Manchmal fragt man sich bei einem Film nicht mehr, ob er gut oder schlecht ist – sondern einfach nur: Wie konnte das passieren? «Santa and the Ice Cream Bunny» aus dem Jahr 1972 ist genau so ein Fall. Ein Werk, das weniger wie ein Film wirkt als wie ein Unfall auf Zelluloid, bei dem niemand mehr den Überblick hatte, wer eigentlich Regie führt, wer spielt und warum plötzlich ein zweiter Film mitten im Film läuft.Die Ausgangsidee klingt noch halbwegs harmlos: Der Weihnachtsmann landet in Florida, bleibt mit seinem Schlitten im Sand stecken und ruft Kinder zur Hilfe. Diese bringen ihm – ohne erkennbare Logik – diverse Tiere, darunter ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein und, ja, einen Gorilla im Kostüm. Natürlich gelingt es keinem dieser Tiere, den Schlitten zu bewegen. Also beschließt Santa, den Kindern zur Motivation ein Märchen zu erzählen.
Und genau hier kippt der Film endgültig ins Absurde. Denn anstatt einfach ein Märchen zu erzählen, wird plötzlich ein komplett anderer Film eingeblendet – entweder «Thumbelina» oder «Jack and the Beanstalk», je nach Version. Dieser Film im Film nimmt den Großteil der Laufzeit ein, läuft mit eigenen Credits und hat mit der eigentlichen Handlung praktisch nichts zu tun. Danach kehren wir zurück zu Santa, der immer noch im Sand steckt, bis schließlich ein Mann im Hasenkostüm – der titelgebende Ice Cream Bunny – mit einem Feuerwehrauto auftaucht und ihn rettet. Warum ein Eiscreme-Hase ein Feuerwehrauto fährt, wird nicht erklärt. Warum der Schlitten sich am Ende einfach teleportiert, auch nicht.
Willkommen in einem der seltsamsten Filme aller Zeiten. Hinter diesem Werk steht Richard Winer, der hier praktisch alles selbst machte: Regie, Drehbuch, Schnitt, Musik. Das Ergebnis wirkt entsprechend wie ein zusammengebasteltes Projekt ohne kreative Kontrolle. Produziert wurde das Ganze von Barry Mahon, der vor allem für günstige Kinder- und Exploitationfilme bekannt war – und dessen bereits existierende Märchenfilme kurzerhand in dieses Projekt integriert wurden, um die Laufzeit zu strecken.
Die Besetzung ist entsprechend überschaubar. Jay Ripley (hier als Jay Clark geführt) spielt den Weihnachtsmann mit einer Mischung aus Überforderung und Gleichgültigkeit. Die Kinder wirken, als seien sie spontan aus einem Freizeitpark gecastet worden – was nicht ganz abwegig ist, da Teile des Films im damaligen Freizeitpark Pirates World in Florida gedreht wurden. Schauspiel im klassischen Sinne findet kaum statt; stattdessen stolpert die Handlung von Szene zu Szene, unterbrochen von Liedern, die wirken, als wären sie in einem einzigen Take aufgenommen worden. Und dann ist da natürlich der Ice Cream Bunny selbst – eine Figur, die aussieht, als hätte jemand ein Hasenkostüm aus einem Karnevalsladen genommen und beschlossen, daraus eine Filmikone zu machen. Ironischerweise ist genau das passiert: Der Film wurde ursprünglich wohl auch genutzt, um Figuren aus dem Freizeitpark zu bewerben.
Die Kritiken? Kaum existent zur damaligen Zeit – der Film lief eher unter dem Radar. Doch mit den Jahren entwickelte sich «Santa and the Ice Cream Bunny» zu einem Kultobjekt. Vor allem durch RiffTrax wurde er einem größeren Publikum bekannt, das den Film mit ironischen Kommentaren neu entdeckte. Heute gilt er als Paradebeispiel für „so schlecht, dass er schon wieder faszinierend ist“.
Und was wurde aus den Beteiligten? Richard Winer verschwand weitgehend aus dem Rampenlicht und blieb eine Randfigur der Filmgeschichte. Barry Mahon arbeitete weiter im Low-Budget-Bereich, oft ohne größere Aufmerksamkeit. Große Karrieren sind aus diesem Film erwartungsgemäß nicht hervorgegangen – eher das Gegenteil: «Santa and the Ice Cream Bunny» wirkt rückblickend wie ein Endpunkt, nicht wie ein Anfang.
Warum also darüber schreiben? Weil dieser Film zeigt, wie grenzenlos Kino sein kann – im Guten wie im Schlechten. Hier trifft kindliche Naivität auf kreative Ratlosigkeit, Sparzwang auf Größenwahn. Das Ergebnis ist kein klassischer „schlechter Film“, sondern ein kurioses Artefakt aus einer Zeit, in der man offenbar dachte: Kinder merken das schon nicht. Doch sie merken es. «Santa and the Ice Cream Bunny» ist kein Weihnachtsklassiker. Aber er ist ein Erlebnis. Und in dieser Reihe ist das vielleicht die höchste Auszeichnung.







Das Mark-Ruffalo-Paradox: ARD setzt erneut auf «Vergiftete Wahrheit»

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