360 Grad

Post an Wagner

von

Julian Miller wendet sich in einem offenen Brief an Franz Josef Wagner, den Kolumnisten von "Bild".

Wenn man herausfinden will, was die „Bild“ von ihren Lesern hält, muss man nur eine Kolumne lesen: Post von Wagner. Denn wenn man sich ansieht, was für einen Blödsinn dieser Mann dort so schreibt, fragt man sich nicht selten, ob er das wirklich ernst meint oder schon so tief im Boulevard und so weit weg von jeglichen journalistischen Grundsätzen ist, dass er sich selbst als schreibendes Nullmedium betrachtet, das nur noch in einer Parodie seiner selbst weiterleben kann und die einzige Aufgabe hat, das „Bild“-Bild der Durchschnittlichkeit zu repräsentieren.

Manchmal frage ich mich, welche Heitermacher er nimmt, wie in seiner Post an Usain Bolt ob folgender Textpassage: „Ich hoffe, dass der liebe Gott, die Gene, natürliche Hormone, Sie zu einem Helden gemacht haben. Einem Helden, der zum Mars rennt.“ Dabei weiß ich natürlich nicht einmal, ob Wagner überhaupt Heitermacher nimmt. Habe ich ja auch nie behauptet. Genauso wie Wagner nie behauptet hat, dass Usain Bolt sich dopt. „Ich hoffe, dass Sie nicht gedopt sind“, schreibt er nur.

Den lachsen Umgang mit dem Wort „Held“ kann man da noch als harmlos abtun. Typischer Boulevard, der aber immerhin niemandem schadet. Interessanter und irrer, wie man es bei der „Bild“ wohl ausdrücken würde, wird es, wenn er über komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge („Die Ratingagenturen sind negativ, der Mensch ist positiv“) oder über Wissenschaft schreibt („Ihr Wissenschaftler geht mir auf die Nerven mit euren Protonen, Neutronen.“) und dabei betont, dass er lieber mit seiner Liebsten auf dem Balkon grillt.

Denn da sieht man, wie die „Bild“ sich ihre Leser vorstellt. Nämlich als abgehalfterte Stammtischpolitiker, die unfähig zum komplexen Denken sind. Denen Weltpolitik am Arsch vorbeigeht. Die sich darüber mockieren, dass„das irre Amerika“ seine Waffengesetze nicht ändert, und das US-Verfassungsrecht, das dies in der von Wagner und Konsorten gewünschten Form unmöglich macht, geflissentlich als belanglos ignorieren, weil es nicht in das Weltbild der Dominanz der Einfachheit passt. Die in der Vorstellung leben, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn alle auf dem Balkon mit ihrer Liebsten grillen würden, und dass in der Verbreitung von Geschichten über die Tragödien anderer Leute, die man in einer entsetzlichen Geilheit quer durch sämtliche Schmierblätter beleuchtet, ein Lebenszweck wohnt.

Aber ich schreibe ihm das lieber einmal persönlich, in einem Duktus, den er vielleicht auch versteht. Also:

Lieber Herr Wagner,

Sie tun mir leid.

Sie tun mir leid mit Ihrer Abscheu vor Protonen und Neutronen. Sie tun mir leid, weil Sie die Wirtschaftskrise nicht verstehen. Sie tun mir leid, weil Sie aus beruflichen Gründen im (hoffentlich nur metaphorischen) Abfall anderer Leute wühlen müssen und dann genüsslich an Tom Cruise schreiben, dass sein Leben eigentlich dazu bestimmt war, „neben einer Mülltonne zu enden.“

Sie tun mir leid, weil Ihre einzige Aufgabe bei Ihrem Medium darin besteht, sich als die Stimme des kleinen Mannes auszugeben, den Sie für zu blöd zu allem halten und ihm deswegen wider jede Intelligenz und jeden Sinn für Logik endlose Stammtischparolen vorkauen, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Sie tun mir leid, weil Sie das sind, wovon sich seriöse Journalisten reflexartig distanzieren.

Herzlichst,

Ihr

Julian Miller

P.s.: Gehe jetzt auf den Balkon. Grillen und so. Zufrieden?

Mit 360 Grad schließt sich auch nächsten Freitag wieder der Kreis.

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