Die Kino-Kritiker

«Der goldene Handschuh» - Der Skandalfilm der Berlinale

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Mit «Der goldene Handschuh» hat Fatih Akin den skandalumwitterten Roman von Heinz Strunk verfilmt unter großem Aufschrei auf der Berlinale veröffentlicht. Der Skandal ist hausgemacht.

Filmfacts: «Der goldene Handschuh»

  • Start: 21. Februar 2019
  • Genre: Thriller/Drama
  • Laufzeit: 115 Min.
  • FSK: 18
  • Kamera: Rainer Klausmann
  • Buch & Regie: Fatih Akin
  • Darsteller: Jonas Dassler, Marc Hosemann, Katja Studt, Margarete Tiesel, Martina Eitner-Acheampong, Tristan Göbel
  • OT: Der goldene Handschuh (De 2019)
Fatih Akin («Aus dem Nichts») muss derzeit so Einiges über sich ergehen lassen. Nachdem sein neuer Film «Der goldene Handschuh» eine erwartungsgemäß höchst kontrovers aufgenommene Premiere auf der diesjährigen Berlinale feierte, in deren Anschluss die Meinungen über das Serienkillerporträt von Begeisterung bis Abscheu reichten, muss sich der gebürtige Hamburger jetzt auch noch mit der bemüht reißerischen Berichterstattung herumschlagen, die ein Zitat von der Pressekonferenz auslöste. „Frauen sollen den Film am besten gar nicht gucken!“ heißt es darin 1:1 im Wortlaut, woraus die (Boulevard-)Presse schon mal ein „dürfen“ machte, oder den Kontext dieses durchaus streitbaren Ausrufs am besten gleich werbewirksam hinter einer Paywall versteckte. Ein Sturm der Entrüstung ging durchs Netz – dabei hatte Akin mit seiner Aussage nur betont, wie widerwärtig er in «Der goldene Handschuh» die Gewalt an Frauen inszeniert hat, um vor allem Männern vor Augen zu führen, dass daran nichts ästhetisch oder gar romantisierend sein kann. Die Warnung an die Frauen hatte also in etwa die Bedeutung einer ausgesprochenen Vorsichtsmaßnahme – ganz so, als würde man einen Veganer darauf hinweisen, eine betont drastische Dokumentation über Schweinemast besser nicht anzusehen.

Kurzum: Natürlich dürfen sich Frauen «Der goldene Handschuh» anschauen, sollten aber, wie jeder Teil des Publikums, einen starken Magen haben. Denn Akin setzt bei der Adaption von Heinz Strunks Milieuroman auf eine möglichst unangenehme (und vom Gewaltgrad her gar nicht unbedingt drastische) Inszenierung, die dafür sorgt, dass man Serienmörder Fritz Honka, anders als bisweilen Ted Bundy oder Charles Manson, anschließend ganz sicher nicht abkulten wird.

Hamburg in den Siebzigerjahren


Auf den ersten Blick ist Fritz „Fiete“ Honka (Jonas Dassler) ein bemitleidenswerter Verlierertyp. Seine Nächte durchzecht der Mann mit dem kaputten Gesicht und den schiefen Zähnen in der Kiezkaschemme „Zum Goldenen Handschuh“, wo er in guter Gesellschaft allerlei skurriler Charaktertypen ist. Doch genau hier beginnt er auch, ahnungslosen Frauen nachzustellen. Keiner der Stammgäste ahnt, dass der scheinbar harmlose Fiete in Wahrheit ein Monster ist, das seine Opfer zunächst vergewaltigt, anschließend bestialisch ermordet und schließlich zerstückelt, um sie hinter einer kleinen Tür in seiner Küche zu verstauen. Damit kein Geruch nach draußen dringt, verhängt er die Wohnung notdürftig mit Duftbäumen…

Für eine Beschreibung von «Der goldene Handschuh» liegt es nahe, mit der aller ersten Szene anzufangen. In vielen frühen Pressekritiken war zu lesen, dass man hier bereits Zeuge einer brutalen Gewalttat werden würde, bei der Newcomer Jonas Dassler («Das schweigende Klassenzimmer») in der Rolle von Fritz Honka blutig und explizit eine Frau zersägt. In gewisser Weise tut er das auch – zumindest sehen wir ihn bei den Vorbereitungen und hören anschließend, wie er seinem Opfer mit seiner Säge den Kopf abtrennt. Sehen tun wir dagegen nichts – und daran wird sich in den kommenden zwei Stunden auch (fast) nichts ändern. «Der goldene Handschuh» kreiert seinen hohen Schockfaktor in erster Linie aus dem, was man nicht sieht. Im Zusammenspiel mit dem verranzten Reeperbahnmilieu der Siebzigerjahre (inklusive seiner zahllosen skurrilen Gestalten) und vorwiegend spielend in Fritz Honkas versiffter und dreckiger Bude (man meint, die Mischung aus Verwesungsgestank, fehlender Frischluft und Essensgerüchen regelrecht selbst zu riechen), ist das von Akin hier kreierte Umfeld viel unangenehmer anzuschauen, als Detailaufnahmen von den zweifelsohne ultrabrutal angedeuteten Gewalttaten.

Zwar sieht man Honka Frauen verprügeln, genauso wie es mehrere Szenen gibt, in denen er versucht, seine Opfer zu vergewaltigen. Doch Akins Stammkameramann Rainer Klausmann («Tschick») hält immer einen respektvollen Abstand zum Geschehen, filmt bisweilen lieber nur das Opfer und deren Reaktionen, um sich nie am Gesamtbild des die Frauen erniedrigenden Honka zu ergötzen. Und wenn dieser in einer Szene direkt mit mehreren Flaschen auf das Gesicht der phänomenal-hingebungsvoll von «Stromberg»-Star Martina Eitner-Acheampong verkörperten Frida eindrischt, erspart sich der Film den anschließenden Umschnitt auf die zermalmte Visage einfach komplett.

Nicht so brutal, vielmehr ekelig


Anders als im Buch, in dem sich Heinz Strunk auch ausführlich mit Honkas Kindheits- und Jugendjahren befasst, steigt der hier auch für das Skript verantwortliche Fatih Akin direkt in sein Mörderdasein ein. Das ist ein durchaus cleverer Schachzug; schließlich ist es auch im Falle von Honka wieder einmal das (zumindest in der Fiktion) längst zum Klischee verkommene Motiv der traurigen Kindheit, das ihn zu dem werden ließ, als was er am Ende in die Geschichte einging. Mit der ausschließlichen Reduktion auf Honkas Gräueltaten entsagt sich Akin jedweder Möglichkeiten der Erklärung, Rechtfertigung oder gar Entschuldigung – und trotzdem greift er nach rund eineinhalb Stunden Laufzeit böse daneben, als er Honkas Alkoholkonsum in einer mit plumper Spannungsmusik untermalten Szene zum Ursprung allen Übels macht. Zuvor wurde man als Zuschauer noch Zeuge einer kurzen Läuterung, hätte gar so etwas mit Mitgefühl empfinden können, als sich Honka versucht, ein neues Leben ohne Alkohol aufzubauen, eh man schließlich doch wieder vor den Kopf gestoßen wird, weil er das Morden aus niederen Beweggründen (zu denen unter anderem reiner Frauenhass gehörte) einfach nicht lassen kann.

Fritz Honka als klar und rational denkender Mensch und eben nicht als degenerierter Psychopath – es hätte die Ausmaße seines Handelns noch einmal verstärkt. So aber macht Fatih Akin (unbewusst?) den Alkohol zum Auslöser – und präsentiert damit einen Grund für Honkas Handeln, der letztlich noch weitaus platter ist, als das eben angeführte Klischee von der zerrütteten Familie.

Über das alles erhaben sind die Darsteller. Während die von Tristan Göbel («Tschick») gespielte Figur des Willi im Roman eine deutlich gewichtigere Rolle einnimmt und hier ein wenig unbeholfen als Erklärbär für Nicht-Hamburger zu fungieren scheint, spielt sich vor allem Jonas Dassler als mit abscheulicher Killerfratze ausgestatteter Honka über alle Maße uneitel in eine ganz neue Liga und schreckt selbst in den Momenten niederster Brutalität nicht vor vollem Körpereinsatz zurück. Auf der Gegenseite besticht neben Eitner-Acheampong vor allem Margarete Tiesel («Die Migrantigen»), die für die Darstellung von Honkas erstem Opfer Gerda Voss jedwede Hemmungen aufgibt, um absolut glaubhaft für seine Gewaltausbrüche herzuhalten. Die Frauen agieren hier derart authentisch, dass es mit fortlaufender Spielzeit immer schwieriger wird, dem Leinwandgeschehen zuzusehen. Man möchte gerade im letzten Drittel gar von einer gewissen Redundanz sprechen, wenn sich Honka einfach nur ein weiteres Mal an einer Frau vergeht (anders als man es beispielsweise aus vielen Horrorfilmen kennt, ändert sich die Inszenierung der Morde kaum, stattdessen geht es einfach nur darum, den immer gleichen Ablauf auf möglichst unästhetische Weise zu zeigen).

Gleichzeitig verstärkt sich dadurch aber auch nochmal die Betonung des absolut Ungenießbaren – irgendwann macht Akin die hier dargestellte Gewalt unkonsumierbar und trifft damit den Nagel auf den Kopf. «Der goldene Handschuh» wird zu einem Film, den man nicht nochmal sehen will. Vermutlich ist das der einzige Weg, um sich angemessen mit der Geschichte eines im wahren Leben existierenden Menschen, wie Fritz Honka einer war, auseinanderzusetzen.

Fazit


Fatih Akins «Der goldene Handschuh» löst in erster Linie den Wunsch aus, den Film nicht noch ein weiteres Mal zu sehen. Damit hat der Hamburger Regisseur für sein Serienkillerporträt die richtige Intention gefunden. Trotzdem greift Akin einmal böse daneben, wenn er mit dem Alkohol plötzlich einen Auslöser für Fritz Honkas Taten zu präsentieren scheint – das sorgt dann auch noch auf anderer Ebene für ein sehr mulmiges Gefühl in der Magengegend.

«Der goldene Handschuh» ist ab dem 21. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

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