Fernsehfriedhof

Der Fernsehfriedhof: Alles auf Rotlicht

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Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 266: Eine skandalträchtige Talkshow, in der ein bekannter Politiker als Puffgänger geoutet wurde.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir eines Beispiels dafür, dass man aufpassen muss, welche Geister man herbeiruft...

«Nachts!» wurde am 17. Januar 1994 bei RTL geboren und entstand zu einer Zeit, als der Sender versuchte, sein werktägliches Nachtprogramm aufzuwerten. Zwar hatte man rund zwei Jahre zuvor als erste deutsche TV-Station ein 24stündiges Angebot eingeführt, doch die neuen Plätze lediglich mit Wiederholungen bestückt. Nach dem Ende von «Gottschalk Late-Night» fiel man daher regelmäßig in ein inhaltliches und quotenmäßiges Loch. Also strebte der damalige RTL-Chef Helmut Thoma die Expansion des Hauptprogramms nach Mitternacht an. Schließlich ließ sich auch an den Randzeiten noch gutes Geld verdienen.

Kernstück dieses Plans war die Einführung des «Nachtjournals», das zugleich auch Bestandteil einer parallel durchgeführten Informationsoffensive des Kanals war. Als erster bot man damit zu später Zeit noch umfangreiche Nachrichten an. Kombiniert wurde es mit einer weiteren nächtlichen Sendung, die sich irgendwo zwischen Information und Unterhaltung bewegen sollte. Als Vorbild dienten dafür einerseits die nachmittäglichen, äußerst erfolgreichen Daily Talks von Hans Meiser und Ilona Christen und andererseits die traditionellen Radiostrecken, in denen die Moderatoren mit ihren Zuhörern sprachen. Die neue Reihe versuchte, diese beiden Genres damit zu verbinden, dass nicht nur jeweils eine prominente oder nichtprominente Person im Studio war, sondern sich Anrufer ebenfalls an den Diskussionen beteiligen konnten.

Anstatt dieses Konzept zu einer netten, kurzweiligen Show zum Ausklang des Tages zu gestalten, setzten die Macher auf bewusste Provokationen und Grenz- bzw. Geschmacksüberschreitungen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. So standen die Ausgaben unter Themen wie erotisierende Fettleibigkeit, selbstgedrehte Pornos, Voyeuerismus oder Sado-Masochismus. Über ein entsprechendes Niveau verfügten dann auch die Anrufer und deren Wortbeiträge.

Die Moderation übernahm mit Britta von Lojewski ein bis dahin noch recht unbekanntes Gesicht. Zuvor sammelte sie als Redakteurin beim NDR und als Ansagerin im RTL-Regionalfenster erste Fernseherfahrungen. An ihr lag es nun, nicht nur den Übergang vom einigermaßen seriösen «Nachtjournal» zu meistern, sondern auch die Unterhaltungen zwischen Studiogästen und Anrufern zu lenken sowie halbwegs einfühlsame Gespräche mit den Anrufern zu den brisanten Themen zu führen. Dass dieses Unterfangen innerhalb einer Laufzeit von 30 Minuten zum Scheitern verurteilt war, dürfte kaum überraschen. Die Journalistin Elzbieta Tittelbach bezeichnete die Produktion in der Berliner Zeitung deswegen als „eine der mißlungensten Sendungen derzeit im deutschen Fernsehen“.

Bis zu diesem Zeitpunkt bemühte sich die Redaktion zwar um Beachtung, konnte sie jedoch nur selten erlangen. Dies änderte sich schlagartig in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 1994 als die Puffmutter Tina aus dem Hunsrück zu Gast war. Sie berichtete nicht nur über den Alltag in ihrem Bordell, sondern auch davon, dass ranghohe Politiker zu ihren Kunden gehören würden. Angestachelt von der Chance endlich einen wahren Skandal aufdecken zu können, zeigte Lojewski ihr verschiedene Bilder von politischen Vertretern, damit sie den vermeintlichen Freier ähnlich wie bei einer Gegenüberstellung identifizieren konnte. Dadurch wurde nicht nur einem 64jährigen, verheirateten, katholischen FDP-Abgeordneten der regelmäßige Bordellbesuch live im Fernsehen vorgeworfen, sondern zusätzlich von ihm behauptet, dass er eine Vorliebe zum Analverkehr haben würde. Obwohl weder Tina noch von Lojewski in der Sendung den Namen des Betreffenden nannten, folgte das Medienecho schnell, denn nur kurz danach veröffentlichte die BILD-Zeitung die volle Identität des Beschuldigten.

Es entfachte sich eine breite öffentliche Diskussion über die Grenzen der Fernsehunterhaltung und die Schutzmöglichkeiten der Persönlichkeitsrechte von Politikern, die auch eine juristische Dimension erhielt. Immerhin war nicht nur die Prostituierte Tina an der öffentlichen Bekanntmachung Schuld, sondern auch von Lojewski, die mithilfe der Fotos den Betroffenen überhaupt erst ins Spiel gebracht hatte.

Die Kontroversen bescherten RTL zwar eine große Aufmerksamkeit, bissen sich jedoch mit dem angestrebten seriösen Image des Unternehmens, zu dem die genannte Informationsoffensive beitragen sollte. Kurz zuvor hatte man aus diesem Grund bereits die Sexfilme und Erotikmagazine aus dem Programm genommen. Da die Einschaltquoten darüber hinaus nur mäßig waren, trennten sich die Verantwortlichen von der Sendung nur zwei Tagen nach dem Vorfall. Die offizielle Begründung lautete, das Format würde "nicht dem Arbeitsstil von RTL“ entsprechen.

«Nachts!» wurde am 25. Februar 1994 beerdigt und erreichte ein Alter von 30 Folgen. Die Show hinterließ die Moderatorin Britta von Lojewski, die zunächst nur noch Engagements bei kleineren Anbietern wie tm3 oder dem WDR Fernsehen erhielt. Im Jahr 1997 wagte der Kanal Sat.1 dann mit der Abendspielshow «Junges Glück» ein Comeback, das jedoch wegen mangelnder Resonanz bereits nach zwei Ausgaben wieder eingestellt wurde. Trotz dieser Serie von Misserfolgen gelang von Lojewski nur wenige Monate später mit der VOX-Reihe «Kochduell» ein echter Hit, der sich sechseinhalb Jahre am täglichen Vorabend hielt. Außerdem nahm sie in der bisher einzigen Staffel von «Teufels Küche» als Kandidatin teil. Übrigens, die Puffmutter Tina dementierte später ihre Aussage, den FDP-Mann bedient zu haben.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann einer dreist kopierten Sitcom, die sich vom Hoffnungsträger zur Archivleiche wandelte.

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