Hingeschaut

«Anke hat Zeit», aber Assange nichts zu sagen

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In der neuen Folge «Anke hat Zeit» ist Julian Assange der uninteressanteste Talkgast in einer bunten TV-Wundertüte voller Kultur und Chaos.

Die drei Titanen Google, Facebook und die NSA übernehmen sukzessive die Welt. Tagtäglich gehen weitere 1,5 Millionen Geräte mit Google-Betriebssystem ans Netz, vor allem Android-Handys. Diese Zahlen kennen wir deshalb, weil sie an Google berichtet werden, sobald jemand sein Gerät einschaltet. Diese Geräte schaffen eine Massenüberwachung von eineinhalb Milliarden Menschen über das Internet.
Julian Assange
Es fing an als direkte, simple Nachfolge von «Helge hat Zeit»: Das „Katzenklo“ singende Gesamtkunstwerk Helge Schneider präsentierte im Oktober 2012 im WDR ein neues Format, in dem Philosophie, Chaos, Irrsinn, dadaistische Kunst und musikalische Einlagen zur Tagesordnung gehörten. «Helge hat Zeit» wurde jedoch nicht sehr alt: Schon am 5. Januar 2013 ging mit Folge Numero zwei die letzte Ausgabe auf Sendung. Dann sprang Anke Engelke in die Bresche – die Komikerin lud zu «Anke hat Zeit» und somit zu einer Show, die dem Titel nach zu urteilen eine exakte Kopie von Helges kurzlebigem Chaostalk darstellen sollte. Aber der «Wochenshow»-Star trat nicht erneut in die Falle, die ihr nach der Übernahme des «Harald Schmidt Show»-Sendeplatzes vor vielen Jahren bei Sat.1 zum Verhängnis wurde – statt Helge nachzueifern, nahm Engelke das grobe Grundgerüst seiner Show und erarbeitete sich auf dieser Basis ihr ganz eigenes Personality-Format voller Spontaneität.

Mit der nunmehr sechsten Folge erreicht «Anke hat Zeit» zumindest hinsichtlich der Gästeliste einen vorläufigen Höhepunkt. Denn in dieser Ausgabe ist einer von Ankes Gesprächspartnern niemand geringeres als Wikileaks-Mitgründer Julian Assange. Dieser spricht per Schalte mit der Gastgeberin über die Gefahren der digitalen Überwachung und sein Leben als politischer Flüchtling, der sich in der Ecuadorianischen Botschaft in London vor den US-Behörden und der schwedischen Justiz verschanzt. Was nach einem großen Coup klingt, erweist sich in der eigentlichen Sendung allerdings als ernüchternd unspektakulär: Assange ist praktisch gesehen der Anhang der Bühnenregisseurin Angela Richter, die ihn im Laufe ihrer Recherchen über Hacker-Aktivismus kennenlernte und ihm ein angesehenes Stück widmete. Primär sind es Engelke und Richter, die über die Bedeutung von Wikileaks sprechen und darüber, wie die Regisseurin und der Australier in Kontakt kamen, Assange dagegen schaut diesem Gespräch über weite Strecken bloß zu.

Wenn Assange, dessen Antlitz aus einem Retrofernseher prangt, das Wort ergreift, dann bricht er dafür in lange Monologe aus (von denen die Moderatorin rasch ermüdet ist, was Engelke immerhin mit Humor kommentiert), die aus seinen üblichen Warnungen vor Google, der NSA und einseitiger Berichterstattung bestehen. So sehr auch das, wofür Assange einsteht, eigentlich zum Nachdenken anregen sollte, in der komprimierten und völlig auf neue Aspekte verzichtenden Form, die sein Appell in «Anke hat Zeit» annimmt, erscheint er lediglich trivial. Da hat das von ihm verhasste Kinodrama «Inside Wikileaks» wesentlich mehr Substanz zu bieten.

Auch der Entertainment-Faktor hält sich eher in Grenzen, selbst wenn sich Engelke redlich bemüht, Polit- und Kultur-Talk mit bunteren Fragen aufzulockern. Dennoch scheint Assange einfach nicht ins Format zu passen. Interessanter und dynamischer wird Ausgabe sechs von «Anke hat Zeit» nämlich erst, sobald Anke den kontroversen Aktivisten verabschiedet und sich ihren anderen Gästen zuwendet. Und ihre Riege an Studiogästen ist beeindruckend wild gemischt: Bjarne Mädel spricht über den Erfolg der Reihe «Tatortreiniger», Glassplitter, die er jahrelang in seinem Körper spazieren trug sowie seine Erfahrungen in Afrika, Modetheoretikerin Barbara Vinken kritisiert Ausbeutung und der Künstler Tino Sehgal erläutert, wieso er es verbietet, seine Kunst durch Fotos oder Videos festzuhalten.

Der Höhepunkt dieses televisionären Wundertüte für Intellektuelle und jene, die es werden wollen, ist aber ein ausgedehnter Auftritt des Schauspielers Stefan Kaminski, der in einem Live-Hörspiel Wagners „Ring des Nibelungen“ zusammenrafft und dabei sowohl Göttervater Wotan als auch dessen Ehefrau Fricka vertont. Die Mischung aus prägnanten Textstellen, schriller Instrumentenwahl und teils dramatischen, teils skurrilen Soundeffekten ist sehens- und hörenswert und würde es so wohl nur in einer Sendung wie «Anke hat Zeit» ins Fernsehen schaffen. Und der Auftritt passt zugleich auch wunderbar zum Moderationsstil, den Engelke in dieser Show pflegt: Stets ein wenig zerstreut, sehr neugierig und mit zwinkerndem Auge den Kulturstatus des Formats lobend. Schrill-unterhaltende Kunst passt da besser rein als ein auf Floskelformen seiner Kernaussagen reduzierter Assange.

«Anke hat Zeit» ist am Dienstag, den 15. Juli 2014, ab 22.30 Uhr im WDR zu sehen.

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