Die Kino-Kritiker

«One Night in Miami» – Eine Frau ehrt vier Männer

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Das Kammerspiel von Oscar-Preisträgerin Regina King spielt fast ausschließlich in einem Hotelzimmer. Lohnt sich das Einschalten?

Für ihre Rolle in «If Beale Street Could Talk» bekam Regina King 2019 den Oscar in der Kategorie ‚Beste Nebendarstellerin‘. Diesen Karriereschub nutzt die Kalifornierin jedoch nicht, um zukünftige Rollengagen in die Höhe zu treiben, sondern ihre Karriere als Regisseurin voranzutreiben. Zwar hat sie schon etliche TV-Produktionen inszeniert, aber mit «One Night in Miami» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Kemp Powers liefert King nun ihren Kinofilm ab, der 2020 auf mehrere Filmfestivals lief, unter anderem in Toronto und Zürich.

Aber weil Kino momentan abgeschafft wurde, kriegen wir den Film ab sofort exklusiv bei Amazon Prime zu sehen. Mit «One Night in Miami» werden vier berühmte Afroamerikaner aus den Sechzigerjahren gehuldigt, die ihren Einfluss nutzten, damit das Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs vom 17. Mai 1954 zur Aufhebung der Rassentrennung in den USA konsequent umgesetzt werden würde. Muhammed Ali (1942-2016), Sam Cooke (1931-1964) Malcolm X (1925-1965) und Jim Brown (84) trafen sich in der Nacht zum 25. Februar 1964 in einem Motel, um zu diskutieren, welche Rollen sie im Kampf um die Gleichberechtigung in ihrem Land einnehmen sollten. Tatsächlich waren die vier Superstars miteinander befreundet, aber so wie in dem Theaterstück und Film geschildert, hat es ein solches Treffen jedoch nicht gegeben.

Cassius Clay wird zu Mohammed Ali
Cassius Clay (Eli Goree) gewinnt am Abend des 25. Februar 1964 überraschenderweise den Boxkampf gegen Sonny Liston und wird in Florida als neuer Weltmeister im Schwergewicht ausgerufen. Anstatt ausgelassen zu feiern, hält er jedoch sein Versprechen, vier Freunde in einem Motel zu treffen. Soul-Sänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.), Football-Legende Jim Brown (Aldis Hodge) und Bürgerrechtler Malcolm X (Kingsley Ben-Adir) haben es wie er weit gebracht – und das obwohl sie in einem Land leben, in dem sie tagtäglich mit Anfeindungen zu tun haben, die auf ihre Hautfarbe zielen.

Brown erinnert sich, wie er erst kürzlich seinem Nachbarn (Beau Bridges) in seiner Heimatstadt in Georgia seine Hilfe beim Möbelverschieben anbot und wie selbstverständlich zu hören bekam, dass Schwarze doch nicht in das Haus eines Weißen eintreten dürften. Cooke hingegen wird von den anderen kritisiert, dass er seine Songs oft ausschließlich vor weißen Gästen in vornehmen Nachtclubs schmettert. Es ist vor allem Malcolm X, der Anführer der ‚Nation of Islam‘, der die anderen drei immer wieder ermahnt, sich aktiv für die große Sache einzusetzen. Es wird diskutiert und gestritten. Clay ist ein besonders aufmerksamer Zuhörer und bekennt sich kurz darauf ebenfalls zur ‚Nation of Islam‘ und wird sich fortan nur noch Muhammed Ali nennen.



Die filmische Umsetzung eines Theaterstücks
Gleich zu Beginn konfrontiert uns Regina King mit dem Rassismus, der Anfang der Sechziger besonders im Süden der USA herrschte. Wenn Aldis Hodge als Jim Brown die herrschaftliche Terrasse seines von Beau Bridges («Die fabelhaften Baker Boys») gespielten weißen Nachbarn Mr. Charlton in Georgia betritt, fühlt sich das wie eine Szene aus «Vom Winde verweht» an. Hier herrscht noch das alte Denken. Schwarze Mitbürger werden wegen ihrer sportlichen und künstlerischen Verdienste zwar gelobt, aber dennoch bleiben sie Menschen zweiter Klasse, und für Mr. Charlton wird das auch immer so bleiben. Damit wird sofort klar, gegen welche reaktionären Kräfte die vier Männer später in dem kargen Zimmer des Motels antreten wollen und welchen Kampf sie damit aufnehmen würden. Der Anfang einer zunehmenden Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern, die viele Todesopfer forderte. Nicht nur der eher aggressive Aktivist Malcolm X wurde ermordet, sondern auch der ebenfalls engagierte Friedensstifter Martin Luther King (1929-1968).

Der Film lebt vor allem von den lebendigen Dialogen, die die Dringlichkeit zum Tragen bringen, und den vier grandios spielenden Darstellern Eli Goree («Zeit für Legenden»), Leslie Odom Jr. («Mord im Orient-Express»), Aldis Hodge («Der Unsichtbare») und Kingsley Ben-Adir («Noelle»), die alle noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Dass die Kulisse eines Zimmers nicht besonders spektakulär ist und damit hin und wieder schon mal der Eindruck eines abgefilmten Theaterstückes entsteht, ist wenig störend. Denn hier geht es um ganz essentielle Fragen. Zwar konnte in den letzten 45 Jahren einiges bewegt werden, aber latenter Rassismus beherrscht bis heute nicht nur die USA, sondern die ganze Welt.

Fazit: Der Film spielt fast nur in einem Motel und bietet damit nur wenig Schauwerte. Doch die Gespräche sind so emotional und elementar, dass man bis zum Schluss gebannt zuhört.

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