Hingeschaut

Kein Pardon im Dschungelcamp

von

Wenn allzu vertraute Routine zur Bedrohung wird. Unsere ersten Eindrücke von der aktuellen Staffel.

«Ich bin ein Star - Holt mich hier raus» - Staffel 8

  • F1: 7,66 Mio (27,9%) ab 3, 4,45 Mio (40,4%) 14-49
  • F2: 7,83 Mio (27,5%) ab 3, 4,90 Mio (43,7%) 14-49
Erinnern Sie sich an den Film «Kein Pardon» von und mit Hape Kerkeling? Darin wurde der altgediente Moderator Heinz Wäscher gezeigt, der mit seiner Show «Witzigkeit kennt keine Grenzen» rund 30 Jahre erfolgreich war. Alle waren zufrieden. Sogar sein Regisseur lobte den routinierten Fluss der Produktion mit den Worten: „Das läuft ja wie geschmiert.“ Und doch wurde der Publikumsliebling bald durch ein junges, frisches, unverbrauchtes Gesicht ersetzt. Auch wenn der weitere Verlauf des Filmes andere Wege einschlägt, erinnern diese Szenen stark an den Auftakt der aktuellen Staffel von «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!».

Auf dem Papier liefen die ersten Ausgaben nämlich ebenfalls wie geschmiert. Die ersten Konflikte sind bereits geschürt, die Moderatoren mit ihren Seitenhieben auf das eigene Format sowie den Rest der Branche in Höchstform, die crossmedialen Besprechungen umfangreich und die Sehbeteiligungen rekordverdächtig. Mit Michael Wendler ist zudem eine spektakuläre Verpflichtung gelungen und Larissa konnte bereits jetzt den Nervfaktor von Giulia Siegel, Georgina Fleur und Sarah Knappik überbieten. Das Dschungelcamp 2014 erfüllt damit alle Erwartungen und ist zweifelsfrei ein verdienter Erfolg für Team und Sender. Und doch gibt es einen leichten bitteren Beigeschmack. Nur ganz dezent, aber doch merkbar und je mehr man sich auf ihn konzentriert, umso unangenehmer wird er.

Langsam schleicht sich nämlich eine gefährliche Routine in die Sendung ein. Jene Routine, die bei anfangs glücklich verliebten Liebespaaren irgendwann zu einer Trennung führt. Nicht weil man sich betrogen oder stark verändert hat, sondern weil einfach die anfängliche Anziehung verloren gegangen ist. Wenn man die allgemeine (Vor-)Freude über die Rückkehr der Reihe sowie die befriedigte Bosheit abzieht, bot insbesondere die erste Episode wenig Neues an. Die Vorstellung der Protagonisten folgte dem jährlichen Ritual, die Kontrolle des Gepäcks nach Schmuggelware war allzu bekannt und die Bilder vom Hubschrauberflug ins Camp hätten auch aus dem Archiv der Vorjahre stammen können. Sicher, diese Elemente gehören zwar fest zum Konzept, stehen aber kaum für seinen weiteren Verlauf. Schließlich entsprang der Reiz der Show in der Vergangenheit vor allem der Gruppendynamik unter den Bewohnern. Doch selbst diese wirkt diesmal sehr konstruiert und vorhersehbar.

Die Zusammensetzung der Kandidaten folgt einmal mehr einem bekannten und erprobten Muster, in der obligatorische Rollen gezielt besetzt werden. So gibt es die Rolle des ruhigen, alten Weisen, die Rolle des hübschen Jünglings, die Rolle des extravaganten Exots, die Rolle der freizügigen Sexbombe, die Rolle des um ein Comeback bettelnden Ex-TV-Stars und natürlich die Rolle der Zicke, die sämtlichen Hass auf sich zieht. Das ist grundsätzlich nicht verwerflich, basieren doch Unterhaltungsprodukte - egal ob TV-Programme oder Boygroups - stets auf der Vereinigung von verschiedenen Identifikationsfiguren. Problematisch wird es nur, wenn sich das Muster entweder so sehr erhärtet, dass jegliche Überraschung eliminiert wird oder wenn es als Methode allzu sehr hervortritt.

Ganz offenbar ist die Besetzung des Camps von dem Wunsch gesteuert, ähnliche Momente wie den stundenlangen Streit um Sarah Knappik wiederholen zu können. Aber genau hier liegt vielleicht der Irrtum. So etwas lässt sich nicht erzwingen und reproduzieren. Selbst wenn tatsächlich eine ähnliche Eskalation erreicht würde, kann diese auch ins Gegenteil umschlagen. Noch sind solche Ausbrüche wie von Larissa sehr unterhaltsam und publikumswirksam. Es wird aber eine Zeit kommen, in der es nicht mehr reicht, jedes Jahr eine noch größere Zicke in den Urwald zu schicken. Daily Talks, in denen jeden Tag gestritten wurde, wollten die Zuschauer am Ende auch nicht mehr sehen. An jener Starrheit und jährlichen Redundanz leidet beispielsweise seit Jahren schon «Bauer sucht Frau», in der ebenfalls die ewig gleichen Exemplare in ewig gleichen Aktionen um ewig gleiche Frauentypen buhlen. Dass sich hin und wieder darunter auch gleichgeschlechtliche Beziehungen finden, macht die längst eingezogene Eintönigkeit nicht wett.

Schon jetzt lässt sich absehen, welche Konflikte in den kommenden Tagen im Dschungel aufkommen werden, welche Kandidaten die meisten Prüfungen ertragen müssen und wie sie sich dabei verhalten werden, wer zum Streitschlichter heranwächst, welche Mutti sich um das Camp kümmern wird, welche romantischen Annäherungen möglich und welche Geständnisse am Lagerfeuer zu erwarten sind. Entsprechende Andeutungen wurden schon gezielt gesäht. Dazu kommt, dass die Insassen nach sieben vorangegangenen Staffeln längst genau wissen, wie die Show funktioniert und welches Verhalten von ihnen zu erwarten ist. So nimmt Jochen Bendel bereits von Anfang an die Rolle des Camp-Kommentators ein, der alle Aktionen seiner Mitstreiter zusammenfasst und bewertet. Teilweise – und das ist wirklich neu – auch in Selbstgesprächen. Damit übernimmt er freiwillig die gleiche Funktion, die schon Ross Antony und zuletzt Olivia Jones ausfüllten. Nicht zu vergessen ist außerdem, dass das Team durch Auswahl und Schnitt der Bilder sowie durch die Moderationstexte solche bewährten Rollen bewusst konstruiert und festigt. Dazu kommt dann noch ein grundsätzlich begrenztes Repertoire an Dschungelprüfungen.

All das lässt die Entstehung von Überraschungsmomenten reduzieren. Die Stärke des Events lag aber gerade darin, unberechenbar zu sein. In einer Fernsehzeit, in der geschriebene und gescriptete Inhalte das Programm bestimmen, ist es gerade diese Unvorhersehbarkeit, welche die besondere Anziehungskraft des Dschungelcamps ausmacht. Dass Problem ist nur, dass jene Unvorhersehbarkeit der natürliche Feind des TV-Produzenten ist, denn sie birgt auch die Gefahr, dass mal nichts passiert. Vielleicht muss man das aber zuweilen riskieren und ertragen?

Um das abschließend klar zu stellen, die Sendung «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!» ist längst noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem sich Heinz Wäscher in «Kein Pardon» vor seiner Absetzung befand. Noch ist sie äußerst unterhaltsam und eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen TV-Landschaft. Erst recht, wenn man sich an die misslungene Kopie «Promi Big Brother» aus dem vergangenen Jahr erinnert. Die hier geäußerte Kritik trifft die Produktion damit auf einem sehr hohen Niveau. Über kurz oder lang werden sich die Macher allerdings der Herausforderung stellen müssen, einerseits die hohen Erwartungen der vergangenen Staffeln bedienen und andererseits eine Erneuerung des Konzepts erreichen zu können, ohne dabei die Vorzüge des Formats zu verwaschen. Das wird nicht einfach und ähnlich verzwickt werden wie bei «Wetten, dass..?». Je früher dies in Angriff genommen wird, umso besser. Niemand will schließlich eine Beziehung führen, die ausschließlich auf den schönen Erinnerungen der früheren, aufregenden Zeiten basiert.

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