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«Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden»: Ein praktisch einmaliger Kinotrip

von   |  2 Kommentare

«Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» ist schwer vergleichbares, kunstvoll konstruiertes Genrekino aus Spanien.

Filmfacts «Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden»

  • Regie: Aritz Moreno
  • Drehbuch: Javier Gullón, nach dem Roman von Antonio Orejudo
  • Cast: Luis Tosar, Pilar Castro, Ernesto Alterio, Quim Gutiérrez, Belén Cuesta, Macarena García, Javier Godino, Stéphanie Magnin, Ramón Barea, Alberto San Juan
  • Produktion: Merry Colomer, Leire Apellaniz, Juan Gordon
  • Kamera: Javi Agirre Erauso
  • Schnitt: Raúl López
  • Musik: Cristobal Tapia De Veer
  • Laufzeit: 103 Minuten
Filmemachen ist schwer, Filme finanziert bekommen sogar noch mehr. Insbesondere für Newcomer. Selbst für gefeierte Newcomer-Regisseure: Der Spanier Aritz Moreno wurde 2013 vom Branchenblatt 'Variety' als eines der zehn wichtigsten neuen Talente gefeiert. Sein Kurzfilmdebüt «Portal Mortal» lief auf 90 nationalen und internationalen Filmfestivals und gewann 23 Auszeichnungen, seitdem verwirklichte er mehrere Musikvideos und weitere ausgezeichnete Kurzfilme. Darunter der mit dem Silbernen Mèliés als Bester Europäischer Fantastischer Kurzfilm ausgezeichnete «Cotton Candy» und «Cólera», der beim Austin Film Festival, dem London Film Festival und dem Sitges Film Festival bejubelt wurde. Und doch kostete es Moreno sechs Jahre des Klinkenputzens und Buckelns, um sein Langfilmdebüt «Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» verwirklichen zu können und auf die Leinwände Europas zu bringen.

Was lange währt, wird aber endlich gut – wenngleich in diesem Fall auch besonders nischig, so dass nur zu hoffen bleibt, dass «Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» in seiner Sparte erfolgreich wird, und Moreno die Möglichkeit erhält, weitere Filme in seinem eigenen Stil umzusetzen, statt sich anpassen zu müssen. Denn mit einer formidablen Mischung aus dramatisch, makaber-witzig sowie spannend-unangenehm und mit einem klaren Fokus auf der Kunst des kunstvollen Erzählens hat Moreno die Möglichkeit, Spaniens raue Antwort auf den französischen Filmsurrealisten Quentin Dupieux zu werden – und der legt ja immerhin eine zügige Taktung an neuen, einmaligen Filmen hin. Das darf sich, allein schon der Filmvielfalt zuliebe, mit Moreno wiederholen.

Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) wird während einer Zugfahrt von ihrem Sitznachbarn angesprochen, dem Psychiater Ángel Sanagustin (Luis Tosar). Er will ihr die Zugfahrt angenehmer gestalten und beginnt daher, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen. Wobei: Er schweift bald ab und erzählt stattdessen von seinem ungewöhnlichsten Fall. So entfaltet sich die Geschichte eines Patienten, der Soldat war: Im Krieg begegnete er einer Ärztin, die ein Kinderkrankenhaus unter den widrigsten Umständen erhalten möchte und dabei auf eine zwielichtige Gestalt stößt, die Verstörendes erblickt. Doch diese Geschichte nimmt ebenfalls unerwartete Umwege. Stück für Stück zieht der Psychiater die Verlegerin in immer tiefere Schichten seiner Erzählung hinein. Mit großen Folgen für diese Beiden, denn nach den Geschichten wird nichts mehr so sein, wie es war…


Was sich daraufhin entfaltet, ist eine schräge, visuell einfallsreiche und bisweilen zutiefst beunruhigende Komödie, in der das Erzählen an sich der Star der Erzählung ist: Statt einen Ensemble-/Episodenfilm zu verfassen, in dem Geschichten nacheinander aufgereiht werden, erstellt Drehbuchautor Javier Gullón, der unter anderem den Jake-Gyllenhaal-Mysterythriller «Enemy» verfasst hat, hier eine verschachtelte Erzählung, in der jemand eine Geschichte darüber erzählt, dass jemand eine Geschichte erzählt, dass jemand eine Geschichte … Und so weiter … Das entwickelt, bringt man eine Neigung zum Geschichtenerzählen mit dem Schwerpunkt Storystruktur mit, eine soghafte Faszination: Wann wird die nächste Erzählung aufgemacht, wie beeinflusst die Erzählfigur die Tonlage der Geschichte, wann macht Gullón diese Schachtel wieder zu?

Moreno hält diese Adaption eines Romans, der als unverfilmbar galt, frisch, indem er unentwegt die Bildästhetik, den Einsatz von Musik sowie den Duktus seines Casts gegen den moralischen Strich der gerade ablaufenden Episode bürstet: Körperliches Grauen wird durch launige Musik umgedeutet, Sinnlichkeit durch eine herbe bildsprachliche Anspannung entwertet, klassische Thrillerszenen werden gespielt wie in einer skurrilen Komödie. "Als würden Luis Buñuel und Salvador Dalí noch einmal zusammenarbeiten", huldigt der deutsche Verleih dieses Langfilmdebüt Aritz Morenos. Und auch wenn dieser Vergleich es nicht so wirklich trifft, da «Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» narrativ konventioneller ist als «Ein andalusischer Hund», so ist «Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» zweifelsohne überaus denkwürdig, tiefgreifend und einmalig. Ein Film, den man erlebt haben sollte!

«Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden» ist ab dem 20. August 2020 in deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Nr27
19.08.2020 19:45 Uhr 1
Okay, den Film hatte ich (trotz seines schönen Titels) nicht wirklich auf meiner Watchlist, aber jetzt werde ich wohl doch versuchen müssen, ihn im Kino zu erwischen - oder sonst halt später im Streaming oder TV (klingt schwer nach einem Film für Arte!) ...
casio1984
01.09.2020 23:19 Uhr 2
Ich habe diesen Film in der Sneak erwischt. Es war der größte Schwachsinn, den ich mir seit Jahren ansehen musste. Während zu Anfang noch ein gewisser Unterhaltungswert besteht, verliert die Geschichte zunehmend an Wert. Der gesamte Film zerfällt in Erzählungen in Erzählungen in Erzählungen in Erzählungen. Die Idee, möglichst viele narrative Ebenen einfließen zu lassen, wird so verbissen verfolgt, dass dadurch das ganze Werk in Belanglosigkeit zerfällt. Als der Regisseur dann noch die Protagonistin von einem Hund besteigen lässt, fragt man sich echt, was man sich als Kinoschauer noch für einen Schrott unter dem Deckmantel der Kunst unterjubeln lassen muss. Für mich der schlechteste Kinofilm des Jahres 2020.

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