Die Kino-Kritiker

«Thor – Tag der Entscheidung»: Lustig ist die Götterkrise

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Die Marvel Studios beenden ihr juxendes Kinojahr mit einer fast schon selbstparodistischen Weltallsause, die jedoch in unausgegorener Form auf die Leinwand gelangt.

Filmfacts: «Thor – Tag der Entscheidung»

  • Regie: Taika Waititi
  • Produktion: Kevin Feige
  • Drehbuch: Eric Pearson, Craig Kyle, Christopher Yost
  • Darsteller: Chris Hemsworth, Tom Hiddleston, Cate Blanchett, Idris Elba, Jeff Goldblum, Tessa Thompson, Karl Urban, Mark Ruffalo, Anthony Hopkins
  • Musik: Mark Mothersbaugh
  • Kamera: Javier Aguirresarobe
  • Schnitt: Joel Negron, Zene Baker
  • Laufzeit: 130 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
"Lachend in die Kreissäge". So bezeichnet es man üblicherweise, wenn jemand so glückselig-doof ist, dass er geradewegs in sein Verderben rennt. Im Falle der Marvel Studios lässt sich der Spruch indes umdeuten: Wenn im Mai 2018 das Marvel Cinematic Universe sein zehnjähriges Jubiläum feiert, kommt es zum megalomanischen Crossover-Event zwischen seinen zahlreichen Heldinnen und Helden – und dieses Aufeinandertreffen wird ersten Andeutungen des Studios zufolge ein sehr dramatisches. Bevor sich das Marvel-Filmuniversum aber in die Kreissäge der schwerwiegenden narrativen Konsequenzen stürzt, gönnt es sich und seinen Fans ein betont humorvolles Jahr.

Nach der auch einige ruhigere Charaktermomente aufweisenden, bunten Weltraumsause «Guardians of the Galaxy Vol. 2» und dem selbstironisch unterfütterten Superhelden-High-School-Spaß «Spider-Man: Homecoming» steht mit «Thor – Tag der Entscheidung» der dritte Marvel-Studios-Film innerhalb dieses Kalenderjahres auf der Matte, der es auf die Lachmuskeln seines Publikums abzielt. Und damit sträubt sich der von «5 Zimmer Küche Sarg»-Regisseur Taika Waititi inszenierte Superheldenfilm bewusst gegen das, was wohl unter zahlreichen anderen Filmschaffenden aus diesem Stoff geworden wäre. Denn der grundlegende Plot aus der Feder des Autorenteams Christopher Yost, Craig Kyle, Stephany Folsom und Eric Pearson liest sich wie aus dem Katalog für Big-Budget-Trilogie-Finalfilme:

In seinem dritten (Quasi-)Solofilm treffen wir Donnergott Thor (Chris Hemsworth) in einer misslichen Lage wieder: Der Thronprinz von Asgard hat sich bei seinen Galaxien überspannenden Abenteuern mit der dunklen Prophezeiung befasst, dass Feuerdämon Surtur eines Tages den Ragnarök heraufbeschworen wird – den Untergang seiner Heimat. Selbstredend bemüht sich Thor, seiner Geburtsstätte dieses Schicksal zu ersparen, doch dabei hat er die Rechnung ohne Todesgöttin Hela (Cate Blanchett) gemacht. Diese zerstört Thors mächtigen Hammer und nimmt zielstrebig Kurs auf Asgard – und zu allem Überfluss strandet der eitle Recke dabei auf dem Schrottplaneten Sakaar. Auf diesem hat der hedonistische Grandmaster (Jeff Goldblum) das Sagen, der in Thor einen potentiellen Herausforderer für seinen Champion im Gladiatorenkampf sieht. Kann sich Thor rechtzeitig von Sakaar befreien, oder machen ihm der Grandmaster, sein Champion oder die versoffene Aufpasserin Valkyrie (Tessa Thompson) einen weiteren Strich durch die Rechnung? Und wie fügt sich der Gott der Täuschung, Loki (Tom Hiddleston), in dieses Bild?

Okay, okay. Einige Details dieses Plots deuten bereits an, dass «Thor – Tag der Entscheidung» das Sprungbrett für ein eskalierendes Fantasyepos-Trilogiefinale nimmt und dann beschließt, lieber in ein exzentrisches Bällebad zu springen. Die dramaturgische Fallhöhe bleibt bei der somit gebotenen Comedy-Attacke in «Thor – Tag der Entscheidung» dem Untertitel zum Trotz niedrig – da haben die zwei anderen Marvel-Cinematic-Universe-Einträge 2017 einen stärkeren Akzent auf die interpersonellen Konflikte gelegt. Dieser Film hingegen bemüht sich nur um dezent mehr als das Minimum an charaktergestützter Dramatik – viel mehr geht es darum, dem Cast die Möglichkeit für eine albern-gute Zeit einzuräumen.

Laut Produzent Kevin Feige geschah dies zu großen Stücken auf Anraten des Hauptdarstellers: Hemsworth wollte mit Thor gänzlich neue Wege beschreiten, weil die Rolle ihn allmählich langweilte. Mit Waititi fand sich ein Regisseur, der genau auf Hemsworths humoristischer Wellenlänge liegt – wer also Hemsworth in «Ghostbusters» oder «Vacation – Wir sind die Grisworlds» für sein komödiantisches Timing liebte, wird auch hier aus dem Grinsen kaum rauskommen.

Thor zeigt sich als seeliger Kämpferbursche mit unkaputtbarem Siegeswillen und entsprechend großem Ego, das er aber nicht arrogant, sondern mittels einer bübisch-kollegialen Großspurigkeit zu Tage legt. Der Rest das Ensembles passt sich Waititis und Hemsworths Ansatz an: Cate Blanchetts Hela ist als Schurkin zwar so tiefgreifend motiviert wie ein 16-bit-Videospiel-Antagonist, dennoch hat sie ein imposantes Auftreten, so dass sie als Bedrohung durchaus funktioniert – und das, obwohl Blanchett sich in genüsslichem Overacting übt und die Rolle der Todesdiva so großspurig anlegt, wie es möglich ist, ohne zur reinen Parodie zu verkommen.

Das klingt so niedergeschrieben vielleicht negativ, funktioniert in diesem Film aber hervorragend – es ist fast so, als sei die Oscar-Gewinnerin von einer boshaften Kate McKinnon («Ghostbusters») besessen. Das schürt zwar keine Angst, steckt jedoch vor lauter Verve und Launigkeit sofort an. In einer etwas subtileren Dosis ergeht es Tom Hiddleston als lausbübischer Trickster-Gott genauso, und Tessa Thompson nimmt als Valkyrie den Archetyp der taffen Kämpferbraut und läuft damit erstmal in den nächsten Schnapsladen.

Auch «Avengers»-Veteran Mark Ruffalo zeigt sich von seiner spaßigsten Seite und ergötzt sich sichtlich an der Möglichkeit, sich mit seinen Castmitgliedern Scherzdialoge um die Ohren zu hauen. Waititi und seine Cutter Joel Negron & Zene Baker lassen oftmals auch die verdatterten Reaktionen der Dialogpartner im Film drin, um der Gagparade eine Spur Authentizität zu geben … Schließlich werden besonders schlagfertige Wortwechsel im echten Leben auch Mal mit Schmunzlern bedacht, ehe es zum Ernst der eigentlich besprochenen Lage zurückgeht. Dafür lassen die Filmmacher manche der Scharmützel dann und wann einen Takt länger laufen, als es das gewollt undramatische Drehbuch zulässt.

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