Die Kritiker

«Tatort – Der höllische Heinz»

von

Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln im ersten «Tatort» des Jahres und sorgen für mörderische Unterhaltung.

Cast und Crew

  • Regie: Dustin Loose
  • Drehbuch: Murmel Clausen, Andreas Pflüger
  • Darsteller: Nora Tschirner, Christian Ulmen, Peter Kurth, Marie-Lou Sellem, Lina Wendel, Christoph Letkowski, Thorsten Merten, Martin Baden, Arndt Schwering-Sohnrey, Hans-Uwe Bauer, Oliver Marlo
  • Kamera: Clemens Baumeister
  • Schnitt: Daniela Hoelzgen
  • Musik: Dürbeck & Dohmen
Streit in einer Westernstadt. Es wird gezetert, es wird gedroht. Fackeln werden geschwungen, ein Mann wird geschnappt. Die wütende Bevölkerung legt ein Seil um seinen Hals und knüpft den Mann auf. Er kann sie aber gerade noch beschwichtigen. Der wütende Mob zieht weiter. "Halt!", rufen nun manche in Gedanken. "Ist das hier wirklich der «Tatort» aus Weimar?" Ja, das ist er: «Tatort – Der höllische Heinz» spielt zu großen Teilen in einer Westernstadt nahe Weimar. In El Doroda können tagsüber Interessierte nach "Gold" graben, einen Saloon besuchen, Leuten beim Westernreiten zuschauen oder sich Nachstellungen von Schießduellen zu Gemüte führen. Und wenn kein Publikum da ist? Dann bleibt El Doroda im nicht-so-ganz-authentischen Western-Modus: In der Westernstadt leben und arbeiten Aussteiger und Wild-West-Begeisterte, die in ihren Rollen mal mehr, mal weniger aufblühen.

Als der Darsteller des Häuptlings Einsamer Wolf tot aus der Ilm gefischt wird, fühlt sich Ermittlerpaar Kira Dorn & Lessing auf den Plan gerufen. Der Häuptlingsdarsteller mit bürgerlichem Namen Wolfgang Weber wurde an einen Motorblock gebunden und ertränkt. Kurz darauf wacht El-Doroda-Geschäftsführer Heinz Knapps mit einem Longhorn-Kopf in seinem Bett auf. Wie Knapps der Polizei verrät, wollte Weber den Pächtern der Westernstadt kündigen. War dies vielleicht der Tatgrund? Während Lessing sich mit der eiskalten Tiefbauunternehmerin Ellen Kircher befasst, geht Dorn undercover und verdingt sich in El Doroda als Cowgirl, wo sie nicht nur herausfindet, dass eine Rockerbande mit dem Westerndorf auf Kriegsfuß steht, sondern obendrein massivst von Dorfbewohner Tom angegraben wird …

Die Stammautoren der «Tatort»-Reihe aus Weimar, Murmel Clausen und Andreas Pflüger, haben sich wieder einen originellen Kniff einfallen lassen, um ihre humorige Krimireihe frisch zu halten. Ganz so ulkig wie in den scherzhaftesten Fällen von Lessing & Dorn geht es dieses Mal nicht zu, dennoch kneift dieser Western-«Tatort» nahezu durchweg mit dem Auge: Selbst, wenn es nicht lustig zugeht, so bleibt es immerhin amüsant. Diesen Spaßanteil treibt vor allem Nora Tschirner nach oben, die Kira Dorn mit unverblümter, ansteckender Freude spielt: Die Ermittlerin genießt es förmlich, das taffe Cowgirl spielen zu können, und so, wie sich Kira durch ihre Undercover-Rolle grinst, hat auch Tschirner großen Gefallen daran, den Krimialltag mittels Wild-West-Floskeln und Kostümierung zu durchbrechen.

Gezielte, süffisant-ironische Blödeleien gibt es in diesem Fall aber selbstredend noch immer. Wie Dorn mittels Haarspange ein Türschloss knackt, könnte glatt aus einer Blödelparodie des kultigen Trios Zucker, Abrahams und Zucker stammen, und schnippische Sprüche wie "Ich lege mich fest: Er ist seit zwei bis 48 Stunden tot" unterstreichen nochmal: Der Weimar-«Tatort» enthält stets zumindest Spurenelemente der Persiflage. Der Fall ist dennoch spannend, da das Autoren-Duo mehrere ähnlich plausible Verdächtige kreiert, und darüber hinaus halten sie sich damit zurück, all zu viele Western-Gags einzubauen. Das Dorf ist ein ungewöhnlicher Schauplatz mit einer gewissen Grund-Kauzigkeit, wird aber nicht als Sprungbrett für ein Pointen-Feuerwerk genutzt. Was manche «Tatort»-Fans vielleicht als vertane Chance sehen werden, dient gleichwohl der Erdung der Erzählung.

Dass Regisseur Dustin Loose die Kulissen den Löwenanteil stemmen lässt, statt sich bildsprachlich besonders auf den Western-Stil einzulassen, ist derweil bedauerlich: Von ein paar Augen-Supernahaufnahmen und Zooms abgesehen, verharrt dieser «Tatort» in einer alltäglichen Krimi-Bildsprache mit gräulich verschleierten Nachtszenen.

Dafür machen Christoph Letkowski als spitzer Cowboy, Lina Wendel als kränkliche Saloon-Chefin, Hans-Uwe Bauer als belesener Goldwäscher, Marie-Lou Sellem als garstige, nach eigenen Aussagen keinerlei Spaß verstehende, sehr wohl aber verbale Spitzen verteilende Geschäftsfrau und Martin Baden als Waschlappen in Rockerkluft ihre Sache allesamt sehr gut: So amüsiert, dass es der Absurdität des Ganzen in die Karten spielt, und gleichzeitig ernsthaft genug, dass der Krimi-Plot nicht zum Witz verkommt. Bonus: Christian Ulmen scherzt sich mit sichtbarem Genuss durch eine Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Hommage. Und als weiteren Bonus darf in diesem «Tatort» Nora Tschirner endlich mal wieder ihre Singstimme auspacken – und fertig ist der Neujahrsspaß.

«Tatort – Der höllische Heinz» ist am 1. Januar 2019 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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