Die Kino-Kritiker

«Hail, Caesar!»

von

Hollywood in den 50er-Jahren: Eddie Mannix versucht, ein Studio und seine Stars auf Kurs zu halten. Und stapft dabei durch eine Ansammlung irrer Ereignisse.

Filmfacts «Hail, Caesar!»

  • Regie, Schnitt und Drehbuch: Joel & Ethan Coen
  • Produktion: Joel Coen, Ethan Coen, Tim Bevan, Eric Fellner
  • Darsteller: Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton, Channing Tatum
  • Musik: Carter Burwell
  • Kamera: Roger Deakins
  • Laufzeit: 106 Minuten
  • FSK: ab 0 Jahren
Vier Filme, vier unterschiedliche Verleiher: Die aktuellsten Einträge in George Clooneys Schauspielvita erfolgten für Universal Pictures, Walt Disney Pictures, Columbia Pictures/20th Century Fox und Warner Brothers. Auch Clooneys «Hail, Caesar!»-Ensemblekollegin Scarlett Johansson wanderte in jüngster Vergangenheit munter durch Kinofilme verschiedenster Produktionsfirmen. Was in der modernen Medienwelt nicht weiter verwundert, war in einer früheren Phase der Filmgeschichte für Hollywood-Stars nahezu unmöglich. Denn zur Zeit des Studio-Systems standen Schauspielgrößen, Kreativschaffende sowie angesehene Handwerkskünstler üblicherweise bei einem der „Big Five“ unter Vertrag. Jeder Wechsel von einem Studio zum anderen wurde im Filmgeschäft daher als große Umwälzung betrachtet.

Da das filmschaffende Personal der großen Hollywood-Studios eine entsprechend hohe Bedeutung für den Ruf der jeweiligen Unternehmen hatte, wurden berühmte Namen ganz anders beschützt als heutzutage. Haben gegenwärtig Stars, gemeinsam mit ihren Agenturen und Publizisten, ihr Image weitestgehend selbst in der Hand (zumindest so sehr, wie es die Klatschpresse erlaubt), achteten in der sogenannten Goldenen Ära Hollywoods die Studios mit Argusaugen auf ihre Schützlinge. Es hielt Skandale aus der Öffentlichkeit und diktierte im Gegenzug, was ein Star zu sagen, zu tragen, zu tun und zu lassen habe. Das Hollywood-Studio, der Polizeistaat.

«Hail, Caesar!» handelt von einem Mann, der während des Abklingens des güldenen Hollywood-Systems die anstrengende Aufgabe des Studio-Polizisten ausfüllt: Eddie Mannix (Josh Brolin), Produktionsvorsitzender und „Fixer“ von Capitol Pictures. Gefühlt arbeitet Eddie 30 Stunden am Tag, 12 Tage die Woche. Denn er ist es, der dafür sorgt, dass die Studiomaschine läuft wie frisch geschmiert. Wetterprobleme verzögern einen Dreh? Eddie findet eine Lösung. Das Skript zu einem kommenden Capitol-Pictures-Streifen kommt nicht in Schwung? Eddie findet eine Lösung. Das Studio braucht den Segen diverser religiöser Gruppen, um guten Gewissens einen Monumentalfilm mit Glaubensbotschaft ins Kino zu entlassen? Eddie regelt das!

Den Großteil seiner Zeit verbringt Eddie aber damit, für die Stars und Sternchen von Capitol Pictures die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Eddie bewahrt Starlets davor, wegen unsittlichen Verhaltens eingebuchtet zu werden. Er findet rechtliche Schlupflöcher, um pikante Wahrheiten versacken zu lassen. Und er täuscht die Branchen- und Klatschpresse, wo er nur kann. Als Baird Whitlock (George Clooney) spurlos vom Set des Sandalenfilms «Hail, Caesar!» verschwindet, steht Eddie jedoch vor seiner bislang größten Herausforderung …

Eddie Mannix ist keine aus der Luft gegriffene Erfindung der Oscar-prämierten Coen-Brüder, sondern eine dramaturgisch überspitzte Kombination aus dem echten Eddie Mannix und Publicitychef Howard Strickling. Gemeinsam hielten sie jahrzehntelang die MGM-Studios am Laufen und verhalfen deren Stars zu blütenreinen Westen. Wie es sich für die «Fargo»- und «A Serious Man»-Macher Joel & Ethan Coen gebührt, widmen sie Mannix und Strickling mit «Hail, Caesar!» jedoch kein alltägliches, cineastisches Denkmal. Das auf doppelbödige Filme spezialisierte Brüder-Gespann nimmt Mannix‘ Berufung als Ausgangspunkt für eine Ansammlung an leichtfüßig verbundenen, sketchartigen Szenen, die auf das Holllywood-Kino der frühen 50er-Jahre zurückblicken. Und dies in einem Tonfall, der sich irgendwo zwischen neckischer Hommage und liebevoller Parodie verorten lässt.

Die Einfälle der Coens sind mannigfaltig – und sie alle verneigen sich augenzwinkernd vor den Archetypen, die das Kinogeschäft hervorgebracht hat, sowie vor den Filmgenres, die vorübergehend Hollywood dominiert haben. So spaziert Mannix im Dienste seiner Pflicht am Set eines munteren Musicals vorbei – und schon wird dem Kinopublikum eine ausgedehnte Sequenz kredenzt, in der «Magic Mike XXL»-Sunnyboy Channing Tatum die Mentalität von Gene-Kelly-Filmen auf die Schippe nimmt. Mit schwungvollen Schritten und einer frivolen, doch unschuldig dargebotenen Choreografie gerät dieser Seitenhieb ebenso spitzbübisch wie ehrfürchtig. Ebenso amüsant sind die Szenen aus dem Film-im-Film namens «Hail, Caesar!», welche voller Detailliebe Werke wie «Ben Hur» durch den Kakao ziehen. Und damit nicht genug: Mit versiertem, achtungsvollem Blick persiflieren die Coens auch simple Western, Bubsy-Berkeley-Wasserballette und galante, den Alltagsproblemen entrückte Dramen.

Diese fiktiven Filmproduktionen, die stets glaubwürdig den Look ihrer Vorbilder nachahmen, gehören zu den Höhepunkten von «Hail, Caesar!», allerdings brillieren auch jene Szenen, in denen Mannix hinter den Kulissen seiner Arbeit nachgeht. Dies liegt nicht zuletzt am bestens aufgelegten Ensemble: Tilda Swinton gibt die zickigen Klatschpresse-Schwestern Thora und Thessaly Thacker genauso pointiert wie sich Scarlett Johansson als ungezügelte Filmikone mit Heile-Welt-Image durch ihre Szenen zetert. Und Alden Ehrenreich darf sich als Western-Mime Hobie Doyle, der in das Drama-Genre geschubst wird, in das ruhmreiche Coen-Filmpantheon gutherziger Dummköpfe einreihen. Dort bekommt er Gesellschaft von George Clooney: Der Superstar, den die Coens schon in «O Brother, Where Art Thou?», «Ein (un)möglicher Härtefall» und «Burn After Reading» goldig herumhampeln ließen, agiert mit genüsslicher Spritzigkeit als verblendeter Spitzenschauspieler, der nach seiner Entführung die politische Welt mit neuen Augen sieht. Was nicht heißt, dass er plötzlich den Durchblick hat …

All dies untermalt Komponist Carter Burwell mit dynamischer, oftmals augenzwinkernd dick aufgetragener Musik – und somit trifft er genau den richtigen Ton: Die von Kameramann Roger Deakins («Sicario») in kontrastreichen Farben eingefangene Farce akzentuiert zwar in hoher Frequenz, welch teils absurden Eigenheiten das Hollywood der frühen 50er ausgemacht haben. Dennoch fungiert «Hail, Caesar!» als Liebesbrief an die behandelte Ära, denn die Coens verzichten durchgängig auf gehässige Pointen – viel mehr zeichnen sie die zahlreichen Figuren als quirlige Karikaturen. Wenn Ralph Fiennes als übertrieben höflicher Regisseur selbst die grausigsten Takes als „Sehr gut“ bezeichnet, greifen die Coens nicht etwa andere Filmemacher an, sondern halten lächelnd fest, wie es auf einem Filmset zugehen kann.

Nur eine Rolle weist in dieser Ansammlung an charmanten Witzfiguren so etwas wie Bodenhaftung auf: Josh Brolins Eddie Mannix. Mit energischem Blick und geschliffener Schlagfertigkeit (sei es verbal oder non-verbal) ist der „Fixer“ von Capitol Pictures nicht etwa ein wandelnder, respektvoller Scherz. Sondern ein nachdenklicher, sein Handeln hinterfragender und dennoch liebend gern erledigender Mann, der das Filmgeschäft todernst nimmt – und der beim Streben nach Erfolg mit Erschöpfungserscheinungen kämpft. Das gleicht Eddie Mannix, der liebende sowie gestrenge Freund und Helfer der Stars, aus, indem er mit trockenem Humor glänzt. Höchst kalkuliert, natürlich.

Und das ist wohl der listigste Geniestreich des Autorenfilmer-Duos in «Hail, Caesar!»: In dieser gewitzten Feier des Filmgeschäfts ist einzig und allein dem Vertreter einer dubiosen, ausgestorbenen Profession eine mehrdimensionale Persönlichkeit gestattet. Damit können sich die Coens ganz klar der Selbstbeweihräucherung freisprechen – immerhin sind alle Professionen, die Hollywood weiterhin anbietet, laut dieser Komödie mit Witzfiguren besetzt. Und Platz für Normale gab es, zumindest stellt es «Hail, Caesar!» so dar, nur in der Funktion des gerissenen Aufpassers. Das Hollywood-Studio, der Polizeistaat? Eher: Das Hollywood-Studio, der faszinierende, gefährliche Kindergarten!

Fazit: Ein Muss für Filmliebhaber und Freunde kreativer Komödien: Ethan und Joel Coen zünden ein Feuerwerk an ulkigen, neckisch-liebevollen Gags über Hollywood ab!

«Hail, Caesar!» ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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