Die Kritiker

«The Wrong Missy»: Rollentausch, bitte sehr!

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Die von Adam Sandlers Label Happy Madison produzierte Netflix-Komödie «The Wrong Missy» nimmt eine typische Adam-Sandler-Filmprämisse – und verdreht die Geschlechterrollen.

Filmfacts «The Wrong Missy»

  • Regie: Tyler Spindel
  • Produktion: Kevin Grady, Allen Covert, Judit Maull
  • Drehbuch: Chris Pappas & Kevin Barnett
  • Cast: David Spade, Lauren Lapkus, Nick Swardson, Geoff Pierson, Jackie Sandler, Sarah Chalke, Rob Schneider, Chris Witaske, Joe "Roman Reigns" Anoai, Molly Sims
  • Musik: Mateo Messina
  • Kamera: Theo van de Sande
  • Schnitt: Brian Robinson, J.J. Titone
  • Laufzeit: 90 Minuten
Es ist eine typische Formel für Adam-Sandler-Vehikel: Er spielt einen kindgebliebenen Quälgeist, der dauernd Streiche oder verrückte Konzepte oder ähnliches im Kopf hat, und sein Umfeld mit harschen Impulsen, grellen Scherzen und markanten Macken irritiert. Als er eine ruhigere, vernünftigere Frau kennenlernt, ist sie zunächst von ihm abgeschreckt. Doch nach gemeinsamer Zeit an einem wunderschönen Ort lernen sie sich besser kennen – und sie lernt, seine Ticks, Eigenheiten und ungewöhnliche Positionen lieben. Auch, weil sie eine verletzlichere und/oder produktivere Seite an ihm entdeckt. Er derweil bleibt weitestgehend unverändert.

Das funktioniert manchmal, wurde andere Male aufgrund einer zu grellen Performance Sandlers mit Vollgas an die Wand gefahren und wurde als Formel von ihm, seinen befreundeten Kollegen (wie Rob Schneider oder Kevin James) sowie von Mitbewerbern zweifelsohne platt getreten. Die neuste Sandler-Produktion, die für den Streamingdienst Netflix entsteht, nimmt diese Formel aus der Schublade, vertauscht schlicht die Hauptrollen und konfrontiert das Streamingpublikum somit mit der Frage: Was, wenn der zentrale Quälgeist nicht ein von Adam Sandler gespielter, wenig sozialkonformer Kindskopf von einem Mann ist – sondern Lauren Lapkus, die sich nicht einer Jennifer Aniston oder Drew Barrymore an den Hals wirft, sondern einem anfangs enorm irritierten David Spade?

Die Geschichte von «The Wrong Missy» beginnt, als Tim Morris (David Spade) ein Blind-Date aus der Hölle hat: Noch bevor er sich zusammen mit Melissa alias Missy (Lauren Lapkus) überhaupt im Restaurant an den Tisch gesetzt hat, provoziert sie einen Streit mit anderen Restaurantbesuchern, beschimpft ihn und prasselt mit unangenehmen Fragen auf ihn ein. Sobald sie erst einmal sitzen, macht sie zudem einen furchteinflößenden Kommentar nach dem anderen. Tim kennt daher nur eines: Den Fluchtgedanken.

Recht bald darauf lernt Tim zufällig eine andere Frau namens Melissa (Molly Sims) kennen, mit der er sich bestens versteht – weshalb er beschließt, sie mit auf einen Firmenausflug nach Hawaii einzuladen. Als er im Flugzeug auf seine Traumfrau wartet, kommt dann eine Überraschung, die sich gewaschen hat: Nicht Model-Melissa gesellt sich neben ihn, sondern die durchgeknallte Blind-Date-Melissa – denn Tim hat die Urlaubseinladung an die falsche Missy getextet …

Ganz gleich, wie sehr es die Intention der Filmschaffenden gewesen sein mag: Es verleiht der häufig genutzten Formel "Seltsamer Typ kräht sich in das Herz einer normalen Frau" unweigerlich einen anderen Anstrich, wenn die Rollen vertauscht sind. Zeitweise wirkt «The Wrong Missy» daher wie ein Happy-Madison-Eigenkommentar, in dem das romantisierte, fragwürdige Verhalten vieler früherer Protagonisten dieser Produktionsfirma nun zwecks Karma-Ausgleich von einer Protagonistin ausgeübt werden darf. Dieser (Interpretations-)Ansatz einer Selbstdekonstruktion steht einzelnen Kapiteln dieser derben, vulgären Komödie sogar fast schon ins Gesicht geschrieben, etwa, wenn Regisseur Tyler Spindel eine Szene mit typischem Romantikkomödienpathos beginnt, nur um durch einen Umschnitt und eine Neupositionierung der Kamera zu zeigen, dass dieses als ach-so-wichtig inszenierte Treiben in Realität keine Seele interessieren würde.

Solche Elemente sind in «The Wrong Missy» jedoch rar gesät, so dass sich der Film, wenn überhaupt, nur als halbseidener Eigenkommentar der Happy-Madison-Truppe positionieren lässt. Dessen ungeachtet ist er als Filmrollentausch-Fallstudie durchaus interessant – und im Happy-Madison-Kanon unweigerlich erfrischend, einfach, weil es solch eine Konstellation bisher nicht gab. Der frische Wind bleibt angesichts der vielen weiteren, üblichen Elemente solch einer Komödie eher eine kleine Brise, aber Lauren Lapkus' extrem engagierte Performance in der Titelrolle holt dennoch viel aus dem Stoff heraus. Sie ist als Nervensäge glaubhaft und dennoch als Film-Hauptfigur in aller Galligkeit und sozialer Ungelenktheit ein kurzweiliges Energiebündel.

Spade ist darüber hinaus unerwartet gefällig und pointiert in seiner Darstellung eines genügsamen Schluffis, während «Scrubs»-Star Sarah Chalke als dem Protagonisten weiterhin wohlgesonnene Ex zwar eine am Reißbrett entworfene Rolle spielen muss, sie aber in den Comedy-Szenen gekonnt ausfüllt. Die zumeist uninspiriert-routinierte Regieführung Spindels und der oftmals träge Schnitt von Brian Robinson und J.J. Titone, durch den sich einige Sketcheinlagen totlaufen, halten «The Wrong Missy» dagegen unnötig zurück.

Unterm Strich bleibt somit (paradoxerweise) ein konventionentreues Kuriosum in der Happy-Madison-Filmografie, das an einigen typischen Problemen krankt, aber allein schon aus erzählanalytischer Neugier einen vagen Blick wert sein dürfte.

«The Wrong Missy» ist auf Netflix abrufbar.

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