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Stephan Denzer: Erwartungen an «Die Anstalt» werden höher

von   |  2 Kommentare

Viraler Hit, Grimme-Preis und im TV längst kein Geheimtipp mehr. Am Dienstag steht die nächste Ausgabe der «Anstalt» auf dem Plan. Wir haben mit Stephan Denzer, dem Leiter der ZDF-Kabarett- und Comedy-Redaktion, über das Format gesprochen. Außerdem: Wie geht es mit Urban Priol im Zweiten weiter?

Zur Person Stephan Denzer

Seit 20 Jahren ist Denzer mittlerweile schon beim Fernsehen tätig. Seine aktuelle Position als ZDF-Teamleiter "Kabarett und Comedy" bekleidet er seit 2009 - und verantwortete damit maßgeblich den Kabarett- und Satireaufschwung beim Mainzer Sender in den vergangenen Jahren. Die beiden größten Erfolge in diesem Genre, «Neues aus der Anstalt» und die «heute-show», sind seine Erfindung. Vor seiner Tätigkeit beim ZDF stand er selbst mit drei Soloprogrammen («Ein Lied für Mombach!», «Private Denzer» und «Germany's Next Brummschädel») auf der Bühne. Für Denzers Einsatz für eine vielfältige und offene Gesellschaft ehrt ihn nun das Schwule Netzwerk NRW mit der Kompassnadel.
Herr Denzer, «Die Anstalt» gibt es nun seit gut einem Jahr. Lange genug also, um schon einmal ein Zwischenfazit zu ziehen. Würden Sie sagen, dass die Neuausrichtung der Sendung voll und ganz gelungen ist?
Wir sind wirklich sehr zufrieden. Nicht zuletzt der Gewinn des Grimme-Preises, den wir kürzlich entgegen nehmen durften, zeigt, dass die Sendung einen hohen Anklang bei Zuschauern und Journalisten findet. Claus von Wagner und Max Uthoff sowie der Autor Dietrich Krauß haben es geschafft, mit der «Anstalt» eine neue Form von Kabarett im deutschen Fernsehen zu etablieren.

In einer (nicht repräsentativen) Umfrage auf unserer Website haben wir vor wenigen Tagen unseren Lesern dieselbe Frage gestellt. Das Ergebnis: Über 86 Prozent gaben an, dass sich die «Anstalt» unter ihrer neuen Leitung sogar verbessert hat, nur knapp 5 Prozent sehen einen Rückschritt. Entspricht dies auch Ihrem Eindruck?
Ich habe bei Ihrer Umfrage nicht mitgemacht. «Die Anstalt» ist eine sehr gute Kabarett-Sendung im deutschen Fernsehen, genauso wie auch ihr Vorgänger «Neues in der Anstalt» auf eine etwas andere Art und Weise eine sehr gute Sendung war.

Wenn wir auf die Einschaltquoten blicken, ergibt sich ein divergentes Bild: Beim Gesamtpublikum kommen Uthoff und von Wagner nicht an die Werte von Priol und Pelzig heran, beim jungen Publikum gibt es hingegen einen leichten Aufwärtstrend zu beobachten. Hat sich die «Anstalt» auch inhaltlich gezielt verjüngt - auch auf Kosten der Gesamt-Quoten?
Ich freue mich darüber, dass es den Machern gelungen ist, die Sendung beim jungen Publikum erfolgreicher zu machen. Ich hoffe, dass das auch der längerfristige Trend sein wird. Wenn wir beim Gesamtpublikum verlieren, dann hat das sicher auch damit zu tun, dass es etwas schwieriger geworden ist, den sehr guten und genauen Analysen von Max und Claus zu folgen.

Aber ein bisschen erstaunlich ist das schon. Polit-Talks müssen mit drei oder vier Prozent bei den Jungen auskommen – und auch «Die Anstalt» ist ja oft hoch-politisch…
Die Sendung ist einfach spielerischer, überraschender geworden und gleichzeitig ist sie hochrelevant und haltungsstark.
Stefan Denzer über «Die Anstalt»
Stimmt, das ist erstaunlich. Der Erfolg bei den jüngeren Zuschauern könnte daran liegen, dass unsere Künstler eine jüngere Generation vertreten und sich auch nicht zu schade sind, um sich mal eine alberne Perücke auf den Kopf zu setzen. Die Sendung ist einfach spielerischer, überraschender geworden und gleichzeitig ist sie hochrelevant und haltungsstark.

Im Vorfeld des Neustarts sprachen Sie einmal davon, dass es Ihr Ziel ist, kleine Momente zu schaffen, die es so noch nicht gegeben hat. Dies ist in den vergangenen Monaten einige Male gelungen, wobei gerade nach dem Sieg des Grimme-Preises der Flüchtlings-Chor über allem schwebt. War besagter Chor der bisher größte Coup der Sendung und/oder was waren Ihre Highlights aus den vergangenen Monaten?
Das ist schwer zu sagen. Es gab so viele Momente, an die ich mich gerne erinnere. Ich finde die Sendung immer dann großartig, wenn wir etwas machen, das es so zuvor im Kabarett noch nicht gegeben hat. Wir müssen dafür dann meistens – nicht immer – eine recht spielerische Form finden. Und es ist jedes Mal ein schwerer Spagat aus politischer Information, Recherche und unterhaltenden Elementen.

Nun darf sich die «Anstalt» nach acht Jahren auch Grimme-Preisträger nennen. Welchen Stellenwert hat für Sie persönlich dieser Preis? Ist es mit dieser sich auf inhaltliche Aspekte beziehenden Ehrung einfacher, die Weiterführung des Formats zu sichern, auch wenn die Einschaltquoten leicht rückläufig sein mögen?
Man freut sich natürlich über jede Auszeichnung. Genauso wie ein solcher Preis die geleistete Arbeit aber würdigt, macht er die anstehenden Aufgaben aber auch nicht leichter, weil die Erwartungen höher werden. Wir sind mit der «Anstalt» ohne Frage auf dem richtigen Weg – wir müssen jetzt aber weiterhin jedes Mal erstklassige Ideen finden, das ein ist schöner Ansporn und harte Arbeit.

Erst in der jüngsten Folge gab es wieder einen sehr emotionalen Moment, als ein von der NS-Diktatur geschädigter Grieche am Ende einen Kurzauftritt hatte. Der Clip wurde mit über 1,2 Millionen Abrufen bei Facebook und über 500.000 bei YouTube zum viralen Hit, nachdem er mit griechischen Untertiteln unterlegt wurde. Sehen Sie das als Zeichen für die internationale Relevanz des Formats?
Die hohen Aufrufzahlen kommen in der Tat durch den internationalen Erfolg zustande. Wir hatten schon mal ähnlich gute Werte in Russland, als wir eine Folge zur Ukraine-Krise gemacht haben. Unsere Sendungen sind seit einiger Zeit ja monothematisch – und das könnte ebenfalls ein Grund für die Verbreitung in den jeweiligen Interessentengruppen sein. Die von Ihnen genannten Zahlen der Griechenland-Sendung haben nun natürlich alles, unsere Erwartungen mit einbezogen, gesprengt.

Wie weit kann man diese Emotionalisierung denn treiben, ohne dass es nachher effekthascherisch wirkt und zum reinen Mittel zum Zweck verkommt? Das ist ja durchaus ein Drahtseilakt.
Ja, das stimmt. Ich hatte ja vorhin schon gesagt, dass ich glaube, dass es viele gute Momente in den Sendungen gab. Man darf nicht zu oft eine Form wählen, zum Beispiel den Auftritt von realen Figuren. Wir müssen da Abwechslung bieten. Wenn dann Norbert Blüm plötzlich mal in der «Anstalt» auftaucht, dann ist das wieder ein anderer Weg, der uns aber auch gut tut. Wir müssen uns immer wieder fragen, wie man die Grenzen eines solchen Formats am besten sprengen kann und Überraschungen bietet.

Wo wir gerade über die Gäste sprechen: Jede Ausgabe der «Anstalt» fokussiert sich nun auf ein bestimmtes Thema. Werden die potenziellen Gäste gezielt nach Themen ausgewählt oder müssen sie sich den Themen eher anpassen? Insbesondere in den vergangenen Monaten kristallisierten sich unserem und dem Empfinden vieler Fans nach die Solo-Nummern der Gäste nämlich als kleine Schwachpunkte heraus, da man einige von ihnen eher als Fremdkörper wahrgenommen hat.
Mit Kabarettisten muss man einfach eine längere Zeit im Voraus planen, das liegt an deren Tourneeplanungen. Es sind dann schon die Gäste, die sich daran orientieren müssen, was von Claus und Max als Thema gesetzt wird. Und es ist auch wichtig, da aktuell zu agieren. Griechenland war einfach das zentrale Thema Ende März – letztlich hat die bisher letzte Sendung auch daher ihren großen Erfolg generiert. Wenn man die Reaktionen des Publikums im Studio betrachtet, dann werden dort die Solonummern überhaupt nicht als schwächer wahrgenommen, sondern häufig richtig abgefeiert.

Wir kommen nicht umhin, nicht auch noch kurz über den ehemaligen „Mr. Anstalt“ zu sprechen. Urban Priol hat Ende 2014 überraschend verkündet, seine neue ZDF-Show «Ein Fall fürs All» mit Alfons einstellen zu wollen, da Sender wie Künstler unzufrieden mit der inhaltlichen Entwicklung waren. Mögen Sie vielleicht etwas näher erläutern, was Ihrer Ansicht nach nicht so aufgegangen ist wie erhofft?
Wir haben bei «Ein Fall fürs All» versucht eine neue und andere Form zu finden. Dass die Idee letztlich nicht aufgegangen ist, ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm wäre es nur, wenn wir uns danach jetzt nichts mehr trauen würden.
Stefan Denzer über das inzwischen wieder beendete Priol-Format «Ein Fall fürs All»
Jede Formatentwicklung ist eine große Herausforderung. Und es ist mit Sicherheit keine Schande mit einer Idee mal nicht den riesigen Erfolg zu haben. Das Fernsehgeschäft ist hart. Wir haben bei «Ein Fall fürs All» versucht eine neue und andere Form zu finden. Dass die Idee letztlich nicht aufgegangen ist, ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm wäre es nur, wenn wir uns danach jetzt nichts mehr trauen würden. Wenn wir einfach drei oder vier große Namen kaufen und wieder ein Format machen, dass es so schon vielfach im deutschen Kabarett- oder Comedy-Markt gibt.

Gibt es derzeit Pläne für ein neues Format mit Priol?
Im Augenblick planen wir für Ende des Jahres wieder seinen Jahresrückblick ein, der sehr erfolgreich ist. Wenn Urban Priol darüber hinaus weitere Ideen hat, sind wir offen dafür.

International tut sich einiges auf dem Comedy-Markt. Jon Stewart gibt die «Daily Show» an einen jungen Südafrikaner ab, bei CBS gibt’s neue Gesichter. Holen Sie sich Inspiration von solchen Relaunches?
Man tut sich viel schwerer als noch vor zehn Jahren auf dem internationalen Markt gute Ideen zu finden. Früher musste man nur mal nach Amerika, Australien oder England schauen. Heute ist das im Comedy-Bereich schwer geworden. Bei der politischen Satire sind wir beim ZDF meiner Meinung nach aber sehr gut aufgestellt. Wir brauchen also hier gar nicht zehn neue Sendungen aus dem internationalen Markt, sondern sollten uns auf das konzentrieren, was neu ist und über die Grenzen der politischen Satire hinausgeht.

Wie sehen Sie dann aktuell «Vier sind das Volk» am Freitagabend, das noch keine zu große Begeisterung ausgelöst hat?
Das ist in der Tat ein Format vom internationalen Markt, das wir aber stark für Deutschland angepasst haben. Ich finde, dass die Sendung vom Charme der Improvisation lebt und genau so eine Erweiterung der tagesaktuellen politischen Betrachtung darstellt, wie wir sie weiter versuchen müssen. «Vier sind das Volk» ist leichter und spielerischer als andere Satire-Sendungen, aber wir können nicht nur immer die gleichen Gags und Betrachtungen über die drei politischen Themen der Woche machen und müssen solche anderen Formen ausprobieren.

Etwas ruhig scheint es in letzter Zeit um «Pelzig hält sich» geworden zu sein, die Zuschauer-Resonanz ist überschaubar und so recht vermochte es die Sendung zuletzt auch nicht mehr, wirkliche Debatten anzustoßen. Andererseits hat sie schon einen gewissen Kult-Faktor und hebt sich gerade durch das Talk-Element auch von anderen Satire- und Kabarett-Formaten ab. Wie sehen sie die Rolle von «Pelzig hält sich» im ZDF?
Für mich ist Erwin Pelzig, also Frank-Markus Barwasser, ein herausragender Journalist. Ich kenne wenige, die so gut vorbereitet in die Sendung gehen und dann auch noch so schlagfertig sind. Er schafft es oft, dass seine Gäste Dinge erzählen, die sie woanders nicht preisgeben. Für mich ist das eine ganz große Leistung.

Danke für das Interview!

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Roman
27.04.2015 21:04 Uhr 1
Sehr schönes Interview. Was mir hier aber etwas fehlte, war der Punkt, warum die Anstalt eigentlich sehr oft gegen Fußball läuft und auch immer öfters nicht live ausgestrahlt wird.

Ist ja eigentlich nicht so schwierig nen Dienstag zu finden, wo kein Fußball gespielt wird.
Fernsehfohlen
28.04.2015 16:37 Uhr 2
Danke fürs Lob. :)

Was deinen Kritikpunkt bezüglich der Sendezeit anbetrifft, muss ich gestehen, dass es schlicht ein Versäumnis meinerseits war. Der Einwand ist berechtigt, denn zumindest auf die häufige Konkurrenzsituation mit Fußballspielen hatte ich ursprünglich eingehen wollen, es dann aber vergessen. :oops:


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