Serientäter

«Girl Taken»: Düsteres Entführungsdrama mit starkem Antagonisten und schwachem Finale

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Mit «Girl Taken» adaptiert Paramount+ den Roman „Baby Doll“ als sechsteilige Miniserie über Entführung, Manipulation und die langen Schatten eines Verbrechens.

David Turpin, seines Zeichens bekannt als Autor der eher mittelmäßigen Filme «The Winter Lake» und «The Lodgers», hat eine fiktionale Adaption des Romans „Baby Doll“ von Hollie Overton verfasst. In Zusammenarbeit mit Suzanne Cowie und Nessa Muthy brachte er das Projekt unter dem Titel «Girl Taken» bei den recht bekannten Clapperboard Studios in Großbritannien unter. Seit Donnerstag, dem 8. Januar, kann das Ergebnis beim Streamingdienst Paramount+ bestaunt werden. Die Regisseurinnen Lura Way und Bindu de Stoppani drehten insgesamt sechs Episoden.

Die Serie startet am letzten regulären Schultag der 17-jährigen Zwillinge Lily (Tallulah Evans) und Abby Riser (Delphi Evans), die mit ihrer Mutter Eve (Jill Halfpenny) in einer englischen Kleinstadt leben. In der Schule trifft sich Abby mit ihrem Freund Wes (Levi Brown), während Lily noch zu einem Gespräch mit ihrem Englischlehrer verabredet ist. Dort macht Rick Hansen (Alfie Allen) zahlreiche Komplimente und bietet der weitaus jüngeren Schülerin sogar das Du an. Darauf lässt sich Lily ein und geht mit einem guten Gefühl in die nächste Stunde. Abby, die in einem anderen Fach neben ihr sitzt, witzelt über ihre Schwester, die offenbar Gefühle für Hansen entwickelt hat.

Zu Hause angekommen folgt das gleiche Spiel: Mutter Eve, Krankenschwester von Beruf, kommt nicht vom Job los und vertröstet ihre Zwillinge auf das Wochenende. Das geplante Festessen zum Schulabschluss fällt also aus. Abby findet das großartig, denn sie kann sich von ihrer „lahmen“ Familie losreißen und feiert mit Freunden in einer alten, verlassenen Fabrik. Sie nimmt mit ihrem Freund Wes und anderen Schulkameraden Drogen und trinkt Alkohol. Später stylt sich ihre Schwester wie Abby, folgt ihr durch ein Waldstück zur Halle und so kommt es zwischen den Geschwistern zur Konfrontation. Schließlich schlägt Abby ihre Schwester Lily, weshalb diese den Heimweg antritt. Wenig später löst sich Abby selbst vom Gelage und geht über den Waldweg nach Hause – und wird vom Englischlehrer Rick mit seinem Auto abgefangen. Er bietet an, sie heimzufahren, verfährt sich jedoch absichtlich und betäubt sie.

Paramount+ spoilert seine Abonnenten bereits in der Serienbeschreibung mit der Prämisse, dass Abby nach fünf Jahren Gefangenschaft von Rick wieder nach Hause zurückkehrt. Die Phase zwischen der Betäubung und der späteren Freiheit ist für die Zuschauer äußerst intensiv. Vor allem Englischlehrer Rick Hansen entpuppt sich als skrupelloser Sadist, der etwa an den Tatort zurückkehrt und den Polizisten um DI Tommy (Vikash Bhai) nicht nur seine Hilfe anbietet, sondern die Suchtrupps gezielt auf falsche Fährten lockt. Er bleibt zudem im freundschaftlichen Austausch mit Lily und trifft sich sogar mit Abbys Mutter Eve. Sie tauschen Telefonnummern aus, sodass Hansen seiner Gefangenen Sprachnachrichten aus dem Familienumfeld in ihrem Kellerverlies vorspielen kann.

Seine Devise gegenüber Abby lautet: Bist du nicht brav, werde ich deine Zwillingsschwester Lily töten. Er missbraucht Abby täglich in seinem Versteck, sodass sie bereits im ersten Jahr schwanger wird. Nach der Geburt ihres Jungen ist Abby so geschwächt, dass sie sich kaum auf den Beinen halten kann. Rick behauptet, das Kind sei bei der Geburt gestorben. Doch welches falsche Spiel spielt der Englischlehrer wirklich? Rick ist ein Psychopath, der auch seine Ehefrau Zoe (Niamh Walsh) kontrolliert. Diese stellt ihrem Mann misstrauisch nach, doch mit Ausreden und manipulativer Geschicklichkeit stellt Rick sie als Stalkerin dar und verdreht die Realität.

Einen der stärksten Momente liefert die Serie am Ende der zweiten Folge: Wie bereits von Paramount+ gespoilert, kann sich Abby befreien und läuft durch den Wald. Rick bemerkt auf der Heimfahrt, dass er sie nach dem erzwungenen Beischlaf nicht gefesselt hat, wird jedoch beim rasanten Fahren durch den Wald von der Polizei entdeckt. Abby rennt aus dem Wald direkt vor ein Auto – und der Zuschauer weiß in diesem Moment nicht, ob es sich um Rick handelt.

In «Girl Taken» gibt es immer wieder verstörende Szenen. So sagt Abby beim Abendessen, dass zunächst der Mann mit dem Essen beginnen müsse. Zudem stößt sie auf Geschenke, die ihre Mutter und Schwester während ihrer Abwesenheit gekauft hatten, weil sie nicht an ihren Tod glaubten. Abby kann damit nichts anfangen, denn Geschenke habe sie nur bekommen, wenn sie brav gewesen sei. Parallel wird immer wieder ein Alkoholproblem von Eve angedeutet, die ihre Nerven regelmäßig mit Wein und Wodka zu beruhigen versucht.



Auch Lily spielt eine wichtige Rolle in der Serie. Sie entscheidet sich gegen ein Studium und lebt stattdessen in den Tag hinein. Beim ersten Jahrestag von Abbys Verschwinden kommen Abbys Ex-Freund Wes und Lily sich näher. Die beiden finden zueinander, weil sie die Trauer um Abby verbindet. Doch mit Abbys Rückkehr wird diese Verbundenheit auf die Probe gestellt, und verdrängte Irritationen kommen ans Licht.

«Girl Taken» besitzt zahlreiche Stärken, aber auch einige deutliche Schwächen. Vor allem in englischsprachigen Medien wurde die teils schwache schauspielerische Leistung kritisiert, die durch die deutsche Synchronisation allerdings etwas abgefedert wird. Alfie Allen sticht als Ausnahmetalent klar heraus. Die Serie enthält zudem mehrere Rätsel, die allerdings nicht allzu schwer zu lösen sind. Teilweise agiert auch die Polizei wenig geschickt. Das Finale fällt eher enttäuschend aus, da es vorhersehbar bleibt und zentrale Probleme nicht auflöst. Nachdem sich die Serie lange auf die Zeit nach der Entführung konzentriert, schwenkt sie am Ende unnötigerweise wieder auf Rick zurück. Möglicherweise ist dies als Metapher zu verstehen, dass Rick für immer Teil des Lebens der Familie bleiben wird.

«Girl Taken» ist seit 8. Januar 2026 bei Paramount+ verfügbar.

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