Interview

Jan Krauter: ‚Ich glaube nicht, dass es den klassischen Bösewicht gibt‘

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In «Fang mich doch!» spielt Jan Krauter einen Familienvater, der sich mit Lügen und Manipulation in eine wohlhabende Welt einschleicht. Im Interview spricht er über soziale Ungleichheit, die Sucht nach Anerkennung, Trickbetrüger in Gesellschaft und Politik – und darüber, weshalb wir Georg womöglich ähnlicher sind, als uns lieb ist.

Herr Krauter, Georg ist Familienvater, Hochstapler und Betrüger zugleich. Was hat Sie an dieser widersprüchlichen Figur gereizt?
Ziemlich genau das (lacht)

«Fang mich doch!» erzählt von einem Mann, der sich eine neue Identität erschafft. Wie sind Sie an die Frage herangegangen, wann Georg selbst noch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann?
Ich glaube, für jemanden, dem es so leicht fällt Menschen, zu manipulieren, der also ein Gefühl von Kontrolle gewohnt ist und sie auch braucht, ist es sehr schwer festzustellen, wann er die Kontrolle tatsächlich verloren hat. Seine Prämisse ist eigentlich ein unerschütterliches „Denke groß - die Marginalien kriegen wir schon irgendwie hin“. Er ist es gewohnt sich in gewagte Situationen zu werfen, die andere scheuen würden, weil er die Möglichkeit zu Scheitern schlichtweg ausblendet. Das lässt ihn nach außen natürlich eine Sicherheit ausstrahlen, die alle Umstehenden vermuten lässt, dass er schon wisse, was er tut. Im Endeffekt ist er wie eine Art „sozialer Börsenspekulant“, der aufgrund seiner gesammelten Informationen eine gewagte Wette eingeht - der Gewinn würde hoch ausfallen, aber er kann sich eben auch verzocken. Sich verzockt zu haben, kann sich Georg allerdings ebenso wenig eingestehen, wie ein Spielsüchtiger. Solange er nicht beschließt, dass es vorbei ist, ist es auch nicht vorbei - deshalb beschließt er es einfach nicht…

Georg stammt aus prekären Verhältnissen und gelangt plötzlich in ein wohlhabendes Umfeld. Wie stark ist die Geschichte für Sie auch ein Film über soziale Unterschiede in Deutschland?
Das ist natürlich auch ein großes Thema in dem Film - auch wenn ich glaube, dass es nicht die Hauptursache für Georgs Handeln ist. Aber, wenn auf der einen Seite jemand nicht weiß, wie er die Reparatur seines Autos bezahlen soll und auf der anderen Seite jemand eine halbe Million ungenutzt „rumliegen“ hat und sogar vergisst - dann ist das natürlich ein Hinweis auf soziale Ungerechtigkeit. Wir können beobachten, wie die Schere zwischen Superreich und Superarm immer weiter wächst, während sich der Mittelstand langsam auflöst. Trotzdem orientiert sich der Großteil der Bevölkerung weiterhin an den Milliardären, anstelle davon, sie als Ursache des Problems zu begreifen. Die einen schuften und ackern und die anderen erben - ich kann verstehen, dass man da zum Trickbetrüger werden möchte…

Trotz seiner kriminellen Energie wirkt Georg nicht wie ein klassischer Bösewicht. War es Ihnen wichtig, Verständnis für seine Motive zu schaffen?
Das ist es mir eigentlich immer. Ich glaube nicht, dass es den klassischen Bösewicht gibt - es gibt nur Menschen. Ich glaube eher, dass wir alle in der Lage wären, kriminell zu werden - es kommt nur darauf an, wie schlecht es uns geht oder ob wir für unser Handeln Konsequenzen fürchten müssen. Deshalb sollten wir uns immer die Mühe machen, uns zu fragen, was wir mit dem „Übeltäter“ gemein haben könnten, wahrscheinlich sind wir ihm näher als wir denken und wenn wir verhindern wollen, dass wir selbst zu einem werden, sollten wir vielleicht darüber Bescheid wissen.

Die Handlung spielt in einer Elterninitiative, einem sehr speziellen Mikrokosmos. Was macht diesen Schauplatz als Bühne für eine solche Geschichte besonders interessant?
Ich finde das Setting großartig, weil es so überhaupt nicht der Ort ist, an dem man den großen Coup vermuten würde. Nicht von einem Geldtransporter oder Fort Knox sondern zwischen Stofftieren und Wachsmalstiften hat da jemand fast eine halbe Million erbeutet - das ich find ich einfach originell, weil so unkonventionell. Genau deshalb gelingt der Betrug wahrscheinlich auch erst so gut - die KiTa in «Fang mich doch!» zeigt ja auf satirische Weise auch eine überpriviligierte Bubble, die eben so wenig mit existenziellen Problemen konfrontiert ist, dass es ihr schlichtweg nicht mal auffällt, wenn ihr so viel Geld fehlt. Viel mehr als um Georg, geht es eigentlich um diese Mini-Gesellschaft, die hier untersucht und auch entlarvt wird - und ich denke wir alle finden uns darin wieder und müssen uns fragen, ob man uns nicht auf eine ähnliche Weise hätte hinters Licht führen können.

Georg genießt den sozialen Aufstieg und die Anerkennung, die er plötzlich erfährt. Wie sehr geht es in dem Film um die Sehnsucht nach Zugehörigkeit?
Ich bin mir unsicher ob es für Georg um Zugehörigkeit geht. Er bleibt ja in allem, was er tut eigentlich einsam. Wenn er die Menschen um sich herum belügen und manipulieren muss, um dazuzugehören - ist er ja wieder keiner von ihnen - ein Strippenzieher wird nie Marionette sein. Ich glaube es geht viel um Sucht, um ein inneres Defizit, das mit nichts wirklich ausgefüllt werden kann, um ein „nie genug“, einen Minderwertigkeitskomplex, der genährt wurde von einer kapitalistischen Welt, die unendliches Wachstum, Glück zum Sonderangebot und Dolce Vita ohne Konsequenzen verspricht. Erzogen vom Marketing glaubt auch Georg, dass jede:r ein Star werden kann, die Hauptrolle und der Mittelpunkt der Welt. So langsam wundert er sich, warum das eigentlich noch nicht passiert ist und warum er immer noch jeden Cent umdrehen und seiner Frau beim Gurken einmachen zugucken muss.

Mit Friederike Kempter und Tobias Oertel treffen unterschiedliche Figuren auf Georg, die ihn zunehmend hinterfragen. Wie haben Sie diese Dynamik innerhalb des Ensembles erlebt?
Die Kolleg:innen waren allesamt großartig und es hat großen Spaß gemacht, in die Welt einzutauchen, die sie da auf die Beine gestellt haben. Ich musste als Georg ja nur noch wie Alice ins Wunderland treten, das was mich da erwartete, hat dieses Ensemble ja bereits erschaffen - ich musste nur noch darauf reagieren. Irgendwann wandelte sich die Regenbogen-bunte KiTa in ein Minenfeld, voller misstrauischer Blicke und da kommt man teilweise schon privat ins schwitzen, oder ist zumindest froh, nicht wirklich in Georgs Haut zu stecken.

Die Geschichte basiert auf einem echten Fall. Hat dieses Wissen Ihre Vorbereitung auf die Rolle beeinflusst?
Beeinflusst hat es mich insofern, dass mir einfach schon mal klar war: sowas ist möglich. Es gibt einen Menschen, der das tatsächlich so oder so ähnlich gemacht hat. Die Arbeit ist dann aber eigentlich dieselbe wie immer: hineinversetzen, nachahmen, mit sich selbst abgleichen, Leben einhauchen.

Der Film bewegt sich zwischen Komödie, Gesellschaftssatire und Drama. Wie schwierig ist es als Schauspieler, diese unterschiedlichen Tonlagen glaubwürdig miteinander zu verbinden?
Eigentlich ist mit diesem Genre-Mix das Leben ja recht treffend beschrieben… deshalb eigentlich nicht so schwer - einfach das Leben abbilden. Für mich persönlich sind diese unterschiedlichen Genres auch immer nur gut dargestellt, wenn die komplementären Genres darin wiederzufinden sind. Das macht es gut und glaubhaft. Ich finde eine Komödie immer so viel lustiger, wenn jemand darin todernst oder todtraurig ist, während ihr/*ihm etwas komisches passiert, als wenn jemand plötzlich witzig spielt weil es ja witzig sein soll. Das finde ich dann meistens eher albern. Und umgekehrt finde ich es auch sehr einseitig Drama nur über wortkarge Traurigkeit und düstere Blicke darzustellen. Es gibt so viele absurd komische Situationen selbst in der schlimmsten Tragödie - es gehört dazu. Beides. Egal wie rum.

Georg setzt mit seinen Entscheidungen nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie aufs Spiel. Wie haben Sie die Vater-Tochter-Beziehung als emotionales Zentrum der Geschichte verstanden?
Es ist leider eine sehr ungesunde Beziehung, die er zu seiner Tochter pflegt. Ich gehe fest davon aus, dass er denkt, er tue immer das Beste für seine Tochter, in Wirklichkeit aber übersieht er sie komplett und missbraucht sie eigentlich lediglich dazu, mit seinem eigenen inneren Kind zu sprechen, dem er immer wieder mantrisch „think big“ einbläut. Erst als er droht alles zu verlieren, wird ihm bewusst, was er da eigentlich schon alles hatte.

Viele Zuschauer werden sich vermutlich fragen, wie lange man mit Charme und Selbstbewusstsein tatsächlich durchs Leben schummeln kann. Was erzählt «Fang mich doch!» Ihrer Meinung nach über Vertrauen und Täuschung?
Ich würde sagen die Trickbetrüger sind neuerdings stark auf dem Vormarsch - einige regieren sogar das mächtigste Land dieser Welt, andere versuchen gerade in Deutschland die Macht zu ergreifen. Das sind Menschen, die die Wünsche und Ängste der Bevölkerung ausnutzen, um sie auszubeuten, die der breiten Masse zur eigenen Bereicherung versprechen, was sie will, ungeachtet dessen, dass sie eigentlich etwas anderes braucht. Für solche Menschen ist es in letzter Zeit leichter geworden in einer Welt, die sich überwiegend aus einem Überfluss vereinfachter und oberflächlicher Informationen zusammensetzt und deren Grundfesten der bisher geltenden Realität derzeit in Frage gestellt werden müssen. Das löst viel Unsicherheit, Uninformiertheit und dadurch auch Angst aus, die die Menschen schnell in die Arme derer treibt, die in einer kompliziert wirkenden Welt, schnell einfache Antworten versprechen und nebenbei noch die Erfüllung all deiner Wünsche. Die werden parallel zur Angst nämlich auch fleißig weiter gefüttert mit vielen bunten Bildern, die dazu einladen sich mit ihnen zu vergleichen und festzustellen, dass man minderwertiger abschneidet.

Wenn man den Film gesehen hat: Sollte man Georg am Ende eher verurteilen, bemitleiden oder vielleicht sogar ein Stück weit bewundern?
Für seine Talente, kann man ihn durchaus bewundern, ihn aber bemitleiden dafür, für was er sie einsetzt.

Es ist gewissermaßen ein Menschheitsproblem, dass sich immer noch so viele Menschen gerissen dabei vorkommen, der eigenen Spezies ein Bein zu stellen. Ich glaube unsere Fähigkeit in dieser Problematik ein Umdenken zu erreichen, wird letztlich darüber entscheiden, wie lange es die Menschheit noch macht.

«Fang mich doch!» ist am Montag, 31. August, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Der Film ist bereits seit 13. Juli 2026 im Stream verfügbar.

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