Die Kino-Kritiker

«Whiskey Tango Foxtrot»

von

Komikerin Tina Fey zeigt sich von ihrer dramatischeren Seite und manövriert sich als Kriegsreporterin durch das kriselnde Afghanistan – zu teils zynisch-komödiantischen Ergebnissen.

Filmfacts «Whiskey Tango Foxtrot»

  • Regie: Glenn Ficarra & John Requa
  • Produktion: Ian Bryce, Tina Fey, Lorne Michaels
  • Drehbuch: Robert Carlock, basierend auf "The Taliban Shuffle: Strange Days in Afghanistan and Pakistan" von Kim Barker
  • Darsteller: Tina Fey, Margot Robbie, Martin Freeman, Alfred Molina, Billy Bob Thornton, Christopher Abbott
  • Musik: Nick Urata
  • Kamera: Xavier Grobet
  • Schnitt: Jan Kovac
  • Laufzeit: 112 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Durch den jüngsten Irakkrieg wurde ein anderer militärischer Einsatz im nahen Osten medial verdrängt: Der Afghanistankrieg, von dem man eigentlich denken sollte, dass er zumindest für die US-amerikanischen Öffentlichkeit von Relevanz ist. Die komödiantisch-dramatische Kinoproduktion «Whiskey Tango Foxtrot» rückt den Fokus für etwas weniger als zwei Stunden zurück auf diesen vergessenen Krieg und berichtet davon, welch faszinierenden Subkosmos sich Journalisten in Kabul und Umgebung aufgebaut haben. Die frei nach wahren Begebenheiten operierende Regiearbeit des Duos Glenn Ficarra & John Requa («Crazy, Stupid, Love.») hat zwar trotz einer energiereichen Performance des Komödienstars Tina Fey kleinere Längen, dennoch stellt sie einen auf positive Weise eigenwilligen Beitrag ins Genre der Kriegs-Dramödien dar.

Die Vorlage zu «Whiskey Tango Foxtrot» sind die «The Taliban Shuffle: Strange Days in Afghanistan and Pakistan» betitelten Memoiren der Journalistin Kim Baker, an denen sich Drehbuchautor Robert Carlock jedoch sehr lose orientiert. Der «30 Rock»-Showrunner und Co-Schöpfer von «Unbreakable Kimmy Schmidt» formt beispielsweise aus der in Wirklichkeit für die „Chicago Tribune“ schreibenden Kim Baker eine TV-Journalistin, die trotz großer Erfahrung nur ein kleines Licht in ihrer Branche darstellt. Davon frustriert, willigt die ledige, kinderlose Kinoversion Bakers (Tina Fey) im Jahr 2004 dem Angebot ihres Chefs ein, nach Afghanistan zu fliegen, um dort als Krisengebietsreporterin tätig zu werden. Mit diesem radikalen Tapetenwechsel beginnt praktisch ein völlig neues Leben für Kim: Da im afghanischen Journalistencamp arger Frauenmangel herrscht, wirkt das graue Mäuschen plötzlich wie ein heißer Feger – und nach einer sehr kurzen Eingewöhnungsphase entwickelt sich die neugierige, aber vorsichtige Reporterin geradezu zu einem Adrenalinjunkie.

Wenn Kim Baker nicht gerade über riskante Militäreinsätze oder die Stimmungslage in den Truppen berichtet, wühlt sie Dreck in der afghanischen Politik auf – oder feiert ausgelassene Partys mit der berühmten australischen Korrespondentin Tanya Vanderpoel (Margot Robbie) und dem schroffen schottischen Fotografen Iain MacKelpie (Martin Freeman). Doch wann immer sich so etwas wie Alltag einstellt, drohen neue Gefahren – sei es, dass sich die Situation in Afghanistan wieder zuspitzt, oder dass Kims Sender droht, die Berichterstattung über das Gebiet deutlich zu kürzen …

Wie Ficarra und Requa bereits mit dem selbstironischen Romantik-Komödiendrama «Crazy, Stupid, Love.» und der teils absurden, teils romantischen, teils frechen Betrügergeschichte «I Love You, Phillip Morris» zeigten, haben sich diese Regisseure auf Filme mit facettenreichem Tonfall spezialisiert. Nachdem ihr Heist-Movie «Focus» den steten Wechsel zwischen Dur und Moll nur mäßig durchstanden hat, ist «Whiskey Tango Foxtrot» wieder ein gelungenes Beispiel: Mit der scharfzüngigen Kim Baker, deren reales Vorbild bereits wiederholt als „Tina-Fey-Type“ beschrieben wird, weist die Geschichte eine kesse, sympathische Hauptfigur auf, die fast nie um eine schlagfertige Antwort verlegen ist.

Da sie trotzdem als Neuankömmling im Kabuler Journalisten-Subkosmos zunächst eine Außenseiterrolle inne hat, kommt sie dessen ungeachtet nie überheblich rüber und hat sehr wohl ihre kleinlauten Augenblicke. Diese runde Charakterisierung meistert Fey mühelos, ebenso, wie sie in den späteren Momenten überzeugt, in denen Afghanistan alles repräsentiert, was Kim wichtig ist, so dass sich die ruhigeren Passagen daraus generieren, dass sie um Freunde bangt, sich um die Zukunft ihres Jobs sorgt oder sie eine Romanze beginnt. Feys Chemie mit Martin Freeman, dessen Darbietung als forscher Bube mit sanftem Kern sehr pointiert überzeichnet ist, stimmt, und Autor Robert Carlock webt diesen Subplot unaufdringlich sowie glaubwürdig in die Story ein.

Auch «Wolf of Wall Street»-Entdeckung Margot Robbie weiß als erfahrene Starreporterin dank geschliffenem komödiantischem Timing sowie einem dezenten Hauch Überheblichkeit zu überzeugen. Kim Bakers wichtigster Militärkontakt, US-Marine-Corps-General Hollanek (Billy Bob Thornton) derweil gerät im Mittelteil des Films etwas zu sehr in den Hintergrund, so dass seine Rückkehr im letzten Akt fast wie ein unverdientes, dramaturgisches Ass wirkt, das aus dem Ärmel geschüttelt wird. Dafür gefallen seine raren Szenen, da Billy Bob Thornton die Rolle mit seiner markanten Mischung aus Charisma und Dreistigkeit auszufüllen vermag.

Einen herben Tiefpunkt des Films stellt derweil der fehlbesetzte Alfred Molina dar, der mit lächerlichem Bart und Honigkuchenpferdgrinsen als Karikatur eines afghanischen Politikers herumhampelt. Molinas aufgesetztes Spiel und die flache Charakterisierung dieser Rolle verstärken den bitteren Nachgeschmack, der eh schon da ist, weil in diesem sonst kritisch reflektierenden Film zwei wichtige afghanische Rollen ethnisch inkorrekt besetzt wurden. Christopher Abbott, der als afghanischer Sicherheitsmann auftritt, spielt seine Rolle wiederum sehr ruhig und einfühlsam, so dass sein Casting zwar aus Prinzip fragende Blicke provoziert, auf schauspielerischer Ebene muss er sich aber keine Kritik gefallen lassen.

Kims Begegnungen mit diesem illustren Figurenrepertoire wird zwar sehr episodenhaft erzählt, die Übergänge zwischen den mal rabenschwarzen Humor, mal feuchtfröhlichen, mal tragikomischen, mal rein dramatischen Ereignissen sind allerdings zumeist fließend. Nur wenn der Tonfall ganz radikal wechselt, sei es durch Molinas Witzfigur oder Anschläge, tritt das sonst sehr aufgeweckte Dialogbuch anschließend etwas auf der Stelle. Auch der kurz vor Schluss erfolgende, kleine Anflug an Sentimentalitäten ist zwar per se inhaltlich gerechtfertigt, aber länger, als es dem Gesamtpaket gut tut. Angesichts der soliden, anpassungsfähigen Musikuntermalung und der routiniert-fähigen Regiearbeit ist «Whiskey Tango Foxtrot» dennoch eine bemerkenswerte, tonal vielseitige Beschäftigung mit dem Thema der Kriegsreportage.

Fazit: Schlagfertig, kess und dennoch kritisch: «Whiskey Tango Foxtrot» hat zwar Schönheitsfehler, trotzdem ist diese originelle Kriegs-Dramödie zweifelsfrei einen Blick wert.

«Whiskey Tango Foxtrot» ist derzeit in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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