Die Kritiker

«Tatort - Das Böse in dir»

von

Ein Dorf, alte Wunden und viele Schuldgefühle: Ein «Tatort», der zu vollgepfercht mit großen Themen ist.

Stab

Darsteller: Vladimir Burlakov, Daniel Sträßer, Brigitte Urhausen, Fabian Stumm, Franziska Wulf, Ines Marie Westernströer
Musik: Malakoff Kowalski
Kamera: Jan Mayntz
Drehbuch: Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann
Regie: Luzie Loose
«Tatort – Das Böse in dir» ist einer dieser Filme, die schon nach wenigen Minuten sehr genau wissen, was sie sein wollen: düster, bedeutungsschwer, ein bisschen europäisches Arthouse im Korsett des Sonntagskrimis. Das Saarbrücker Ermittlerteam wird in ein Dorf an der französischen Grenze geschickt, wo der Hass so alt ist wie die Fassaden und das Schweigen so dick wie der Nebel über dem Fluss. Das klingt zunächst nach solidem «Tatort»-Handwerk – und ist es auch. Aber eben nur bis zu einem gewissen Punkt.

Die Ausgangslage gerät dabei stark: ein ermordeter Unternehmer, Emil Feidt, der ungeklärte Tod seiner Tochter Becky, ein Dorf, das sich an Schuld und Gerüchten festgefressen hat. Hinzu kommt die persönliche Verstrickung von Hauptkommissarin Esther Baumann, die nach Hohenweiler zurückkehrt, an einen Ort, den sie offenbar nicht ohne Grund verlassen hat. Das Drehbuch von Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann weiß um die Wirkmacht solcher Rückkehrgeschichten und spielt sie routiniert aus: alte Wunden, verdrängte Erinnerungen, Blicke, die mehr sagen als Dialoge. Das alles funktioniert – aber es überrascht kaum.

Visuell ist «Das Böse in dir» freilich über jeden Zweifel erhaben. Jan Mayntz’ Kamera badet das Dorf in entsättigten Farben, die gleichermaßen schwer auf den Figuren lasten. Regisseurin Luzie Loose inszeniert Hohenweiler als Ort, der weniger geografisch als mental existiert: ein geschlossenes System, in dem jede Abweichung sofort sanktioniert wird. Dazu die Musik von Malakoff Kowalski, die sich nie in den Vordergrund drängt, aber zuverlässig die emotionale Grundspannung hält. Handwerklich ist das alles bemerkenswert souverän, manchmal fast zu geschniegelt für einen «Tatort», der doch eigentlich von innerer Verwahrlosung erzählen will.

Auch schauspielerisch gibt es wenig zu bemängeln. Brigitte Urhausen als Esther Baumann trägt den Film mit einer ruhigen, fast spröden Präsenz, die gut zu einer Figur passt, die gelernt hat, Gefühle wegzusortieren. Carolin Wege als Claire Louis überzeugt als Frau, die zwischen Opfer- und Täterzuschreibung zerrieben wird, während Valery Tscheplanowa als Claudia Feidt dem Film eine schneidende Kälte verleiht. Auch in den weiteren Nebenrollen – Gerhard Liebmann, Fabian Stumm, Franziska Wulf – blitzen immer wieder Momente auf, in denen man ahnt, wie viel mehr in diesem Ensemble stecken würde, wenn der Film ihm etwas mehr Luft zum Atmen ließe.

Denn genau hier liegt das Problem von «Das Böse in dir»: Der Film will zu viel und traut seinem Publikum dabei zu wenig zu. Die zentrale Frage, ob das Böse im Einzelnen oder im Kollektiv zu verorten ist, wird mit einer solchen Ernsthaftigkeit vorgetragen, dass sie sich irgendwann selbst im Weg steht. Jeder Blick ist bedeutungsvoll, jedes Schweigen symbolisch aufgeladen, jede Dorfszene ein Kommentar auf strukturelle Gewalt und kollektive Schuld. Das ist alles richtig gedacht, aber nicht immer klug dosiert. Manchmal hätte ein bisschen Ambivalenz, ein bisschen erzählerische Lücke mehr Wirkung entfaltet als die ständige Versicherung, dass hier gerade etwas Wichtiges verhandelt wird.

So bleibt am Ende ein «Tatort», der vieles richtig macht, aber selten wirklich berührt. Er ist atmosphärisch dicht, sauber gespielt und formal überzeugend, doch emotional bleibt er auf Distanz. «Das Böse in dir» ist damit ein Film, der sich ernst nimmt – vielleicht ein bisschen zu ernst, ein «Tatort», der lange nachhallen möchte, aber eher als gedankliche Übung denn als erzählerischer Schlag in die Magengrube in Erinnerung bleibt.

Der Film «Tatort – Das Böse in dir» wird am Sonntag, den 8. Februar um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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