Die Kino-Kritiker

«Der wunderbare Garten der Bella Brown»

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Wer «Die fabelhafte Welt der Amelie» geliebt hat und vermisst, der darf sich in diesem Jahr auf die verspielt-romantische Komödie «Der wunderbare Garten der Bella Brown» freuen.

Filmfacts: «Der wunderbare Garten der Bella Brown»

  • Kinostart: 15. Juni 2017
  • Genre: Komödie
  • FSK: o.Al.
  • Laufzeit: 92 Min.
  • Kamera: Mike Eley
  • Musik: Anne Nikitin
  • Buch und Regie: Simon Aboud
  • Darsteller: Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, Tom Wilkinson, Anna Chancellor
  • OT: This Beautiful Fantastic (UK/USA 2016)
Wie viele Regisseure hat auch Simon Aboud («Comes a Bright Day») seine Karriere als Werbefilmer begonnen. Er inszenierte große Kampagnen für Coca Cola, Bacardi und MTV, bevor er sich 2001 der Produktion von Kurzfilmen und dem Schreiben von Drehbüchern widmete. Hinzu kam zudem ein kurzer Abstecher in den Bereich der Fotografie, wodurch Aboud ein noch stärkeres Verständnis für Bilder und Design entwickelte, was er direkt in seine Arbeit mit einfließen ließ. So kam es, dass bereits sein erstes Skript «This Beautiful Fantastic» im Jahre 2009 auf der sogenannten Brit List landete – dem britischen Pendant zur Blacklist, auf der jährlich die besten, bislang unverfilmten Drehbücher der USA landen. Aus Angst, seiner Vorlage nicht gerecht zu werden, zierte er sich sehr lange, sein Buch selbst zu verfilmen. So musste erst sein viertes Drehbuch (und seine erste Langfilmarbeit) «Comes a Bright Day» international hochgelobt werden, ehe sich Aboud daran wagte, «This Beautiful Fantastic» zu realisieren. Mit starken Charakterdarstellern wie Tom Wilkinson («Verleugnung»), «Downton Abbey»-Star Jessica Brown Findlay und «Sherlock»-Bösewicht Andrew „Moriarty“ Scott im Rücken, gelingt dem Regie-Newcomer direkt ein solch hinreißendes Erwachsenen-Märchen, dass der Vergleich zum modernen Klassiker «Die fabelhafte Welt der Amelie» nicht etwa anmaßend ist, sondern – im Gegenteil – als absolutes Kompliment verstanden werden darf.

Ein sonderbarer Sonderling


Bella (Jessica Brown Findlay) liebt die kleinen Dinge, die ihre Phantasie beflügeln, und träumt davon, Kinderbücher zu schreiben. Im echten Leben und in ihrem Haus aber liebt sie Ordnung über alles. Natur ist ihr ein Grauen, bedeutet sie doch Willkür und Chaos. Als sie von ihrem Vermieter gezwungen wird, ihren verwilderten Garten innerhalb eines Monats in einen blühenden zu verwandeln, weil ihr sonst die Kündigung droht, bekommt sie unerwartet Hilfe von ihrem mürrischen Nachbar Alfie Stephenson (Tom Wilkinson). Und der hat nicht nur einen sehr grünen Finger, eine Menge Lebensweisheit und einen überaus begabten Koch…

Obwohl bereits zu Beginn der Vergleich zu Jean-Pierre Jeunets «Amelie» angeführt wird (und auch der deutsche Filmtitel gewiss nicht umsonst so ausgewählt wurde), liegt die zuckersüße Audrey-Tautou-One-Woman-Show doch schon lange genug zurück, um mit Fug und Recht zu sagen, dass man so etwas wie «Der wunderbare Garten der Bella Brown» im jüngeren Unterhaltungsfilm bislang noch nicht gesehen hat. Das britische Kino ist zwar voll von schrulligen, gegen den Strich gebürsteten Figuren, doch diese Bella Brown changiert so elfenhaft zwischen nervtötend-neurotisch und liebenswert-chaotisch, dass einem spontan kein Filmcharakter einfällt, der sich auch nur im Ansatz mit ihrer Einzigartigkeit messen ließe. Schon im Prolog beschwört die Off-Stimme die rätselhafte Herkunft Bellas als von Enten aufgezogenes Waisenmädchen, das sich im Laufe ihres ungewöhnlichen Lebens immer mehr Spleens angeeignet hat, bis sie sich von der modernen Welt, ihren „normalen“ Mitmenschen und dem Alltag mehr und mehr überfordert zeigt.

Da braucht es dann auch überhaupt keinen großen Konflikt, der Bella vor ein schier unüberwindbares Problem stellt. Schon die Androhung ihres Vermieters, die junge Frau aus ihrem Haus zu werfen, sollte sie nicht innerhalb von vier Wochen ihren total verwilderten Garten auf Vordermann bringen, treibt Bella an die Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit – in ihrer eigenen kleinen Welt war bislang einfach kein Platz, um sich mit Flora und Fauna näher zu beschäftigen, was mittlerweile in eine regelrechte Pflanzenphobie mündet.

Doch die Faszination dieser Bella Brown liegt nicht bloß darin, wie es einer derart neurotischen Person gelingt, trotz aller Widerstände das Leben zu meistern. Simon Aboud gelingt es in seiner Geschichte, gleichermaßen die Sichtweise seiner Protagonistin sowie ihrer Mitmenschen anzunehmen und mithilfe kleiner Details (manchmal genügt dafür schon die Aufnahme einer nicht vollständig zuschlagenden Haustür) die verschiedenen Realitäten miteinander verschmelzen zu lassen. Je mehr Zeit Bella mit ihren Mitmenschen verbringt, umso mehr erkennen beide Seiten die Besonderheit ihres Gegenübers; während sich Bella im Laufe der Geschichte immer weiter aus ihrem Realitätsvakuum heraus traut, entdecken ihre Mitmenschen nach und nach all die faszinierenden Kleinigkeiten des Lebens, an denen sich Bella dank ihres Blickes für Details schon so lange erfreuen kann. «Der wunderbare Garten der Bella Brown» ist somit eigentlich nicht mehr als eine klassische „Gegensätze ziehen sich an“-Geschichte, in welcher verschiedene Parteien von der unterschiedlichen Sichtweise der jeweils anderen profitieren.

Doch anstatt einander hier gegenseitig zu charakterlicher Veränderung zu animieren, geht es in «This Beautiful Fantastic» vielmehr darum, seinen eigenen Horizont zu erweitern und damit einhergehend beim Blick auf die Welt über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Genau genommen ist auch das nicht besonders kreativ; spätestens wenn sich auch noch ein sehr geradliniger (wenn auch zuckersüß dargebotener) Lovestory-Plot in die Handlung schmuggelt und Tom Wilkinsons Alfie ein wenig zu schnell auftaut, lässt sich dem Film inhaltlich die ganz große Innovation absprechen. Doch hierbei wird die Rechnung ohne Simon Aboud gemacht.

Ein zuckersüßes Erwachsenenmärchen


Der Filmemacher und Autor versteht es nicht bloß ganz hervorragend, seine Darsteller zu leidenschaftlichen Performances zu animieren, um die mitunter recht klischeehaft gezeichneten Figuren trotzdem authentisch wirken zu lassen. Auch die Inszenierung in Bild und Ton macht aus «Der wunderbare Garten der Bella Brown» ein – im wahrsten Sinne des Wortes – bezauberndes, modernes Märchen, das in dem titelgebenden Garten das perfekte Setting gefunden hat, um die bunte Verspieltheit der Geschichte zu betonen.

Nur selten begeben sich die Figuren aus dieser Szenerie hinaus, doch wenn Bella etwa ihrer Arbeit in der städtischen Bibliothek nachgeht, sorgen verrückte Figuren wie eine verhärmte Büchereileiterin mit Keksleidenschaft oder der übereifrige Billy (in seiner verträumten Tollpatschigkeit hinreißend: Jeremy Irvine) dafür, dass das liebenswerte Feeling des Films konstant aufrecht erhalten bleibt. «Der wunderbare Garten der Bella Brown» fühlt sich aufgrund diverser inszenatorischer, wundervoll harmloser und sich hier und da trotzdem nicht vor menschlichem Drama scheuender Ideen an, als wäre der Zuschauer Zeuge eines spielfilmlangen Weihnachtsmärchens im Sommer, in welchem aus Metall gefertigte Modellvögel zum Leben erwecken, die Reste eines angespitzten Bleistifts zu kleinen Kunstwerken werden und hinter jedem noch so großem Problem direkt die Lösung wartet. Dieser Feelgood-Overload mag für manch einen Zuschauer möglicherweise zu viel des Guten sein, doch ein Griesgram würde in die Dreier-Gemeinschaft der Bella Brown ohnehin nicht passen.

Neben Bella Brown, die Jessica Brown Findlay («Victor Frankenstein») mit einer umwerfenden Leichtigkeit verkörpert, machen Tom Wilkinson, Andrew Scott und später auch Jeremy Irvine («Stonewall») den Hauptstamm des Ensembles komplett. Dabei scheint es, als wäre es für Tom Wilkinson noch das Leichteste, einmal mehr seine mürrische Eigenbrötler-Rolle durchzuziehen, während es Andrew Scott gelingt, sein überdominantes Mediendasein als «Sherlock»-Widersacher James Moriarty vollkommen vergessen zu machen. Stattdessen kommt dem charismatischen Briten mit die komplexeste Rolle in diesem Film zu, denn es ist seine Aufgabe, die sich ankündigende Dreiecks-Liebesgeschichte aus ihm, Bella und ihrer neuen Bekanntschaft Billy nicht ins Kitschig-dramatische abdriften zu lassen.

«Der wunderbare Garten der Bella Brown» wird nie zur reinen Liebesgeschichte – und das ist auch gut so. Stattdessen bleibt der Film ein von den Hochs und Tiefs des Lebens geprägte Porträt einer ganz besonderen Frau, bei dem sich bis zuletzt immer mehr zeigt, dass nicht sie alleine außergewöhnlich ist, sondern wir alle. Eine simple, wenn auch niemals alt werdende und damit die Zeitlosigkeit der Story unterstreichende Botschaft.

Fazit


Mit seiner Leichtigkeit und Verspieltheit, der farbenfrohen Inszenierung und den liebenswert-neurotischen Figuren ist «Der wunderbare Garten der Bella Brown» ein auf den Spuren von «Amelie» wandelndes Erwachsenenmärchen, das es in seiner zeitlosen Schönheit vollkommen vergessen macht, dass die Geschichte an sich nicht wirklich innovativ ist. Ein herrlicher Geheimtipp!

«Der wunderbare Garten der Bella Brown» ist ab dem 22. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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