Hingeschaut

Lustige Hypnose im Nebel des Zonks

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Am Montag sendete RTL II die erste Ausgabe der Hypnose-Show «Ich weiß, was du letzten Freitag getan hast».

Nachdem am Freitag schon Altmeister Jürgen von der Lippe sein Comeback auf der großen Showbühne gab, war am Montag nun sein Generationsgenosse Jörg Draeger an der Reihe. Rund acht Jahre nach der letzten Folge seiner Kult-Gameshow «Geh aufs Ganze!» bei kabel eins und knapp vier Jahre nach seiner letzten 9Live-Sendung führte er die RTL II-Zuschauer durch die Premiere der Hypnose-Spielshow mit dem unhandlichen Titel «Ich weiß, was du letzten Freitag getan hast».

Zu Beginn der Show verlor Draeger kein einziges Wort über seine TV-Pause oder seine Rückkehr. Die ersten Sätze des Gameshow-Königs galten sofort der Beschreibung seines neuen Formats. Dennoch war es eine Freude, nach längerer Zeit endlich einmal wieder seine unverkennbare, leicht heisere und meist tiefe Stimme zu hören und in das spitzfindige Schnurrbartgesicht schauen zu dürfen. Keine Krawatte und eine relativ moderne Kombination aus Jackett und Jeans schmückten den Moderator – ebenso wie die für ihn untypischen Moderationskarten. Draeger versucht sich also in eine Fernsehsendung von 2011 artgerecht einzufinden, was für seine Fans wohl zunächst etwas gewöhnungsbedürftig sein wird.

Das Studio ist – welch Wunder – jenes typische RTL II-Multifunktionsstudio, wie es auch in den meisten anderen neuen Showproduktionen des Senders bespielt wird. Aufgrund seiner runden Anordnung und der runden Bildschirme wirkt es aber für die neue Draeger-Show wie extra gemacht am passendsten, denn so konnten sich die Hypnose-Kreise aus dem Logo von «IwwdlFgh» (die neue Abkürzung des Titels) bestens in gewohnter Kreisschwingung bewegen. In der Studiomitte befindet sich ein drehbarer Hocker für den Kandidaten nebst Stopp-Hebel, mit dem der unwissentlich hypnotisierte Spieler die einzelnen Filme anhalten kann, wenn sie ihm zu heikel werden sollten.

Als Premierenkandidatin wurde eine etwas korpulente Hauswirtschafterin aus Butzbach namens Ursula auf einem Bett und im Hypnoseschlaf ins Studio gefahren. Hypnotiseur Jos Claus aus Holland, der auch das niederländische Original der Sendung («Ik weet wat jij deed», TROS) betreut, weckte sie auf und Jörg Draeger klärte sie auf, was denn letzten Freitag und nun mit ihr geschehen war. Dass die aufgezeichneten Erlebnisse natürlich in Wirklichkeit nicht zwingend an einem Freitag stattfanden, liegt dabei auf der Hand. Am Rande des mittleren Studiokreises sitzen die Angehörigen der Kandidatin – vier an der Zahl – und warten darauf, dass sie ein Ticket für die Teilnahme an einer gemeinsamen Traumreise bekommen. Damit dies passiert, musste Ursula nun nacheinander fünf Filme zeigen lassen, in denen sie unter Hypnose „am letzten Freitag“ peinliche Dinge getan hat. Weil sie sich dazu durchringen konnte, alle fünf Ausschnitte öffentlich im TV anzuschauen, konnten am Ende der Sendung alle fünf Freunde in den Urlaub fahren.

Die Reise wurde von Jörg Draeger selbst vorgestellt. Hier hätte man sich natürlich Sprecher Sven Blümel von «Geh aufs Ganze!» zurückgewünscht. Genau so, wie bei den Off-Sprecher-Passagen während der Filme und zu Beginn der Sendung. Auf dem Weg zu der Reise hätte Kandidatin Ursula auch jederzeit einen Film oder das ganze Spiel stoppen und dann nur mit zwei oder drei Freunden/Verwandten in den Urlaub fahren können. Da die Filme aber eher lustig und interessant waren, und das nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für Ursula selbst, kam sie gar nicht erst in Versuchung, das Spiel abzubrechen. Stattdessen merkte man ihr an, dass sie selbst gespannt darauf war, zu sehen, wie sie unter der Hypnose reagiert hat. Das machte den Spielverlauf also etwas überflüssig, doch ohnehin schien eher der Comedy-Effekt der Einspielfilme, die ein wenig an «Verstehen Sie Spaß?» erinnerten, im Vordergrund zu stehen. Und so konnte man das ein oder andere Mal herzlich lachen, wenn man Ursula als Königin Beatrix agieren sah, bei einem Restaurantbesuch bei Alfons Schubeck begleiten konnte oder sie in ihrer Rolle als Soap-Diva bei «Unter uns» präsentiert bekam. Ihr Lieblingsstar aus der Serie, Kai Noll (alias Rufus), kam dann sogar ins Studio und schenkte ihr einen Backstage-Gang bei einem Produktionstag der Soap. Zwischen den Filmen stellte Draeger seiner Kandidatin Quizfragen mit vier Antwortmöglichkeiten, wie es denn nun wohl in Situation XY weitergehen würde.

Konnte Ursula diese richtig beantworten (pro Stufe eine solche Frage), drückte Draeger ihr einen 100-Euro-Schein für die Reisekasse in die Hand, den er wie zu guten alten «Geh aufs Ganze!»-Zeiten aus der Jackentasche hervor zauberte. Die fünf Stufen beinhalteten übrigens folgende Themen: 1. Königlicher Besuch, 2. Sterneküche, 3. Soap-Star, 4. Einmal Kind sein, 5. Delfinarium. Bei einer der Quizrunden fragte Draeger Ursula z.B., was sie denn als Königin Beatrix für ihren Thron gehalten habe. Sieht man sich die Kandidatin dann zu Hause in ihrem Badezimmer, unter den stets eingeblendeten, überraschten oder peinlich berührten Reaktionen im Studio, auf die heimische Toilette setzen, hat das einmal mehr den Charakter einer Comedyshow, anstatt einer Gameshow.

Die Kandidaten wirkten im Übrigen alle echt und nicht, wie vorher Gerüchten zu entnehmen war, wie Schauspieler. Und Draeger selbst? Wirkte bei seinem Versuch, sich in die Neuzeit hineinzuversetzen, etwas gewöhnungsbedürftig und blieb damit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Er konnte in keiner Weise sein typisches Zockerkönnen unter Beweis stellen. Und auch, wenn er das ansich natürlich gut anstellte und die Show trotz der Spielschwächen weitestgehend zu überzeugen wusste, schwebte stets das Damoklesschwert über dem ganzen Unterfangen: Wieso holt man schon Draeger zurück, gibt ihm aber nicht seine Kult-Show «Geh aufs Ganze!», in der er seine kompletten Qualitäten voll ausspielen kann?! Der Geist des Zonks, der sich in den Gedanken der wohl meisten Spielshow-Fans in dieser Frage äußerte und die neutrale Sicht auf «IwwdlFgh» etwas vernebelte, blieb während der ganzen Premiere von «IwwdlFgh» präsent. Wenn man auch typische Gameshow-Elemente wie Spannung oder ein interessantes Spiel in Draegers neuer Sendung vermisste, konnte sie aufgrund ihrer Komik dennoch unterhalten und darf auch ruhig, unabhängig vom Zonk-Effekt, eine Fortsetzung über die drei bereits aufgezeichneten Folgen erfahren. Auch schon alleine deshalb, um wenigstens Draeger wieder dauerhaft erleben zu dürfen. Und mit ihrem Mix aus Show, Comedy und auch ein wenig Reality-Doku-Soap passt sie obendrein perfekt ins RTL II-Programm. Aus dem Thema Hypnose hat bisher jedenfalls auch keine Show so eine nette Unterhaltung zaubern können, wie diese.

Übrigens kamen zwei Sätze von Draeger im Laufe der Sendung besonders in die Ohren: „Vorsicht Stufe!“ warnte er ältere Kandidaten bei «Geh aufs Ganze!» auch stets, wenn er mit ihnen die Treppe hinunterging. Hier sagte er den Satz nun sowohl zu seiner ersten Kandidatin Ursula, als auch zu ihrem Überraschungsgast Kai Noll, als sie die Mittelbühne betraten. Und die Verabschiedung aus seiner Kultsendung „Nicht vergessen: Wir sehen uns wieder!“ konnte der Altmeister nun passend abwandeln in «Ich weiß, dass Sie wieder reinschauen!».

Wo Lippes Sendung doch so ein schönes gesungenes Titellied hat, wäre der ultimative Vorschlag für «Ich weiß, was du letzten Freitag getan hast» ja wohl „Last Friday Night“ von Katy Perry… Bitte bei eventuellen neuen Folgen ändern, RTL II !

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