Serientäter

Neuer Fantasy-Hit? «Carnival Row» zeigt seine Flügel, hebt aber (noch) nicht ab

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«Carnival Row» startet bei Prime Video mit toller Optik und einer neuen, originellen Welt. Weil die Serie aber zu sehr «Game of Thrones» sein will, fehlt ihr an manchen Stellen die Stringenz.

Facts zu «Carnival Row»

  • Genre: Urbane Fantasy, Neo-noir-Crime, Politik-Thriller
  • Schöpfer: René Echevarria & Travis Beacham
  • Vorlage: «A Killing on Carnival Row» (Filmdrehbuch) von Travis Beacham
  • Darsteller: Orlando Bloom, Cara Delevingne, David Gyasi, Karla Crome, Indira Varma, Tamzin Merchant u.w.
  • Komponist: Nathan Barr
  • Episodenzahl: 8 (1 Staffel)
  • Episodenlaufzeit: 50-67 Minuten
  • Studios: Siesta Productions, Legendary Television & Amazon Studios
  • Weltpremiere: 30. August 2019
Schon seit Jahren fahnden Kreative und Anbieter von Fernsehserien nach Fantasy-Stoffen, die als Antwort auf den wahnsinnigen Erfolg von «Game of Thrones» gesehen werden können. Nicht erst seitdem „das Lied von Eis und Feuer“ in der Serienlandschaft eine Lücke hinterlassen hat, sehnen sich auch Serienfans immer öfter nach fantastischen Stoffen. Bei Netflix hießen diese etwa «Disenchantment» oder nun «Der dunkle Kristall». Bald wird der US-Dienst außerdem die „Chroniken von Narnia“-Buchreihe als Serie wieder aufleben lassen. Prime Video – vor dem Start von Apple TV Plus, Disney+ oder HBO Max nach wie vor größter Netflix-Widersacher – bestellte vor längerer Zeit bereits seinerseits eine Serienversion von «Der Herr der Ringe», legte am 30. August aber bereits mit «Carnival Row» vor.

Acht Teile umfasst die Serie, die von René Echevarria und Travis Beacham kreiert wurde und Elemente urbaner Fantasy, Neo-Noir-Vibes und auch gesellschaftspolitische Themen einfließen lässt. Dieser Tage wirken solche Formate aufgrund der Nachfrage nach Fantasy-Stoffen zeitgemäß, doch ursprünglich unterzeichnete Amazon schon im Januar 2015 einen Produktionsdeal für das Format, das auf einem Filmdrehbuch Beachams passiert, welches nie als Film umgesetzt wurde. Besonders ein Name hinter den Kulissen sorgte damals für Aufsehen: «Pan's Labyrinth»-Regisseur Guillermo del Toro. Der Oscar-Preisträger («The Shape of Water») plante einst, am Drehbuch mitzuschreiben, zu produzieren und Regie zu führen, letztlich zerschlugen sich die Pläne aber doch.

Morde & gesellschaftliche Spannungen


Durch die Verzögerung des Projekts, wirkt der Startzeitpunkt nach dem Ende von «Game of Thrones» nun fast noch günstiger und große Namen gibt es schließlich auch vor der Kamera. Dort spielen Orlando Bloom («Fluch der Karibik»), Cara Delevingne («Valerian»), Tamzin Merchant («Stolz & Vorurteil») oder Jared Harris («Sherlock Holmes – Spiel im Schatten») auf. Im Mittelpunkt der Serie stehen ein Ermittler (Bloom) und eine Fee (Delevingne), die eine alte Affäre in einer viktorianischen Fantasy-Welt neu aufleben lassen. Eine Reihe grausamer Mordfälle zerstört den ohnehin trügerischer Frieden in der Stadt. Bloom-Figur und Kriegsveteran Philo geht den Morden inmitten einer Gesellschaft auf den Grund, die gespalten ist zwischen Menschen und mythischen Kreaturen. Die Fae, ein Feenvolk, flohen aus ihrem von Krieg zerstörten Heimatland. Doch in der Stadt sorgt das Zusammenleben zwischen Menschen und den Immigranten für starke Spannungen.



In vielerlei Hinsicht sind «Carnival Row» und «Game of Thrones» inhaltlich deckungsgleich. Zuschauer haben es mit einem politisch geprägten High-Concept-Drama mit großem Ensemble zu tun, das von royalen Intrigen und mythischen Kreaturen handelt. Im Gegensatz zur Westeros-Serie besitzt «Carnival Row» aber gerade so viele Anleihen an unsere echte Welt, dass davon auszugehen ist, dass die Serie eine tiefere Botschaft vermitteln will. Doch gerade am Anfang haben es Zuschauer schwer, in die Geschichte reinzufinden. Wollen sich Beobachter der TV-Industrie gerade darüber freuen, dass mit «Carnival Row» endlich mal wieder ein origineller Stoff umgesetzt wurde, der eigens für einen Film bzw. eine Serie geschrieben wurde, schlägt dies gerade im Rahmen der ersten zwei Episoden eher negativ zu Buche.

«Carnival Row» fehlt der klare Fokus


Facts zu «Carnival Row»

  • Ursprünglich sollte Guillermo del Toro die Serie umsetzen
  • Die Produktion der ersten Staffel endete schon am 14. März 2018
  • Viele Namen in der Serie spielen auf Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" an
  • Ehe entschieden wurde, das Projekt als Serie umzusetzen, führten viele Studios einen Bieterkrieg um das Drehbuch, den Legendary Studios letztlich gewann
  • Die Heimat der Feen im Format heißt Tirnanoc - in der keltischen Mythologie ist Tir na n'Og ein magisches Land ewiger Jugend
Das überlieferte Wissen über diese fantastische Welt ist rar und insbesondere deutsche Zuschauer, die die Serie vorerst im Originalton ansehen müssen, sollten lieber ganz genau hinhören und -schauen, um die Geschehnisse im Format in größere Zusammenhänge stellen zu können. Die Serie spielt in einer Zeit, nach der die menschlichen Reiche die Heimat der mythischen Fae entdeckt haben, das die Menschen in einer Mischung aus Gier und Imperialismus nun dem Erdboden gleich machen. Dieser Umstand zwingt das Feenvolk Seite an Seite mit den Menschen zu leben, zu denen sie geflüchtet sind – im Falle von «Carnival Row» im Reich der Burgue, wo das niedere Volk im Dreck haust, während der Adel in prunkvollen Bauten auf den Pöbel herabschaut.

Sowohl eine Rassenthematik wohnt «Carnival Row» inne als auch eine Erörterung der Dynamiken zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten bei den Burgue. Mithilfe der Politiker des Reichs versucht «Carnival Row» in langen Debatten World-Building zu betreiben, um dem Zuschauer so ein besseres Gefühl für die Fantasy-Welt zu vermitteln. Die Notwendigkeit, dieses Vorwissen dem Zuschauer irgendwie mit auf den Weg zu geben, ist jedoch gleichzeitig Gift für die sonst eigentlich recht flotte und düstere Erzählung.



Mit hohen Ansprüchen an sich selbst breitet die Serie ihre Feenflügel aus, kommt aber zunächst nicht so richtig vom Boden weg. Das liegt auch daran, dass das Format sehr schnell ganz unterschiedliche Geschichten erzählt: Einen Krimi um eine Reihe mysteriöser Morde in viktorianischem Setting, einen Polit-Thriller mit Parallelen zu nachhallend aktuellen Debatten wie der Flüchtlingskrise und eine Liebesgeschichte zwischen der Fee Vignette und dem Menschen Philo, der ein vergnüglicher Fantasy-Trash-Faktor innewohnt, mit dem das Format auch ein wenig Leichtigkeit im ansonsten düsteren Setting versprüht. Alleine es dabei zu belassen hätte schon eine Herkules-Aufgabe für die Serie bedeutet. Weil «Carnival Row» dann aber auch noch in Windeseile zahlreiche dünn geschriebene Figuren und Nebenstränge einführt, fällt es Zuschauern sehr schwer, dafür auch noch Interesse zu entwickeln.

Prime-Video-Serie eifert «Game of Thrones» zu stark nach


«Carnival Row» ist auf keinen Fall ein Fehlschlag, aber aus kritisch-analytischer Sicht vorerst auch kein Serienhit. Ein tolles Produktionsdesign, edle Kostüme und ein insgesamt starker Cast haben viele Zuschauer innerhalb kurzer Zeit schon überzeugt, gleichwohl Cara Delevingne aufgrund ihres limitierten Spiels nicht wirklich glänzen kann. Auf einschlägigen Portalen erhält «Carnival Row» bereits jetzt sehr positive Bewertungen, während Rezensionen sehr gemischt ausfallen. Neben den Problemen, die mit einer neuen Welt und hohem Erzähltempo einhergehen, könnte man der Show ankreiden, dass sie zu sehr wie «Game of Thrones» sein will.

Diese Beobachtung lässt sich auf die hohe Anzahl kleiner Geschichten und Figuren zurückführen, aber auch am scheinbar unbedingten Willen des Formats, eine sexy Serie zu sein. Gerade die Liebesgeschichte zwischen den Charakteren von Orlando Bloom und Cara Delevingne, die ihrerseits durch die vielen Nebenkriegsschauplätze häufig zu Randfiguren degradiert werden, untergräbt den Anspruch von «Carnival Row» ein ums andere Mal, obwohl die Serie mit ihren Bezügen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen scheinbar mehr aussagen möchte als das sehr auf seine eigene Welt bezogene «Game of Thrones». Die ausufernden Liebesszenen und viele nackte Körper unterstreichen bei «Carnival Row» aber nicht eine auf Urinstinkte heruntergekochte Erzählung, sondern konterkarieren eher ein Gesamtwerk, das hohe inhaltliche Ansprüche an sich selbst hegt.

Weil die Einführung in die Dynamiken dieser fantastischen Welt so viel Zeit in Anspruch nehmen, wirkt Staffel eins von «Carnival Row» eigentlich wie ein achtstündiger Pilot, dem eine Liebesgeschichte und ein Mordfall beigemischt wurden, um Zuschauer beim Aufbau dieser neuen Welt bei der Stange zu halten. Eine zweite Staffel des dennoch sehr positiv angenommenen «Carnival Row» wurde bereits bestätigt, was zu begrüßen ist. Schon jetzt hat die Serie definitiv ihr Publikum gefunden und wenn der Abspann der letzten Folge aus Staffel eins läuft, fühlt es sich an, als würde man die Autoren sagen hören: „So, nun können wir anfangen die eigentliche Geschichte zu erzählen.“

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