Rob Vegas

Spätschicht aus dem Baukasten?

von
Rob Vegas kann der deutschen Spätchicht im Fernsehen nicht mehr viel abgewinnen. Dabei ginge es anders.

Late-Night ist eine ganz besondere Gattung im Fernsehen. Vielmehr prägt sie das Image eines Senders als den Quotendurchschnitt. Im besten Fall drückt sie sogar die politische Haltung des Senders aus. Obgleich «TVTotal» kein wirkliches LateNight-Format ist, so könnte der Metzger selbst für nur 300.000 Zuschauer ein Programm machen und würde damit dennoch «ProSieben» ein Gesicht geben. Der Sender hält an ihm fest.« ProSieben» ist Raab. Glücklicherweise hat er für den Sender mehr Erfolg mit seinen Großveranstaltungen. Doch selbst diese Formate wären ohne die Show nicht denkbar.

Es geht hier aber nicht um Stefan Raab. Der Mann plant wohl ohnehin bald die Umrundung des Planeten Saturn live und mit Joey Kelly an Bord des Raumschiffs. Nebenbei würde der Planet wohl auch guter Werbeträger für eine große Elektronikhandelskette sein. Man sollte ihn nicht noch auf Ideen bringen.

Schmidt dümpelt derweil bei «Sat.1» im Quotentief und ruht sich auf seiner schwindenden Stammzuschauerschaft aus. Schon in der Pressekonferenz mit Volker Herres beim Wechsel zur «ARD» kündigte er damals mehr Biss und neue Angriffslust an. Beides sucht man bislang vergebens und wer schaut denn wirklich noch bei «Sat.1» vorbei? Der Sender wirkt wie eine BadBank für gescheiterte Moderatoren.

Die «heute-Show» freut sich indes über leicht steigende Quoten. An die inhaltliche Qualität von «Neues aus der Anstalt» kommt man dagegen nicht heran. «Neues aus der Anstalt» hat weitaus mehr LateNight in sich als alle anderen Showformate der späten Nacht. Immer aktuell, sehr gut geschrieben und klar politisch. Da werden keine Witzchen über die Kanzlerin gemacht, sondern sich aktiv mit Biss und Angriffslust mit der Politik beschäftigt. Dennoch ist es mehr eine neue Version des Scheibenwischers. Pelzig sitzt nicht am Tisch, Bands spielen kein Intro und Gäste treten allenfalls mit eigenen StandUp-Nummern auf.

Was der deutschen LateNight fehlt ist die Haltung zum Alltag. Es wirkt immer noch wie der Baukasten zu einer LateNight Show. Tisch, Stuhl für den Gast, Band und aktueller StandUp zum Start. Die Sprüche dafür klauen sich die Gagschreiber dagegen längst bei Twitter und sorgen damit mehr und mehr für Unmut in der Internetgemeinde. Habe ich damals noch als vermeintlicher Schmidt auf Twitter meine Sprüche abgesetzt, so vergessen heute die Gagschreiber der Tv-Shows oft die Fußnoten der Urheber. Nicht selten höre ich am Abend die besten Tweets des Tages von Raab, Schmidt und Co. . Diese dagegen beschäftigen sich nicht wie ihre amerikanischen Kollegen mit dem Netz. Sie senden selbst. Sich selbst. Ihr Format selbst. Da wird ein Einspieler von einem CSU-Parteitag gesendet in der gleichen Art wie auch schon Jahre zuvor. Da ist wieder irgendeine Messe in Fankfurt und wir schicken die Praktikantin hin, lassen sie ein paar Scherzfragen stellen und schneiden das irgendwie lustig zusammen. Fertig!



Bestenfalls «extra3» hat zu Zeiten von Tobi Schlegl auch einmal Aktionen durchgeführt und das Format landete mit seinen Einspielern dann auch in der Berichterstattung der Nachrichten. Ein Panzer rollte durch Berlin. Immerhin. Die Sendungen könnten ihre Zuschauer mobilisieren, Aktionen ausrufen und näher am Zeitgeist sein. Stattdessen hört man vom Altmeister dann Anekdoten aus der WDR-Zeit. «Stephen Colbert» hat es dagegen mit seinen Fans geschafft ein Laufband auf der ISS nach sich zu bennenen. Steve Jobs sendete ihm ein kostenloses iPad. Lustig war das. Die «heute-Show» hat dagegen so wenig Haltung wie ein Billy-Regal. Wofür steht Welke? Für nichts. Warum ist Hassknecht so beliebt? Weil er aus der Rolle fällt. Welke tut das nie. Er liest die Gags wie die Moderation einer Fußballübertragung ab und geht heim. Schöne Sendung. Bis zum nächsten Mal. Immer derselbe Schrott. Aktuell sind da nur die ausgewählten Nachrichten. Es bleibt bei der Sketchschalte zum Reporter, den witzigen Statistiken und dem eigenen Bereich für Sonneborn. Wo ist da der große Unterschied zur damaligen «Wochenshow»? Witzige Meldungen im Design einer Nachrichtensendung.

Eine gute LateNight sollte die Guerilla-Truppe eines Senders sein. Welke war das einmal mit Kalkofe bei Radio FFN. Darüber wurde gesprochen. Das war wahnsinnig. Das gab nicht selten Ärger mit dem Sender und die Leute sind ausgeflippt. Sie wurden mobilisiert, standen vorm Gebäude und kämpften mit. Das Format war eine Art rechtsfreie Zone im Sender. LateNight muss ebenso funktionieren. Da müssten in Mainz ständig die Damen und Herren im Sender mit den Augen rollen und sich dann doch bestätigt fühlen. «Neues aus der Anstalt» hat diesen Biss. Stephen Colbert hat diesen Biss, Jimmy Kimmel hat diesen Elan. Harald Schmidt, Welke und Pocher, wie auch Raab haben nichts dergleichen. Leider nicht.

Doch. Raab hat eine Gabe. Größenwahn. Leider.

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