Das ist eine gute Frage, die ich mir im Podcast auch selbst stelle. Natürlich erlebt man als Kind bestimmte Film- und Fernsehmomente besonders intensiv. Ein anderes Erlebnis beschreibe ich ja auch recht ausführlich. Allerdings glaube ich, dass der Film in diesem Moment damals gar nicht so intensiv auf mich gewirkt hat, wie man denken könnte. Aber die Bilder und die Atmosphäre blieben hängen. Aber als sich im Laufe der letzten 25 Jahre herausgestellt hat, dass ich keine anderen Menschen finden konnte, die sich auch daran erinnern, war mein Ehrgeiz geweckt, das Rätsel zu lösen.
Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass diese Suche mehr werden könnte als eine private Spurensuche?
Der Moment ist die Schlüsselstelle am Ende der ersten Folge: Plötzlich stoße ich auf mehrere Menschen, die diesen kleinen Kurzfilm vor 40 Jahren auch gesehen haben und ihn auch schon jahrelang suchen. Die Erinnerungen waren dieselben wie meine.
Die Hinweise waren zunächst äußerst vage: ein Steinhaufen, ein Junge, eine Altstadt und eine Fernsehsendung aus den 1980er-Jahren. Wie schwierig war es, aus diesen Fragmenten eine konkrete Recherche zu entwickeln?
Mit diesen Anhaltspunkten und der Vermutung, dass es sich dabei um eine tschechoslowakische Produktion handeln könnte, da diese Filme und Serien in den 1970er und 80er Jahren in der BRD sehr populär waren, bin ich lange Zeit nicht weitergekommen. Aber ich habe ja als Medienjournalist gearbeitet und ich weiß, dass man auch mal größere Umwege gehen muss, um ans Ziel zu kommen. Solche Umwege habe ich dann auch in der Podcastgeschichte dokumentiert.
Im Podcast geht es nicht nur um den gesuchten Film, sondern auch um die Geschichte des deutschen Kinderfernsehens. Was hat Sie an dieser Fernsehära besonders überrascht?
Natürlich spielt Nostalgie eine große Rolle, das merke ich an den Reaktionen von Menschen aus meiner Generation, die heute Mitte Vierzig bis Mitte Fünfzig sind. Aber mir war es ganz wichtig, nicht in diesen Erinnerungen zu schwelgen. Interessant fand ich, dass das Kinderfernsehen der BRD in den 70ern und 80ern ja eigentlich erst erfunden wurde und einfach sehr viel experimentiert wurde. Aus heutiger Sicht war da ja auch sehr viel dabei, das extrem verstörend gewirkt hat.
WDR-Redakteur Gert K. Müntefering spielte für das Kinderprogramm der damaligen Zeit eine wichtige Rolle. Welche Bedeutung hatte seine Arbeit rückblickend für das Fernsehen der 70er- und 80er-Jahre?
Soweit ich das jetzt beurteilen kann, besonders aus den Quellen und Einschätzungen anderer, hat er eine zentrale Rolle gespielt. Manche sehen ihn sogar als eine Art Lichtgestalt. Er hat das Kinderprogramm geprägt, vielleicht wie kein anderer. Ich meine, er hat die «Sendung mit der Maus» erfunden! Auch seine Kooperationen mit der tschechischen Filmbranche, aus denen viele legendäre Serien entstanden sind, wie «Pan Tau», «Lucy, der Schrecken der Straße», «Der fliegende Ferdinand» oder «Die Märchenbraut», sind einzigartig. Ich glaube, man kann vor allem sagen: Er hat Kinder ernst genommen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die tschechoslowakische Animationskunst. Warum genießt diese Filmtradition bis heute einen so besonderen Ruf?
Für den Podcast bin ich tief in die Historie dieser Kunst und Kultur eingetaucht. Man kann sagen, dass es von den 1950ern bis 1980ern international nichts Vergleichbares gab. Es sind große Künstler:innen, die dahinter stecken. Was dabei übersehen wird: Sie haben eigentlich keine Kinderfilme gemacht, oft sind die Filme sogar verstörend und subversiv. Aber auch extrem faszinierend, so dass sie auch Filmemacher wie zum Beispiel Tim Burton oder Terry Gilliam beeinflusst haben.
Während Ihrer Recherche begegnen Sie immer wieder Menschen, die durch Erinnerungen, Zufälle oder persönliche Geschichten Teil dieser Suche werden. Wann wurde aus einer Filmrecherche eine Geschichte über Menschen?
Eigentlich schon sehr früh, wenn ich mich mitzähle. Ich glaube, man kann sagen, dass sich dieses Thema von Folge zu Folge weiterentwickelt und immer zentraler wird. Alle Menschen haben eine Geschichte, die mit diesen Filmen zusammenhängen. Ob in der BRD, der DDR, in England oder den USA. Und es ist faszinierend, diesen Lebensläufen ein Stückweit zu folgen.
Besonders interessant ist die Rolle von Internetforen und Online-Communities. Hat Sie überrascht, wie wichtig diese Forenkultur auch heute noch bei solchen Recherchen sein kann?
Dass die Forenkultur in Zeiten von Social Media tatsächlich noch eine große Rolle spielt, zumindest bei der Generation, die damit aufgewachsen ist, hat mich sehr begeistert. Vor allem diese Spezialisierung und das Nerdtum. Man sieht ja im Laufe der Serie, welche sehr speziellen Details dadurch ans Licht kommen. Wer hätte gedacht, dass ein Brettspielforum bei meiner Suche eine so große Rolle spielen würde?
Die Reise führt schließlich nach Prag, zu den Ursprüngen des gesuchten Films.
Ehrlich gesagt, konnte ich das vor Ort gar nicht richtig realisieren, weil es Schlag auf Schlag ging. Die Verarbeitung dieses Erlebnisses hat erst später eingesetzt und ich bin eigentlich immer noch dabei, das alles zu verstehen.
«Nocturno» handelt auch von Erinnerung und ihrer Unzuverlässigkeit. Gab es Momente, in denen Sie Ihren eigenen Erinnerungen nicht mehr getraut haben?
Oh ja, das behandele ich auch ganz konkret direkt in der ersten Folge. Ich habe eine Zeit lang den Podcast «Das Leben des Brain» produziert, in dem es um neurowissenschaftliche und psychologische Fakten zum Gehirn geht. Dort wurde immer wieder klar, wie unzuverlässig unsere Erinnerung sein kann und wie manipulierbar. Aber eigentlich war ich mir doch immer ziemlich sicher, dass es diesen Film wirklich gibt.
Sie haben den Podcast komplett allein geschrieben, recherchiert, erzählt und produziert. Wie persönlich ist dieses Projekt im Vergleich zu Ihren früheren journalistischen Arbeiten?
Als sich die Ereignisse zu dieser Geschichte im Dezember letztes Jahr plötzlich überschlagen haben, war mir sofort klar, dass ich die Suche in einem Podcast begleiten will. Und ich habe auch bald gemerkt, dass viel mehr dahintersteckt. Die Entscheidung, das Projekt völlig alleine zu machen kam daher, dass es eben so persönlich war. Ich musste es so machen, wie ich es für richtig hielt. Deswegen habe ich gar nicht erst versucht, andere Parteien einzubeziehen. Der Unterschied zu sonstigen journalistischen Arbeiten ist dabei offensichtlich: Die Sichtweise ist vollkommen subjektiv. Und es stellt sich immer wieder die Frage, ob ich nicht vielleicht auch ein unzuverlässiger Erzähler sein könnte. Nicht mit Absicht. Sondern weil wir uns unsere eigene Geschichte im Nachhinein immer anders erzählen, damit sie zu unserem Selbstbild passt.
Danke für Ihre Zeit!







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