Die Kino-Kritiker

«Capital C»

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Eine Dokumentation über Crowdfunding, finanziert durch Crowdfunding: Ist «Capital C» Geniestreich oder schaler Imagefilm?

Filmfacts «Capital C»

  • Regie: Jørg Kundinger, Timon Birkhofer
  • Produktion: Father&Sun, Myra Productions GmbH
  • Finanzspritzen durch: Kickstarter.com-Funding, FilmFernsehFonds Bayern, Deutschen Filmförderfonds
  • Laufzeit: 87 Minuten
  • FSK: ab 0 Jahren
Schwarmintelligenz trifft auf Vorschusszahlungen: Egal ob man es persönlich unterstützt oder nicht; Crowdfunding ist ein spannendes Konzept. Eine Dokumentation zum Thema Crowdfunding via Crowdfunding zu finanzieren, ist unterdessen ein kniffliger Gedanke. Es ist durchaus vorstellbar, über diesem Wege eine informative, ungewöhnliche Doku zu verwirklichen. Etwa, wenn durch die Fanfinanzierung abgesichert wird, dass der Film unkonventionell vorgehen darf und somit ganz anders wird als jeder übliche Dokumentarfilm. Morgan Spurlock hat vor einigen Jahren vorgemacht, wie eine Dokumentation über besondere Finanzierungswege aussehen kann, die selbst diese Wege beschritten hat: «In The Greatest Movie Ever Sold» thematisierte er Produktplatzierungen und Film-Werbedeals, indem er die Finanzierung eben jener Dokumentation mit der Kamera einfing. Das Ergebnis war so erhellend wie unterhaltsam.

Von der «The Greatest Movie Ever Sold» innewohnenden Cleverness und dem von dieser Doku ausgestrahlten Schalk ist «Capital C» aber weit entfernt. Stattdessen wurde mit Crowdfunding ein Film über Crowdfunding finanziert, der sich primär an Begeisterte des Crowdfunding-Gedanken richtet, die sich nicht in die Suppe spucken lassen wollen. Zwar hat die Doku ihre hellen Momente, unterm Strich ist sie jedoch sehr einseitig und voreingenommen geraten.

Die Stützpfeiler der Doku sind drei Kickstarter-Erfolgsgeschichten: Der Videospiele-Pionier Brian Fargo, der mit immensem Erfolg bei Kickstarter Geld für die Neuauflage von «Wasteland» sammelt. Der Grafiker Jackson Robinson, der sich seinen Traum erfüllen möchte, Spielekarten zu gestalten. Und der Hipster Zach Crain, der gestrickte Flaschenwärmer herstellt. Fargo dient dabei mit seinen millionenschweren Kickstarter-Aktionen als leuchtendes Vorbild für erfolgreiches Crowdfunding. Zugleich repräsentiert er den Aspekt dieses Finanzierungsmodells, den auch der «Veronica Mars»-Film oder Zach Braffs «Wish I Was Here» abdecken: Von Fans herbeigesehnte Unternehmungen, die trotzdem nie zustande gekommen sind.

Robinson und Crain dagegen stehen stellvertretend für die kleinen, verrückten Ideen, die sich bei Kickstarter und Co. finden und bringen auch eine persönlichere Note in den Film. Das bunte „Wir haben uns alle lieb“-Treiben in Crains Firma steht dabei im satten Kontrast zur verbissenen Selfmade-Unternehmer-Story von Robinson, der im Laufe der 87 Filmminuten mehrmals von himmelhochjauchzend zu deprimiert schwankt. Aber Robinsons flatternden Nerven und seiner zwischendurch davon schwindenden Zeit mit seiner Familie zum Trotz: Die Regisseure Jørg Kundinger und Timon Birkhofer lenken immer wieder das Hauptaugenmerk ihrer von 586 Kickstarter-User unterstützten Dokumentation darauf, dass mit Crowdfunding am Ende ja alles gut wird. Diesen Eindruck unterstreichen auch die gelegentlichen, kurzen Interview-Statements von Wirtschaftsexperten oder Netz-Kennern wie Sascha Lobo.

Kritische Nachfragen werden in «Capital C» verschwindend klein geschrieben, genauso wie Konkurrenzplattformen zu Kickstarter kaum Beachtung finden. Dass über Kickstarter finanzierte Ideen mitunter nie vollendet werden, hakt der Film im Vorbeigehen ab, genauso wie sie von gezieltem Crowdfunding-Missbrauch nichts wissen möchte. Selbst die große Community an eingeschworenen Kickstartern wird zu einer Fußnote degradiert: Ein besonders geschäftiger 'Backer' kommt kurz zu Wort, meint, dass ja nicht alle von ihm unterstützten Projekte vollendet wurden, und ward nie wieder gesehen.

Dabei hätte eine größere Varianz «Capital C» sehr gut zu Gesicht gestanden: Was steckt hinter Plattformen wie 'Patreon', was können Backer machen, die unzufrieden sind, und gibt es Leute, die es bereuen, bei der Verwirklichung ihrer Ideen auf Crowdfunding zurückgegriffen zu haben? Antworten auf diese Fragen wären zweifelsfrei reizvoller gewesen, als die diversen Wiederholungen, auf die «Capital C» zurückgreift. Sei es die Beweihräucherung des attraktiven, aber nicht makellosen Modells Crowdfunding, oder Zach Crains insgesamt drei Erklärungen, wie die ABC-Show «Shark Tank» abläuft: Nach und nach verliert sich die Dokumentation in die Redundanz. Alle Crowdfunding-Gegner können sich daher an dieser Stelle einen passenden, schnippischen Kommentar denken. Alle anderen dürfen ihr Bedauern anmelden. Einen Imagefilm hätte es nämlich nicht gebraucht – man kann an Crowdfunding glauben und sich dennoch mit den Makeln des Modells auseinandersetzen. Vielleicht schafft es ja die nächste Doku zum Thema. Denn auch das lehrt «Capital C»: Nachahmer gibt es überall ...

«Capital C» ist ab dem 24. September 2015 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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