Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: «Wetten, dass..?» für Bekloppte

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 178: Die schrägsten Wetten aller Zeiten.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer skurrilen Show, die «Wetten, dass..?» mit «Monty Python» kreuzte.

«Banzai» wurde am 02. November 2001 in Sat.1 geboren und entstand zu einer Zeit als der Sender gegen die freitägliche, erfolgreiche Comedyschiene von RTL anzukämpfen versuchte. Doch mit Sendungen wie «Mircomania», «Hausmeister Krause», «Anke» und «Was guckst Du?!» wollte dies nur bedingt gelingen. Die Hoffnungen setzte man dann auf eine schrille Variante von «Wetten, dass...?». Schon zuvor gab es mit «Aber Hallo!», «Crazy – Die Show» und «Was passiert, wenn…?» andere Versuche, das Spielprinzip des Unterhaltungsklassikers zu adaptieren. Das neue halbstündige Format von Sat.1 war dann allerdings die extremste Form, denn es bot eine abstruse Mischung aus Wettshow, Comedy und versteckter Kamera. Pro Ausgabe wurden den Zuschauern mehrere skurrile Situationen vorgestellt, auf deren Ausgang sie tippen sollten.

Wer gewinnt das Elfmeter-Schießen zwischen einem einbeinigen Schützen und einem einarmigen Torwart? Bis zu welcher Größe kann ein Pornostar einen Kaugummi aufblasen? Wie viele Ballons braucht es, bis Huhn Günther in der Luft schwebt? Platzt in einer Mikrowelle zuerst ein Ei oder eine Tomate? Zwei alte Damen fahren im Rollstuhl aufeinander zu - welche weicht als erste aus? Was kugelt schneller – ein Stück Gauda oder ein Stück Edamer? Wie viele Menschen werden einem Mann mit sichtbarer "Dauerlatte" eine Spende für eine Peepshow geben? Welche Table-Tänzerin hält auf einem eingeseiften Tisch am längsten aus? Welches Sushi (Garnele oder Lachs) bleibt länger an der Wand haften, wenn man es dagegen wirft? Wie lange kann der «Formel 1»-Moderator Peter Illmann mit seinen improvisierten Geschichten einen Busfahrer an der Abfahrt hindern? Welche Mutti kann einen Lolli am schnellsten auflutschen? Zu welchem Fußpaar gehört ein gezeigter Penis? Welche Schnulzensänger-LP fliegt weiter, wenn man sie im Diskuswurf gegeneinander antreten lässt? Whittaker oder Carpendale? Welcher von fünf Damen gehört die Telefonsex-Stimme, die vorher zu hören war? Wie lange kann sich ein 3-Sterne-Koch auf dem Bullenreiter halten und dabei permanent ein Omelett in der Pfanne wenden? Zwei Babys werden um die Wette getätschelt - welches rülpst zuerst? Kurz, die Sendung klärte Fragen, die sich (zu Recht) niemand vorher stellte.

Der Clou dabei war, dass man am heimischen Fernseher tatsächlich mitwetten und beispielsweise ein Handy gewinnen konnte. Dazu galt es nur eine SMS mit der jeweilig getippten Lösung zu verschicken. Allerdings erforderte dies eine vorherige Anmeldung, die mit stolzen 3,63 DM zu Buche schlug. Dafür gab es aber wenigstens auch das «Banzai»-Handy-Logo gratis dazu. Parallel war auch das Mitspielen via PC und Internet möglich.

Die Sendung kam dabei optisch wie eine japanische Gameshow daher. Sie war bunt und schrill. Es gab fernöstliche Lebensphilosophie, Samurai-Krieger und Shaolin-Meister, die zwischen den Wetten brüllten sowie die markant-japanisch-klingende Off-Stimme von "Mr. Chippy Chappy". Tatsächlich aber stammte das Format aus Großbritannien, wo es auf immerhin zwei Staffeln kam. Der dortige Erfolg zog weitere Adaptionen in rund einem Dutzend anderer Länder nach sich. Japan selbst war jedoch nie darunter. Die deutsche Produktionsfirma MME ließ für ihre Version rund 80 Prozent der Beiträge neu herstellen und übernahm das restliche Fünftel aus England.

Unterstützt wurden die asiatischen Darsteller damals von wechselnden Prominenten, die zum Teil jedoch ahnungslos waren. So galt es auch zu wetten, wie lang ein gewisser „Mr. Shakehands Man“ die Hand von Verona Feldbusch schütteln konnte. Außerdem tauchten Rolf Zacher, Henry Maske, Dolly Buster, Frank Farian, Rudi Völler, Sonya Kraus und Jessica Schwarz auf. Als wiederkehrende Assistentin war zusätzlich Gina Wild dabei.

Für das größte Aufsehen sorgte jedoch der Auftritt der ehemaligen «Peep»-Moderatorin Nadja Abd El Farrag. Die Zuschauer sollten nämlich schätzen wie schwer ihr Busen war. Dazu hing sie diesen in eine Schlaufe, die wiederum mit einer Waage verbunden war. Zur Auswahl standen dann die Möglichkeiten: a) soviel wie eine Mango, b) soviel wie ein Bund Brokkoli oder c) soviel wie eine kleine Honigmelone. Diese alberne Aktion brachte der Low-Budget-Produktion ein enormes Aufsehen ein, denn alle großen Zeitungen (u.a. SPIEGEL, STERN und ZEIT) berichteten darüber und stellten Sinn und Niveau des Formats in Frage. Tatsächlich war dies aber Teil des Konzepts, das betont sinnfrei, grotesk und schrill sein wollte, wodurch eine äußerst unterhaltsame und vor allem temporeiche Show entstand, die durchaus Potential zum Kult hatte. Die Diskussionen verstummten dann aber auch schnell wieder, denn schon die Gewichtsmessung von Gotthilf Fischers Penis mit einer ähnlichen Versuchsanordnung in der darauffolgenden Ausgabe (soviel wie eine Zwetschge, eine Kiwi oder eine Banane?) wurde kaum noch beachtet.

Doch trotz dieser anfänglichen medialen Aufmerksamkeit wurde die Show von Fernsehpublikum nicht gut angenommen und die Zuschauerzahlen blieben gegen 23.00 Uhr – auch aufgrund der starken Konkurrenz von «7 Tage, 7 Köpfe» - auf einem verhaltenen Niveau. Weil auch die Einnahmen aus den SMS-Spielern nicht hoch genug waren, wurde das Format nicht um eine zweite Staffel verlängert. Anfang des Jahres 2005 erschien sie in Form von Wiederholungen noch einmal kurz in den Programmabläufen, verschwand dann aber endgültig.

«Banzai» wurde am 01. März 2002 beerdigt und erreichte ein Alter von 13 Folgen. Die Show hinterließ mit Naddel, Dolly Buster und Gina Wild gleich drei Personen, die später in den TV-Dschungel der RTL-Sendung «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» einzogen. Naddel distanzierte sich dann von ihrer Wette und bereute die Teilnahme. "Ich war naiv, man sagte mir, es sei Kult, andere würden auch mitmachen", jammerte sie nur wenige Wochen nach den Dreharbeiten. Übrigens, ihre Brust wog 1,35 Kilo und damit soviel wie eine Honigmelone.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der vielleicht überflüssigsten Talkshow des deutschen Fernsehens.

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