Die Kritiker

«Taylor Swift: Miss Americana» – Die fabelhafte Charakterentwicklung einer enttäuschten Pop-Ikone

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Unser Streifzug durch das Streaming-Filmprogramm führt uns dieses Mal zur Musik- und Medienkultur-Dokumentation «Taylor Swift: Miss Americana». Eine klare Sehempfehlung!

Filmfacts «Taylor Swift: Miss Americana»

  • Regie: Lana Wilson
  • Produktion: Morgan Neville, Caitrin Rogers, Christine O'Malley
  • Kamera: Emily Topper
  • Schnitt: Paul Marchand, Greg O'Toole, Lee Rosch, Lindsay Utz, Jason Zeldes
  • Laufzeit: 85 Minuten
Taylor Swift. 30 Jahre. Zehnfache Grammy-Gewinnerin, Halterin von sechs Guinness-Weltrekorden, 29-fache Gewinnerin bei den American Music Awards. Sie ist die Musikerin, die in den 2010er-Jahren weltweit die meisten Tonträger verkauft hat. Und sie ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Taylor Swift, die unschuldige, blitzblank saubere Country-Musikerin. Taylor Swift, der Kaugummi-Pop-Star, auf den sich die Klatschpresse stürzt. Taylor Swift, Pop-Ikone, die sich selber glänzend inszeniert. Taylor Swift, Pop-Ikone auf musikalischem Rachefeldzug. Taylor Swift, die Apolitische. Taylor Swift, die hibbelig-frohe Pop-Königin, die Regenbogenfahnen schwenkend ihre Fanbase zu politisieren versucht.

Erfindet sich Taylor Swift aufgrund ihres Erfolgsstrebens so oft neu? Liegt es einfach daran, dass sie sehr jung ins Musikgeschäft eingestiegen ist und sich daher unweigerlich weiterentwickelt, da sie als Person heranreift? Oder sind es andere, äußere Umstände, die Taylor Swift alle paar Jahre dazu bringen, sich neu zu positionieren? Die Netflix-Dokumentation «Taylor Swift: Miss Americana» zeigt in Rückblicken, weshalb Taylor Swifts sechstes Album "Reputation" zu dem wurde, was es ist, und verfolgt hautnah den Entstehungsprozess ihres siebten Albums, "Lover". Die Essenz, die sich aus diesen Einblicken in Taylor Swifts Privat- und Arbeitsleben ziehen lässt, beantwortet zugleich die obigen Fragen: Es ist alles zusammen. Und diese so simple Antwort präsentiert «Taylor Swift: Miss Americana» sehr ausdifferenziert, erstaunlich eindringlich und überraschend ausdrucksstark.

Denn auch wenn «Taylor Swift: Miss Americana» in enger Zusammenarbeit mit dem Pop-Superstar entstanden ist, hat Regisseurin Lana Wilson («The Departure») kein Wischiwaschi-Promowerk abgeliefert. Die auch auf dem respektierten Sundance-Filmfestival gezeigte Dokumentation zeigt Taylor Swift stattdessen nahbarer denn je und dient als emotional mitreißende, vielsagende Auseinandersetzung damit, was eine riesige Popkarriere heutzutage für eine Frau bedeuten kann. Damit ist «Taylor Swift: Miss Americana» auch für Menschen interessant, die sich nicht als Taylor-Swift-Fan bezeichnen würden – denn die medialen und (massen-)soziologischen Effekte, die «Taylor Swift: Miss Americana» vorführt, sind durchaus von größerer Bedeutung.

«Taylor Swift: Miss Americana» setzt sich aus speziell für die Dokumentation geführten Interviews, knappen und ausgewählten Konzert-Mitschnitten, Archiv-Fernsehmaterial, alten Homevideos und frisch gedrehten Blicken hinter die die Pop-Kulissen zusammen. All das fassen Wilson und ihr fünfköpfiges Schnitt-Team erzählerisch raffiniert zusammen, als dass sie Swift bei der Entstehung ihres Albums "Lover" begleiten und immer wieder thematisch-assoziative Bögen in die Vergangenheit schlagen. So entsteht eine authentische, auf erzählerische Ebene nicht zu nachdrücklich gesteuerte Stimmung, obwohl «Taylor Swift: Miss Americana» sehr wohl einen klaren roten Faden hat:

Dieser wird deutlich: Die Doku zeigt, wie Taylor Swift darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass ihr Album "Reputation" bei den 61. Grammy Awards in keiner der großen Kategorien nominiert ist. Swift versucht, dies mit Fassung zu nehmen, sie versichert, dass sie das nicht schlimm findet und dass das Album wohl einfach nicht gut genug war. Aber in ihren Augen sieht man, und anhand ihrer dezent knackenden Stimmfarbe hört man, dass sie sehr wohl gekränkt ist.

Daraufhin ordnen Rückblicke und Interviews die Bedeutung von "Reputation" in Swifts Schaffen ein: Es war Swifts bis dahin offensivstes Album, ein sehr showmäßig eine neue Bühnenpersona aufbauendes, aggressives Musikprojekt. Und «Taylor Swift: Miss Americana» zeigt die Ursprünge für diese Entscheidung: Die Medienberichterstattung, die jahrelang eine noch junge Swift objektifizierte. Die Presse, die Swift verurteilt, wenn sie daran arbeitet, perfekt zu wirken, und die sie in die Pfanne haut, wenn sie Schwäche zeigt. Kanye West, der sie immer wieder lächerlich machte. Der Klatsch und Tratsch über ihr Privatleben. Sexuelle Übergriffigkeit. Swifts immens steigende Vorwürfe an sich selbst. Der Druck, unter den sie setzt und unter den sie sich setzen lässt. Risse in ihrer Selbstwahrnehmung.

Das konterkariert «Taylor Swift: Miss Americana» damit, wie Swift nach der Grammy-Schlappe von "Reputation" ihr neues Album "Lover" (bewusst oder unterbewusst?) als Kurskorrektur und Antwort auf sich selbst entwirft. Nach dem düsteren, wütenden, aber sich hinter einer bewusst entwickelten Bühnenpersönlichkeit versteckenden "Reputation" folgt eine Rückkehr zur verspielten, bunten, frohen Taylor Swift. Doch gleichzeitig wird die verhüllte bis völlig versteckte Politik Taylor Swifts durch eine neue Offenheit ersetzt: Pride-Farben in ihren Musikvideos. Klipp und klar vermittelte, feministische Texte. Und gegen sämtliche Ratschläge ihres frustrierten Managements gibt sie neuerdings in Interviews und auf Social Media politische Statements – nach einer langen, florierenden Karriere als unbeschriebenes Blatt im US-amerikanischen Politklima.

Diese Gegenüberstellungen, die Wilson deutlich genug zeigt, damit dem Publikum die Bedeutung dieser Entwicklungen klar wird, aber gleichzeitig niemals tumb vorkaut, machen «Taylor Swift: Miss Americana» zu einem spannenden, informativen Exkurs. Über den Medienzirkus. Über seine Auswirkungen auf Menschen, die in seinem Mittelpunkt stehen. Und über die wechselhafte Beziehung zwischen Musikschaffenden, Publikum und Berichterstattung. Swift zwischen halbwegs privatem Modus, Social-Media-"Greifbarkeit" und zwei unterschiedlichen, aber gleichsam voll aufgedrehten Bühnen-Persönlichkeiten wechseln zu sehen, ist für Fans zweifelsohne spannend, doch man muss Swift nicht feiern, um Erkenntnisse aus diesem Wechsel der Gesichter zu ziehen.

«Taylor Swift: Miss Americana» ist eine gleichermaßen verständnisvolle wie akzentuierte Skizze der Höhen und Tiefen des Superstar-Daseins und eine Charakter-Momentaufnahme einer Musikerin, die sich selber hinterfragt und neu aufstellt. Wer «Taylor Swift: Miss Americana» bisher ignorierte, weil der Film den Anschein einer laschen Konzert-Doku erweckt, sollte dem Film also vielleicht doch eine Chance geben!

«Taylor Swift: Miss Americana» ist auf Netflix abrufbar.

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