Die Kritiker

«Nichts zu verlieren»

von

Zwei Gangster überfallen eine Reisegruppe, die voller Trauer ist. Regisseur Wolfgang Murnberger zeigt die Folgen dessen …

Cast und Crew

  • Regie: Wolfgang Murnberger
  • Drehbuch: Ruth Toma, Wolfgang Murnberger
  • Darsteller: Georg Friedrich, Lisa Wagner, Christopher Schärf, Emily Cox, Susanne Wolff, Johanna Gastdorf, Bernhard Schütz, Marcel Mohab, Aurel Manthei, Michael Grimm, Stefan Merki
  • Kamera: Peter von Haller
  • Schnitt: Bettina Mazakarini
  • Musik: Alexander Maschke, Dominik Giesriegl
  • Produktionsfirma: Royal Pony Film, Lieblingsfilm
Es gibt Dinge, die könnten sich keine Filmschaffenden einfach so ausdenken. Es braucht da schon reale Vorbilder. Die Idee einer 'Trauerreise' dürfte dazu zählen. Dabei handelt es sich um Reisen exklusiv für Leute, die einen Angehörigen verloren haben und bei ihrem Tapetenwechsel weder allein sein wollen, noch allein unter "normalen" Reisenden, die gerade keinen Verlust zu verdauen haben. Diese Reisegruppen werden von Psychologen oder geschulten Trauerbegleitern betreut und neben gemeinsamen Unternehmungen stehen Trauergespräche auf dem Programm. Das Ziel dieser Reisen ist es, den Trauernden zu Ablenkung zu verhelfen und ihnen letztlich den Weg zurück ins Leben zu zeigen.

Laut «Nichts zu verlieren»-Produzentin Caroline Daube stieß sie beim Zeitungslesen über dieses Konzept, woraufhin sie mit Autorin Ruth Toma eine fiktive Story über das Thema erarbeitet hat. Diese verfolgt ein knackiges Konzept: Was, wenn solch eine Trauerreisegruppe mit zwei Panzerknackern kollidiert? Unter der Regie von Wolfgang Murnberger («Brüder I – III») nahm dieses Konzept letztlich die Gestalt eines atypischen öffentlich-rechtlichen Fernsehfilms an: Melancholisch und dennoch gewitzt, einfühlsam und trotzdem frei von Gefühlsduselei.

Das gelingt durch viele, kleine Kniffe. So stellen sich die Reisenden auf eine Art und Weise vor, die zunächst unheilvoll klingt. "Harry, sieben Monate", heißt es beispielsweise, so, als blieben dem Herren nur noch sieben Monate bis zum Tod durch eine schwere Krankheit. Jedoch meint er die Zeit, die seit einem schweren Verlust vergangen ist. Das ist ebenso dramatisch wie rührend – aber eine Prise Komik lässt sich nicht verleugnen, wenn eine ganze Gruppe lethargischer Menschen, die selbst kerngesund sind, so betrübt über einen zurückliegenden Tod im engsten Kreis sprechen, als sei es der eigene, der noch bevorsteht.

Die bemutternd-seelige Geduld, mit der Trauertherapeutin Irma (Lisa Wagner) die Klagen und das Abschotten der Reiseteilnehmer aufnimmt, ist ebenfalls ambivalent: Wagner spielt es mit einer sympathischen, berührenden Empathie – und doch lädt diese Besonnenheit in ihrer geballten Unerschütterlichkeit zum Schmunzeln ein. Insbesondere, wenn sie dem Verbrecherduo genauso entgegentritt wie ihren Trauernden: Tom (Christopher Schärf), der sich rasch in eine der Reisenden verliebt (Emily Cox), und sein (nicht nur) körperlich verletzter Halbbruder Richy (Georg Friedrich).

Der markante Schmäh und die nörgelige Redseligkeit Friedrichs verpassen der Trauerbewältigungs-Dramedy einen ganz eigenen Dreh. Es ist so, als würde Friedrich eine konventionelle Produktion zu diesem Thema genauso kidnappen, wie Richy den Reisebus an sich reißt. Dass sich nach und nach das Blatt wendet, also Richy und Irma über ihre Sorgen reden, während einige der Reisenden durch den Tumult abgelenkt wieder ihre Fähigkeit zur Freude wiederfinden, ist wenig überraschend – wird von Murnberger aber auch erfreulicherweise überhaupt nicht dramatisiert.

Er zeigt den schleichenden Prozess mit einer inszenatorischen Ruhe und Selbstverständlichkeit, durch die das Schauspiel und die Dialoge, und somit die Figurenentwicklung in den Vordergrund treten – und nicht das Handlungskonstrukt. Das wird gewieft durch einen Subplot um einen dritten Ganoven aufgelockert, das dem Halbbrüder-Duo hinterherjagt. Schade nur, dass die schwerfällig-traurige Filmmusik, selbst wenn sie nur spärlich eingesetzt wird, diese smarte, einfühlsame Dramedy zuweilen erdrückt.

«Nichts zu verlieren» ist am 29. August 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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