Interview

Britta Keils: ‚Den Zuschauer räumlich ganz nah heranholen‘

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In der neuen «Marie Brand»-Folge trifft klassische Ermittlungsarbeit auf ein hochsensibles Trauma-Thema: missbrauchte und traumatisierte ehemalige Patientinnen. Regisseurin Britta Keils erklärt im Interview, wie sie Verantwortung und Spannung zusammenbringt, warum Details in Körperreaktionen entscheidend sind – und weshalb Täterfiguren wie Dr. Jakobi weder dämonisiert noch verharmlost werden dürfen.

«Marie Brand und die verlorenen Kinder» verknüpft einen Kriminalfall mit einem hochsensiblen Thema: traumatisierte ehemalige Patientinnen. Wie haben Sie diesen Stoff inszenatorisch verantwortungsvoll und zugleich spannungsvoll umgesetzt?
Der Inhalt eines Stoffes, der im Vorfeld sehr sensibel und genau mit den Verantwortlichen, der Autor*in, dem Produzenten, der Redakteurin und der Regie besprochen und erarbeitet wird, entsteht in einem langen Entwicklungsprozess. In diesem Fall handelte es sich um ein besonders sensibles Thema, und dementsprechend war es mir wichtig, die Figuren sehr sorgfältig zu besetzen. Im Episodencast ist uns dies mit Bineta Hansen und Meira Durant sowie mit Christian Erdmann sehr gut gelungen.

Die Arbeit mit den Schauspielerinnen beginnt für mich vom Moment der Besetzung an. Die Schauspielerinnen und ich haben sehr genau über die Figuren und ihre Besonderheiten gesprochen und uns intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Wir haben – soweit wie möglich – versucht, uns in Menschen beziehungsweise Kinder hineinzufühlen, die missbraucht wurden, die keinerlei Möglichkeiten hatten, sich zu wehren. Wir haben versucht, sehr tief in die Figuren hineinzublicken.

Bei der Inszenierung war es mir wichtig, besonders die beiden Schwestern zu verstehen: ihre Wut, ihren Hass, ihre Trauer, vor allem aber ihren Schmerz. Kleine Momente wie das Zittern, das nicht unter Kontrolle zu bekommen ist, oder das sich regelmäßig in die Finger Schneiden, das ebenfalls unkontrollierte körperliche Reaktionen abbildet.

Besonders aber der Moment in der Nacht, wenn Eileen Overkamp mal wieder einen Albtraum hat, weint und sich im Traum spürbar wehrt und ihre Schwester sie beruhigt – wie unzählige Male zuvor. Hier war es mir sehr wichtig, den Zuschauer auch räumlich ganz nah heranzuholen, ihm das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit zu vermitteln und ihn spüren zu lassen, wie unglaublich tief der Missbrauch aus der Kindheit sitzt.

Der Film bewegt sich stark zwischen Vergangenheitstrauma und Ermittlungsrealität. Welche visuellen oder dramaturgischen Mittel haben Sie genutzt, um diese Zeitebenen miteinander zu verknüpfen?
Die Ermittler Marie Brand und Jürgen Simmel finden die Spur eines Jungen namens Lukas Dobisch. Lukas habe ich durch Rückblenden sozusagen „ins Leben geholt“, ihn an Momente geknüpft, die dadurch eine zusätzliche Ebene der Emotionalität bekamen. Marie Brand, unsere Ermittlerin, erhielt dadurch eine größere emotionale Tiefe und eine erweiterte Sichtweise. Es gibt einen sehr emotionalen Moment mit Marie Brand und Jürgen Simmel, die in einem Jugendhaus ermitteln, in dem die ehemalige Kollegin Jette Maurer, gespielt von Sina Ebell, arbeitet. Dort sitzt ein kleiner Junge am Tisch, und gegen Ende der Szene betrachtet Marie Brand diesen Jungen mit großer Empathie. Man merkt ihr an, wie sehr ihr der Inhalt des Gesprächs nahegeht, wie sehr sie sich Aufklärung wünscht und wie sehr sie nach Gerechtigkeit sucht.

Eileen und Kirsten Overkamp tragen den Schmerz ihrer Kindheit noch immer in sich.
Wie haben Sie die Regiearbeit mit den Schauspielerinnen gestaltet, um diese ambivalente Mischung aus Härte, Verletzlichkeit und Rachegelüsten herauszuarbeiten?

Mit beiden Schauspielerinnen habe ich sehr intensiv gearbeitet. Wir wollten das Beste aus den Figuren herausholen und die Not sowie die irreparable Verletzung aus der Vergangenheit sichtbar machen. Eileen Overkamp, gespielt von Meira Durant, hat zum Beispiel unter anderem einen nervösen Tick: In brenzligen, unüberschaubaren Situationen hat sie ein zuckendes Auge. Es wird sehr schnell deutlich, dass sie sich nicht ganz unter Kontrolle hat. Die Peinigungen und körperlichen Qualen in der Kindheit haben sehr deutliche Spuren hinterlassen.

Kirsten Overkamp, gespielt von Bineta Hansen, hat sich eine sehr harte äußere Schale angeeignet. Sie lässt nichts und niemanden an sich heran. Sie lebt ihr Leben so, wie sie es für richtig hält, auch gerne mal polternd. Ihre kleine Schwester beschützt sie wie ihr höchstes Gut. Das bedeutet nicht, dass Kirsten weniger sensibel ist – im Gegenteil. Sie wehrt sich und ist laut. Der Missbrauch hat auch bei ihr tiefe Wunden hinterlassen.

Kirsten ist diejenige mit den Rachegelüsten, Eileen ist eher ängstlich und hilflos. Das wird sehr deutlich in dem Moment, in dem sie Jakobi im Kofferraum seines Autos vor der eigenen Haustür konfrontieren. Die Wut ist bei Kirsten mehr als deutlich zu spüren. Sie verliert völlig ihre mühsam angeeignete Kontrolle. Dann ist es Eileen, die sie in den Arm nimmt und beruhigt.

Mit Dr. Jakobi verkörpert Christian Erdmann einen Tätertyp, der sich lange im Schutz seiner Profession bewegte. Welche Haltung war Ihnen wichtig, um diese Figur weder zu dämonisieren noch zu verharmlosen?
Viele Täter leben auch im echten Leben unter uns, scheinbar unbeeindruckt von den Taten, die sie begangen haben. So auch Dr. Jakobi. Er praktiziert nach wie vor und trifft auf junge Patient*innen, auch auf Kinder.

Möglicherweise ist es eine Mischung aus Verdrängung, Nicht-mehr-wahrhaben-Wollen oder dem Gefühl, die eigene Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. „Kinder brauchen Konsequenz“ ist seine Devise. Damals verabreichte er den ihm anvertrauten Kindern Neuroleptika in hoher Dosierung, um sie ruhigzustellen, damit sie keine Fragen stellen, leise sind und nicht aufmüpfig werden.

Heute findet er in unserer Geschichte zunächst scheinbar breite Zustimmung. Meiner Meinung nach liegt er mit seinen Theorien zur Kindererziehung jedoch völlig daneben. Ganz losgelassen hat er seine Vergangenheit nicht – in seinen heutigen Überzeugungen steckt noch viel davon.

Christian Erdmann und ich haben sehr genau über Dr. Jakobi gesprochen. Uns war schnell bewusst, dass wir ihn nicht nur unsympathisch oder streng erzählen wollen. Eher unaufgeregt, vor seinem Publikum zunächst sympathisch. Wir wollten ihn nicht von Beginn an als Täter entlarven. Der Zuschauer sollte mit Dr. Jakobi auf eine Reise gehen und diese ambivalente Figur nach und nach kennenlernen.

Marie Brand und Jürgen Simmel geraten diesmal in ein besonders moralisch aufgeladenes Umfeld.
Welche neuen Facetten wollten Sie dem bekannten Ermittlerduo abringen?

Unser Ermittlerduo ist ein eingespieltes Team, das sich blind aufeinander verlassen kann und sich seiner Stärken sehr bewusst ist. In diesem schwierigen Fall von Kindesmisshandlung war eine außerordentliche Behutsamkeit gefordert – dem Thema und vor allem den dargestellten Opfern gegenüber.

Mir ging es vor allem darum, die sensible und feinfühlige Polizeiarbeit sichtbar zu machen, die Marie Brand leistet. Mariele Millowitsch hat sich im Vorfeld sehr genau mit Inhalt und Thema auseinandergesetzt und lässt ihre Figur jeden Fall individuell behandeln.

Wie haben Sie die Tonalität zwischen psychologischer Dichte, emotionaler Wucht und klassischem „Brand und Simmel“-Humor austariert?
Gerade dieser Fall war von enormer psychologischer Intensität. Hier waren feine Wahrnehmung und große Sensibilität gefragt. Dennoch bin ich der Meinung, dass auch in einer hochdramatischen Erzählung Momente des „Comic Relief“ notwendig sind. Der Zuschauer braucht die Möglichkeit, Luft zu holen und das Gesehene zu reflektieren.

Jakobis Entführung verschiebt den Fall plötzlich in eine neue Richtung. Welche Überlegungen standen hinter der Inszenierung dieses Wendepunkts – und wie halten Sie den Zuschauer emotional „auf Kurs“?
Die dramatische Wendung beginnt abends in der großbürgerlichen Villa, wenn Jakobi, gespielt von Christian Erdmann, mit sich und der Welt zufrieden teuren Wein trinkt und Schach spielt. Sie endet in dem Moment, in dem er betäubt oder tot im Kofferraum seines Autos vor dem Haus der Schwestern liegt.
Inszenatorisch habe ich versucht, diese starken Wendungen mit emotionalem Schauspiel, stark kontrastierenden Bildern, Schnitten und klassischer Musik zu verbinden.

Der Film arbeitet mit vielen Innenräumen, Werkstätten und therapeutischen Settings. Welche Rolle spielt Architektur beziehungsweise Raumgefühl für die emotionale Wirkung der Szenen?
Räume, Locations und Settings erzählen ihre eigene Geschichte. Um Figuren lebendig werden zu lassen, ist es entscheidend, wo und wie sie leben. Für mich ist es wichtig, Schauspieler und Figuren in ihren Räumen wirklich „leben“ zu lassen.

Es gibt für meine Schauspieler immer etwas zu tun – sei es nur, Einkäufe in den Kühlschrank zu räumen. Eileen und Kirsten leben in ihrer großen Werkstatt, arbeiten dort sichtbar, schleifen Möbel, bereiten Salat vor. Allein diese Handlungen erzählen emotionale Wahrheit.

Der Filmarchitekt Paul Margono denkt sehr inhaltlich, setzt sich intensiv mit allen Figuren auseinander und bereichert die Inszenierung mit präzisen Vorschlägen. Darsteller und Drehorte entwickeln so eine hohe emotionale Wirkung.

Wenn Sie auf die fertige Episode blicken: Welche Szene steht für Sie persönlich sinnbildlich für das, was Sie mit diesem «Marie Brand»-Fall erzählen wollten – und warum?
Es ist selten eine einzige Szene, vielmehr die gesamte filmische Erzählung. Jede Szene trägt etwas zum Verständnis bei. Besonders am Herzen lag mir jedoch der Albtraum von Eileen Overkamp. Hier sollte der Zuschauer nicht nur sehen, sondern vielleicht sogar fühlen, was den jungen Frauen widerfahren ist und welche Folgen der Neuroleptika-Missbrauch haben kann. Hier wollte ich sensibilisieren und aufmerksam machen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Das ZDF zeigt «Marie Brand und die verlorenen Kinder» am Mittwoch, den 7. Januar, um 20.15 Uhr. Der Film ist seit 31. Dezember 2025 in der ZDFmediathek abrufbar.

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