Serientäter

Unverständliches Gemecker: Fünf Serienenden, die zu Unrecht die Gemüter erhitzen

von   |  8 Kommentare

Zeit für ein paar unpopuläre Meinungen: Diese fünf Finalfolgen werden in den Augen unseres Serientäters Sidney Schering ungerechtfertigt in der Luft zerrissen. Achtung, selbstredend folgen Spoiler.

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«How I Met Your Mother»


Apropos "Serienenden, die rückblickend naheliegender sein mögen, als sie es vielen während der Erstausstrahlung erschienen": «How I Met Your Mother» ist, rekapituliert man die gesamte Serie, sehr eindeutig eine romantisch-dramatisch angehauchte Sitcom über zweite, dritte, vierte Chancen in Liebesdingen, den Umstand, dass man das Schicksal nicht beeinflussen kann, wohl aber, wie man damit umgeht, und über die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen. Freunde können sich ineinander verlieben und realisieren, dass sie doch nur Freunde hätte bleiben sollen. Man kann die perfekte Liebe seines Lebens finden, sie verlieren, und dennoch Anrecht auf eine romantische Zukunft haben. Und Fehltritte mögen ärgerlich sein, aber sie bringen uns oft erst in die Spur, in der wir uns für spätere Erfolge befinden müssen. «How I Met Your Mother» war, vom Titel an, eine Serie über den Weg, nicht über das Ziel. Die Serie heißt ja nicht «Your Mother» oder sowas.

Aber von 2005 an verliebten sich Millionen von Serienfans nicht nur in die eklektische Freundesgruppe rund um Ted Mosby, sondern vor allem auch ins Mysterium "Wer ist denn nun die Mutter?" (obwohl die Serie ja eben nicht «Who's Your Mother?» betitelt ist). Und als dieses Geheimnis gelüftet wurde, spielte Cristin Milioti die Mutter so liebenswert, dass das Publikum mehr von ihr wollte. Die Katastrophe war also vorprogammiert:

Das neun Staffeln lange Rumgeiere Teds, der seinen Kindern eine verzettelte Geschichte darüber erzählte, wie sehr er ihre Mutter liebt, sie seine einzig wahre Seelenverwandte bleiben wird, und er nun, Jahre nach ihrem Tod, aber irgendwie schon gerne wieder eine alte Freundin daten würde, und daher, ohne direkt zu fragen, gerne den Segen seiner Sprößlinge hätte, stieß einen Großteil der Serienfanbase vor den Kopf. Die Mutter sei von den Autoren mies behandelt worden, man würde merken, dass sich die Serie von ihrem einst geplanten Ende hinweg entwickelte und es nun dennoch durchziehen müsse, und wo bliebe überhaupt die Romantik?

Der größte Fauxpas von «How I Met Your Mother» ist aber nicht das konsequente, emotional verfahrene Ende, sondern die über Gebühr gedehnte, restliche neunte Staffel, die nicht unaufhaltsam zu diesem Schlusspunkt spurtete, sondern aufgrund abgemachter Deals 24 Folgen mit vielleicht zwölf Episoden an Material füllte und so die Publikumserwartungen (weiter) verfälschte. Das macht den Schluss aber nicht minder prägnant. Mir egal, wie sehr andere jammern mögen – der Ausgang der "Liebe ist kompliziert, seufz!"-Sitcomsaga ist meiner Ansicht nach einfach legendär.

«Die Sopranos»


Selbst Leute, die «Die Sopranos» nicht gesehen haben, taten sich 2007 schwer, nicht mitzubekommen, wie die 86 Episoden, sechs Staffeln lange Mafiasaga ausging. Zu weite popkulturelle Wellen schlug der urplötzliche Schnitt auf ein Schwarzbild, zu häufig wurde er parodiert, als dass man damals nicht davon gehört hätte. Lange, bevor die medienzentrischen Winkel des Internets mit ihrer Obsession für Hottakes und ellenlange Essays begonnen haben, wurden ausführliche Analysen, Interpretationen und Hasstiraden über dieses Ende verfasst. Serienprotagonist Tony Soprano sitzt in einem Diner, "Don't Stop Belivin'" von Journey wummert aus den Boxen, ein Glöckchen signalisiert das Öffnen einer Tür, Tony blickt auf – Schwarz. Keine Blende, kein akustischer Knalleffekt. Viele Fernsehende dachten, ihr TV-Anschluss wurde aufmucken – doch es ist eine künstlerische Entscheidung.

Wird Soprano erschossen? Potentielle Vorausdeutungen wurden in früheren Episoden gemacht (etwa mit dem Dialogfetzen "You probably don't even hear it when it happens, right?" darüber, wie plötzlich Gangster sterben können). Andere Serienfans glauben, das Finale wolle bloß das ständige Angstgefühl Tony Sopranos ausdrücken. Diese Uneindeutigkeit sorgte 2007 für durchwachsenes bis negatives Fanecho, während die schreibende Zunft deutlich gnädiger mit dem Finale umging. Mittlerweile hat das «Sopranos»-Finale einen ikonischen Status erreicht, wenngleich mit einem Beigeschmack der Kategorie "berühmt-berüchtigt". Geben wir dem Finale noch ein paar Jahre, bis der letzte Frust über es aus der Popkultur raus gewachsen ist …


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Es gibt 8 Kommentare zum Artikel
Nr27
22.05.2019 14:55 Uhr 1
Meine Meinung: Das "Sopranos"-Ende ist brillant und das HIMYM-Ende ist gut.



Das "Lost"-Finale halte ich hingegen weiterhin für ziemlichen Mist - "Seinfeld" und die zweieinhalb Männer habe ich nur sporadisch gesehen und kann sie daher nicht beurteilen.
LittleQ
22.05.2019 16:16 Uhr 2
Ich fand das Ende von Lost jetzt auch nicht so unfassbar schlecht, aber gut war es eben leider auch nicht.

Gibt für mich auch einen großen Unterschied zwischen dem Phänomen heute, dass die Erwartungshaltung so groß wird, dass man dieser gar nicht gerecht werden kann, gerade deshalb, weil jeder sich was anderes vorstellt, oder das weite Teile der Fanbase eine inhaltliche Kritik haben, die man dann auch als berechtig ansehen kann.

Glaube auch nicht, dass es dann Sinn ergibt den Leuten im Nachhinein zu erklären, worum es in einer Sendung geht, so nach dem Motto: "Ihr seid einfach zu dumm dafür und habt das alles nicht verstanden".



Aber genau wie kürzlich bei Game of Thrones, kann ich bei den meisten Enden eigentlich damit leben, dass man es so oder so sehen kann. Wirklich umwerfend schlechte oder umwerfend gute Serienenden, gibt es für mich nur eine handvoll.
Anonymous
22.05.2019 17:31 Uhr 3


So hab ich's dann nun auch wieder nicht gemeint. :lol: Aber da ich sowohl bei "Lost" als auch bei HIMYM offenbar eh auf der Wellenlänge lag, auf der auch die Finalfolgen funkten, kann ich mir ja rausnehmen zu sagen: "Hey, in der Serie ging's um dies und das, und daher passt das Ende."



Gerade im "Lost"-Fall muss man metatextuell leider einsehen, dass die Serienmacher die Obsession mit der Mythologie abseits dessen, was die Serie erzählt hat, durch Marketing, Podcasts und ähnlichem schon mit befeuert haben. Daher kann ich graduell eine Enttäuschung bei diesem Finale nachvollziehen - den galligen Hass aber nicht, dafür war mir der Serienfokus eben doch zu sehr auf dem, was das Ende letztlich auch eingehalten hat.



*irgendein Schulterzuck-GIF einsetzen* :wink:
LittleQ
22.05.2019 17:46 Uhr 4


Hätte wohl sagen sollen: Das meinte ich eher so allgemein und nicht speziell wegen deinem Absatz.

Zudem, wenn es dann in Richtung "Hass" geht, den du ansprichst, bin ich eh vollkommen raus. Enttäuschung kann ich immer verstehen, aber dieses blanke Hassempfinden ist ne Geschichte, für die ich allgemein kein Verständnis habe.
troubled
22.05.2019 18:03 Uhr 5
Hat denn auch jemand das Finale von "Alias-Die Agentin" aufm Schirm? Das ist doch eine meiner Lieblingsfinalfolgen. Hört man leider nie was drüber.
Anonymous
22.05.2019 19:03 Uhr 6


Finde generell die finale Staffel von "Alias" erstaunlich gelungen, wenn man bedenkt, wie es hinter den Kulissen zwischen den Serienverantwortenden und ABC hin und her ging. "Wird nicht die letzte Staffel, keine Sorge ... Oh, wird sie vielleicht doch ... Wird sie auf jeden Fall ... Ach, übrigens: Wir kürzen die Episodenorder!" Das hätte eigentlich nicht als befriedigendes Ende funktionieren dürfen, tut es meiner Ansicht nach aber sehr wohl.



@ LittleQ: Ah, dann bin ich ja beruhigt, dass du dich nicht auf den Artikel bezogen hast. :)
Sentinel2003
28.12.2019 17:48 Uhr 7
Ich war und bin weiterhin großer "LOST" Fan, habe aber kuriosereweise bis heute nicht die finale Staffel gesehen, da ich einfach nie wissen wollte, wie es endet....und, das wird wohl auch so bleiben....
LittleQ
29.12.2019 10:25 Uhr 8


Solltest du aber machen. Es gibt wirklich sehr tolle Episoden, gerade wenn es um Jacob geht ;) Und das Endszene ist auch irgendwie total süß gemacht :D
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