Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Nächtlicher Stuhlgang

von

Christian Richter erinnert an all die Fernsehmomente, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 320: «Reise nach Jerusalem» - Eine derart absurde Gameshow bei RTL II, die (hoffentlich) nur als Satire gemeint gewesen sein kann.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer Sendung, die sich buchstäblich ständig im Kreis drehte.

«Reise nach Jerusalem» wurde am 07. März 2005 bei RTL II geboren und entstand zu einer Zeit, als der Call-In-Virus bereits flächendeckend das deutsche Fernsehprogramm infiziert hatte. Überall versuchten, endlos plaudernde Gestalten ihr Publikum mithilfe simpler Fragen und beschämend einfachen Rätselaufgaben zum Anrufen (und zugleich zum Zahlen der hohen Telefongebühren) zu animieren. Dies beschränkte sich längst nicht mehr auf den sogenannten Mitmachsender 9Live oder die Nächte vom DSF, sondern verbreitete sich ebenfalls auf die großen Privatkanäle. So zeigte beispielsweise RTL täglich sein «Nachtquiz», während bei Sat.1 und Kabel 1 die «Quiznight» veranstaltet wurde - wobei die Ähnlichkeit der Titel die enorme Bandbreite und Unterscheidbarkeit der Formate erahnen ließ. Zusätzlich stand ProSieben mit seinem «Night Loft» in den Startlöchern und nicht einmal bei VIVA Plus war man vor Geldpaketen und dem Hot-Button sicher.

Die Wurzel dieses Trends war im Jahr 2000 bei RTL II in Form des Experiments «Call TV» zu suchen, aus der sich dann solche Meilensteine wie «Greif an!», «Allein gegen alle» und all ihre Varianten entwickelten. Insofern war es bloß konsequent, dass es auch RTL II gelang, dieses Genre auf die Spitze zu treiben, indem man dort das Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ (bzw. Stuhltanz) zum Inhalt einer nächtlichen interaktiven Gameshow machte. Ein Plan, der eigentlich nur durch Satire zu erklären und zu entschuldigen war. Offenbar steckte hinter diesem Plan eine Gruppe von verbitterten und desillusionierten Fernsehmachenden, welche die Absurdität des Fernsehens dadurch aufdecken wollten, dass sie öffentlich austesteten, wie tief das Niveau und der Schwierigkeitsgrad von Gewinnspielen noch abgesenkt werden kann. Das zumindest ist zu hoffen. Nicht auszudenken, wenn hinter all dem wirklich Absicht und Ernsthaftigkeit gesteckt hätte...

Unterhaltung auf höchstem Niveau


Die Grundidee bestand also schlicht darin, sieben Menschen bei laufender Musik um sechs im Kreis aufgestellte Stühle laufen zu lassen, die sich so schnell wie möglich setzen mussten, sobald die Musik verstummte. Wer keinen Stuhl mehr abbekam, flog aus dem Spiel. Der viel zu häufig bemühte Begriff „Kindergeburtstag“ fand hier endlich seine passende, televisionäre Ausprägung. Erweitert wurde dieser überschaubare Ablauf mit interaktiven Elementen, die den wirtschaftlichen Rahmen für die vermeintliche Innovation bilden sollten. Deswegen galt es für die Zuschauenden am Bildschirm nun zu tippen, welcher Spieler oder welche Spielerin als nächstes keinen Sitzplatz erobern und den Kindergeburtstag verlassen müsste. Unverkennbar versuchte das Team auf diese Weise auch all diejenigen Menschen zu einer Teilnahme zu aktivieren, denen das Ergänzen von Kinderreimen, das Benennen von Automarken mit M oder das Zählen von Dreiecken in einem Bild aufgrund des zu hohen Anspruchs bislang abschreckte. Der richtige Tipp konnte immerhin 1.200 Euro einbringen.

Weil es sich aber um eine Fernsehshow und eben nicht um einen einfachen Kindergeburtstag handelte, war eine weitere Überzeichnung der Grundidee nötig – wohl in der Hoffnung diese noch witziger (oder absurder) zu gestalten. Anstatt nämlich unscheinbare oder gar gewöhnliche Menschen im Kreis tanzen zu lassen, wurden kuriose Figuren ins Rennen geschickt, die wie aus einer Sketch-Serie der frühen 90ern entlaufen wirkten. So kämpften etwa Punker-Bräute, Elvis-Imitatoren, Hausfrauen, Techno-Girlies, Anwalt-Yuppies und Kaffeefahrt-Omas um die knappen Sitzplätze und reproduzierten auf diese Weise jedes gängige Klischee.

Der anfängliche Verdacht, dass es sich bei dieser Idee tatsächlich um eine versteckte Satire handelte, bestätigte sich durch das Lesen der offiziellen Pressemitteilung, die RTL II zum Start der neuen Reihe veröffentlichte. Darin wurde das Konzept als „hochsportliches Event der Extraklasse“ sowie als „gnadenlos witzige Action“ und die Kandidaten als „Gladiatoren“ bezeichnet. Wenn das keine Satire war... Aber damit nicht genug, den endgültigen Höhepunkt der Ironie bildete die Wahl von Verena Kehrt als Moderatorin. Schließlich war diese zuvor lediglich als die Freundin von Torwart Oliver Kahn aufgefallen und hatte abgesehen von einigen Mini-Jobs über keine nennenswerte TV-Erfahrung verfügt, welche die Übernahme einer Live-Sendung gerechtfertigt hätte. Diese Wahl kann doch wirklich nur ironisch gemeint gewesen sein...

Wenn's mal wieder länger dauert...


So witzig und skurril der Ansatz auf dem Papier geklungen haben mag, so anstrengend und zäh erschien das letztliche Ergebnis. Weil ihr vorrangiges Ziel darin bestand, möglichst viele Anrufe zu generieren, zogen sich die Spielrunden ewig hin. Zuweilen schlurften die sogenannten Gladiatoren ganze zehn Minuten um die orangen Plastikstühle, bevor die Musik endlich aussetzte. Diese Phasen wirkten umso länger, da es Verena Kehrt oblag, diese mit ihren Gesprächen zu überbrücken. Einsteins Theorie zur Dehnung der Zeit erfuhr hier allabendlich ihre eindrucksvolle Bestätigung. Zwar erhielt Kehrt (wohl in weiser Voraussicht) mit David Gromer einen schlagfertigeren Begleiter an die Seite gestellt, doch allzu viel vermochte auch er nicht zu retten – nicht zuletzt, weil seine Hauptaufgabe eigentlich darin bestand, mithilfe eines DJ-Pults die Musik zu steuern.

Entsprechend euphorisch wurde das Programm in der Presse und in einschlägigen Internetforen besprochen, die sich mit negativen Formulierungen gegenseitig zu überbieten schienen. Etwa ließ sich der sonst seriöse und distanzierte Branchendienstleister Kress dazu verleiten, die Teilnehmenden als „eine Gruppe von Hirnis“ zu beschreiben, die „stundenlang das bekannte Kinderspiel“ spielen würden. Selbst der B.Z. (also der Berliner Variante der Bild-Zeitung) war das Geschehen anscheinend zu absurd, weswegen sie es als „dümmste TV Show aller Zeiten“ bezeichnete.

Die 'Kehrt'-Wende


Angesichts all dieser Aspekte war es kaum verwunderlich, dass ebenso das Zuschauerinteresse äußerst übersichtlich blieb. Innerhalb von vier Tagen nach der Premiere sanken die Reichweiten von 150.000 auf 40.000 Menschen ab. Ein Wert, der sogar für die tägliche Ausstrahlung nach Mitternacht als desaströs galt. Zusätzlich blieben die Anrufzahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück, sodass der Stuhltanz lediglich eine Woche überlebte. Im Rahmen der zugehörigen Pressemitteilung wies der verantwortliche Produzent Otto Steiner ausdrücklich darauf hin, dass die Ursache für den Misserfolg nicht in Verena Kehrt zu suchen wäre, weil diese „professionell und souverän“ aufgetreten sei. Sie selbst zeigte sich nach der Absetzung selbstbewusst und erklärte gegenüber der Bild-Zeitung: „Ich weine nicht! Ich bin dankbar für die Erfahrung.“ Zeitgleich mit der Absetzung ihres ersten Flops wurden daher direkt weitere Projekte - sogar für den Hauptabend in Aussicht gestellt. Eine Drohung, die sich bisher noch nicht erfüllt hat.

«Reise nach Jerusalem» wurde am 15. März 2005 beerdigt und erreichte ein Alter von sechs Folgen. Die Show hinterließ die Moderatorin Verena Kehrt, die im Anschluss durch einige kleinere Society-Rubriken führte und mit «Promi Shopping Queen», «Das perfekte Promi Dinner», der «Promi Kocharena» sowie dem «VIP-Bus - Promis auf Pauschalreise» an nahezu allen Sendungen mitwirkte, die das Wort „Promi“ im Titel tragen. Zusätzlich nahm sie im Jahr 2007 an der zweiten Staffel von «Stars auf Eis» teil, flog allerdings schon als Zweite heraus. Aktuell ist sie regelmäßig bei Radio Energy in München zu hören. David Gromer trat derweil öfters als Comedian auf und kommentiert derzeit die deutsche Synchronisation der japanischen Version von «Ninja Warrior». Übrigens, die Produktionsfirma Great Entertainment, welche das Format zusammen mit Constantin Entertainment betreut hatte, rühmt sich noch heute auf ihrer Website damit, bei der Herstellung der «Reise nach Jerusalem» unter anderem für die „Recherche“ verantwortlich gewesen zu sein. Nun aber mal ehrlich, so etwas kann doch wirklich niemand ernst gemeint haben...oder?

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am Donnerstag, den 28. Juli 2016.

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