. «Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück» ist aber kein selbstgefälliges Sammelsurium von Glücksbotschaften, das schlussendlich nur die Aussagekraft eines Danksagungs-Geschenkbuchs hat.

Die mitunter auch widersprüchlichen Weisheiten werden durch Hectors Weltreise in einen schlüssigen Kontext gebracht und gegeneinander aufgewogen. Sie dienen als Zwischentöne, als Widerhaken der zentralen Geschichte. Sie laden dazu ein, das Handeln des alles um ihn herum aufsaugenden Globetrotters zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild zu machen. Die finale Aussage von «Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück» ist in Konsequenz dessen komplexer als die simple „Bist du zu schüchtern und wirst zu wenig respektiert? Dann erlebe doch einfach mal ein Abenteuer!“-Botschaft von «Das erstaunliche Leben des Walter Mitty». Zugleich ist Hectors überraschende und dennoch schlüssige Lektion, die an dieser Stelle nicht verraten sei, direkter auf jedermanns Leben anwendbar.

Dafür ist Ben Stillers 90-Millionen-Dollar-Produktion flüssiger erzählt als diese Romanverfilmung, die sich im Mittelteil durch Hectors unfreiwillige Begegnung mit afrikanischen Gangsterbossen in ein zähes Abenteuer verwandelt. Zwar ist es für die Aussage dieses Films sinnig, durch Hectors Konfrontation mit seiner eigenen Sterblichkeit aufzuzeigen, dass der Weg zum Glück oftmals einen unschönen Ausflug ins Elend beinhaltet. Trotzdem verzettelt sich das Drehbuch in diesem Part in Kleinigkeiten. Der emotionale (und narrative) Tiefpunkt von Hectors Reise wird von Chelsom so lang ausgekostet, dass der anderweitig so kurzweilig-gedankenverlorene Film während Hectors Gefangenschaft zu einem unwillkommenen Halt kommt. Danach nimmt die Erzählung aber wieder Fahrt auf und führt, vorbei an einer rührenden Anekdote und einer ebenso rauen wie herzlichen Begegnung mit Hectors Vergangenheit, zu einem originellen, smarten sowie gefühlvollen Finale.

Getragen wird der berührende Schluss zu großen Teilen von einer leidenschaftlichen Darbietung des Oscar-Preisträgers Christopher Plummer, der fast im Alleingang einen missglückten Veronica-Ferres-Cameo vergessen macht. Doch auch Simon Pegg kann im Schlussakt noch einmal zeigen, welch breites Gefühlsspektrum er scheinbar mühelos innerhalb weniger Sekunden abzurufen vermag.

Hectors Gefühlschaos erweist sich letztlich als der Schlüssel zum Glück für den Zuschauer: Mit seinem Gänsehautschluss setzt sich dieser bildhübsch fotografierte Gute-Laune-Film, der nie davor zurückscheut auch die ungeschönten Seiten seiner Figuren und Schauplätze zu zeigen, nachhaltig im Gedächtnis fest. Selbst wenn Hectors Reise eine herbe erzählerische Länge aufweist und die weiblichen Ensemblemitglieder etwas zu kurz kommen, ist dieser Glücksfilm somit gehaltvoller und ausgereifter, als die in ihm geäußerten, zuckrigen Lebensweisheiten mutmaßen lassen.

«Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück» ist ab dem 14. August 2014 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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