Die Kino-Kritiker

«Rammstein: Paris»

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Rammstein lässt es wummern, hämmern und brennen: Der Konzertfilm «Rammstein: Paris» ist nicht völlig konsequent, aber er fetzt.

Filmfacts «Rammstein: Paris»

  • Regie: Jonas Åkerlund
  • Kamera: Eric Broms
  • Schnitt: Adrianna Merlucci, Jonas Åkerlund
  • Laufzeit: 98 Minuten
  • FSK: ab 16 Jahren
Angespanntes Warten. Wann geht die Show endlich los? "Verflucht, dieser Konzertfilm dauert nicht ewig, wird Zeit, dass die Jungs zu Potte kommen! Wir haben nicht einmal 100 Minuten …" Eins muss Regisseur Jonas Åkerlund gleich zu Beginn zugeschrieben werden: Der Schwede hat sich gemäß zahlreicher Interviewaussagen vorgenommen, mit «Rammstein: Paris» vom Konzertfilmstandard abzuweichen und nicht einfach einen Auftritt der selbsternannten „Tanzmetaller“ Rammstein abzufilmen. Viel lieber wolle er das Feeling simulieren, bei Rammstein live dabei zu sein. Und wie wohl jeder Zeitgenosse, der jemals auch nur auf irgendeinem Konzert dabei war, berichten kann: Zur Konzerterfahrung zählt auch untrennbar diese pochende, sich ziehende Zeitspanne der großen Erwartung und des ungeduldigen Wartens zwischen "Der Veranstaltungsort ist gefüllt, das Licht gedämmt" und "Der erste Song wird endlich angespielt". Genau dieses im Genre Konzertfilm üblicherweise ausgeblendete Gefühl bekommt in «Rammstein: Paris» endlich (?) ein filmisches Denkmal gesetzt.

Åkerlund, der der Welt unter anderem das kontroverse "Pussy"-Musikvideo bescherte, simuliert besagtes Gefühl, indem er den Auftakt von «Rammstein: Paris» durch Ruhe gestaltet. Gedämpfte Saal-Atmogeräusche, hie und da gibt das von der Bühne ausgehende Zischen den Kinolautsprechern etwas zu tun. Aus verschiedenen Winkeln zeigt er den rappelvollen Konzertsaal und die Hauptbühne im Pariser Palais Omnisports. Digitales Rauschen kündigt es an, wenn der Regisseur von Perspektiven, die dem Saalpublikum zugänglich sind, wegschaltet, um in Überwachungskameraoptik hautnah dabei zu sein, wenn sich Rammstein in Seelenruhe stampfend aufmacht, allmählich die Bühne zu besetzen.

Warten, warten, warten. Waschechtes Konzertfeeling. "Jetzt müssen sie aber liefern!" Und nicht nur die Berliner Kombo mit dem weltberühmten, noch immer berüchtigten Ästhetikempfinden, das 'Spiegel Online'-Rezensenten selbst über 20 Jahre nach Bandgründung zu haarsträubenden politischen Fehldeutungen und Thesen hinreißen lässt. Vor allem rennt Jonas Åkerlund selbstbestimmt-lachend in die Kreissäge namens Erwartungsdruck. Hätte er doch anstelle des Vorlaufs auch einen oder gar zwei Songs mehr in seinen Konzertfilm quetschen können. Hat er aber nicht. Also muss seine Konzertfeelingsimulation im Anschluss an die "Gleich geht’s los! Gleich! Jetzt aber! Sofort …. bald"-Nachahmung genauso sehr fetzen, wie dieser Auftakt auf die Folter spannt.

Songliste «Rammstein: Paris»

  • Sonne
  • Wollt Ihr das Bett in Flammen sehen
  • Keine Lust
  • Asche zu Asche
  • Feuer Frei!
  • Mutter
  • Mein Teil
  • Du riechst so gut
  • Du hast
  • Bück dich
  • Mann gegen Mann
  • Ohne Dich
  • Mein Herz brennt
  • Engel
  • Pussy
  • Frühling in Paris
Wenn das mittels rund 30 Kameras festgehaltene Konzert dann endlich losgeht, lässt sich Åkerlund zunächst etwas Zeit, um vorzuführen, wie er sich seinen ambitionierten Traum einer außergewöhnlichen Konzertdoku vorstellt. Die erste Nummer hämmert und wummert dank des durch Rammstein-Stammproduzent Jacob Hellner überwachten 7.1-Soundmixes ordentlich. Und den Spagat zwischen der den ganzen Bühnenzauber einfangenden Totalen sowie imposanten Nahaufnahmen der schwitzenden Musiker rockt Åkerlund zweifelsfrei. Dennoch: Während der ersten Nummer positioniert sich «Rammstein: Paris» lediglich als prächtiger Konzertfilm.

Von Stück zwei an lässt Åkerlund aber schrittweise den testosterongeschwängerten Industrial-Bühnenzauber die Inszenierung unterwandern. Die brachiale Lichtshow lässt die Schnittfolge zerbersten. CG-Effekte verfremden das Bild auf eine theatralische Weise, wie sie den bombastisch-boshafteren Songs Rammsteins gerecht wird: Oberflächlich befremdlich, aber irgendwie auch bewusst komisch in der gebotenen Presslufthammermethodik. Und so entfaltet sich eine flammende Sogwirkung: Wir beäugen nicht einfach ein abgefilmtes Rammstein-Konzert, sondern bestaunen ein Spektakel, das die markante Sinfonie aus Feuer, Stahl, Trieben, Hieben und knusprig schwarz geröstetem Humor zelebriert, die sich die Prototypen der Neuen Deutschen Härte auf die angekohlten Fahnen geschrieben haben.

Nunja. Zumindest streckenweise. Ein bisschen angeritzt hat sich Åkerlund durchaus, bei seinem eiligen Marsch gen Kreissäge. Den spektakulären Rammstein-Zirkus verewigt der Regisseur nicht völlig losgelöst. Er schreckt vor einem rein experimentellen Bilderrausch zurück, zuweilen ist «Rammstein: Paris» dann eben doch nur ein kürzeres, intensiveres «Völkerball» vor gänzlich anders gearteter Kulisse. Klagen müssen Rammstein-Fans angesichts eines neuen, mächtigen Konzertfilms nun wahrlich nicht. Trotzdem hätte sich Åkerlund durchweg voll Zunder geben dürfen, um tatsächlich eine Rammstein-Konzertsimulation im Sinne von Benzindampfhalluzinationen abzuliefern. Vielleicht lodert die Schaffenskraft nächstes Mal so sehr wie tausend Sonnen. Vielleicht will Åkerlund uns auch nur ganz hinterlistig dahin führen, nach den günstigen Kinokarten auch mordteure Konzertkarten zu lösen. Vielleicht ist «Rammstein: Paris» als Kaleidoskop aus Stahl, Kunstsperma und harten Männergefühlen sehr wohl manisch genug. 'Spiegel Online' hat’s ja auch so schon die grauen Zellen aus dem Oberstübchen rausgehämmert.

Fazit: Wer Rammstein will, bekommt auch Rammstein – von ganz nah, im verschwitzten Detail, und auch von ganz fern, um die volle Pyropracht zu begaffen. Die inszenatorischen Ambitionen des Regisseurs werden zwar nur halbgar verfolgt, aber der Sound brennt sich mächtig ein!

«Rammstein: Paris» ist am 23., 24. und 29. März 2017 in ausgewählten Kinos zu erleben.

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