Die Kino-Kritiker

«Meg»: Weder «Der weiße Hai» noch «Sharknado»

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Der Film mit dem Riesenhai ist leider auch der Film fast ohne Persönlichkeit: «Meg» schafft es, einen Kampf zwischen Urzeit-Monsterhai und Jason Statham uninteressant zu machen.

Filmfacts: «Meg»

  • Regie: Jon Turteltaub
  • Produktion: Lorenzo di Bonaventura, Colin Wilson, Belle Avery
  • Drehbuch: Dean Georgaris, Jon Hoeber, Erich Hoeber; basierend auf dem Roman von Steve Alten
  • Darsteller: Jason Statham, Li Bingbing, Rainn Wilson, Ruby Rose, Winston Chao, Cliff Curtis
  • Musik: Harry Gregson-Williams
  • Kamera: Tom Stern
  • Schnitt: Steven Kemper
  • Laufzeit: 113 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Der Riesenhai-Film «Meg», die neuste Regiearbeit des «Das Vermächtnis der Tempelritter»-Machers Jon Turteltaub, genoss in den vergangenen Monaten eine wahre Welle des Vorabhypes. Zahlreiche Webseiten, die sich das Thema Film zum Schwerpunkt genommen haben und es aus einer nerdigen oder geekigen Perspektive behandeln, haben die Adaption des gleichnamigen Steve-Alten-Romans zu ihrem am heißesten erwarteten Projekt des Sommers auserkoren. Warum auch nicht? Das Genre des Haigrauens hat nach Jahren an TV- und Direct-to-DVD-Produktionen endlich wieder einen aufwändigen Kinoeintrag verdient. Die Vorstellung, Jason «Crank» Statham gegen einen Riesenhai kämpfen zu sehen, ist überaus verführerisch. Und das Marketingteam hinter «Meg» hat mit den süffisanten Trailern und Postern gute Arbeit geleistet.

Leider hat sich all diese Vorfreude nicht wirklich gelohnt: Regiechamäleon Jon Turteltaub, der solche Actionabenteuer wie «Das Vermächtnis des geheimen Buches» ebenso beherrscht wie Psychothriller («Instinkt»), Komödien («Cool Runnings», «Last Vegas») oder RomComs («Während du schliefst …»), hat mit «Meg» bedauerlicherweise seine generischste Arbeit abgeliefert. Der Hai-Thriller platziert sich nämlich geradewegs in einem flachwässrigen, tonalen Niemandsland. Dabei ist der Grundplot solch ein starkes Sprungbrett für Genregenuss …

Die von Jack Morris (Rainn Wilson) mitfinanzierte und von Dr. Minway Zhang (Winston Chao) geleitete Unterwasser-Forschungsstation "Mana One" steht vor einem historischen Durchbruch: Eine Forschungsgruppe dieser Station begibt sich in bislang unentdeckte Unterwassergebiete. Jedoch kommt es bei der ersten Untersuchungsmission zu einem Unglück: Das hochmoderne U-Boot bleibt hängen. Dr. Zhangs eigensinnige Tochter Suyin (Li Bingbing) macht sich auf, ihre Kollegen zu retten, was den Meeresbiologen allerdings nur weiter in Sorge bringt. Daher ruft er den aufgrund eines Jahre zurückliegenden Vorfalls in Ungnade gefallenen U-Boot-Experten Jonas Taylor (Jason Statham) zu sich. Dieser ahnt nicht, dass das nahende Wiedersehen mit seiner Ex-Frau Celeste (Jessica McNamee) noch zu den angenehmeren Dingen an dieser Mission gehören wird. Denn durch den Tauchgang in zuvor vom Menschen unberührte Unterwassergefilde hat das Team der "Mana One" ein prähistorisches Ungeheuer auf die Idee gebracht, sein Jagdgebiet massiv zu vergrößern: Ein Megalodon treibt nun sein Unwesen, ein etwa 23 Meter großer Hai …

Es mag nicht immer das produktivste Vorgehen in der Filmkritik zu sein, auf Teufel komm raus jeden neuen Vertreter eines Genres mit seinen bekanntesten Vorgängern zu vergleichen, aber im Subkosmos des Haifilms ist es wohl nahezu unvermeidlich: Über jedem neuen Film über gefräßige Haie, die Menschen in Gefahr bringen, schweben (oder schwimmen?) Steven Spielbergs Suspense-Klassiker «Der weiße Hai» und alternativ die trashigen 'Sharkploitation'-Filme mit ihrer unsinnigen Logik – mittlerweile bestens repräsentiert durch die «Sharknado»-Saga.

Und um es kurz zu machen: Obwohl sich Jon Turteltaub in einem 'The Hollywood Reporter'-Profil als riesiger «Der weiße Hai»-Fan bezeichnet hat und angab, sich bei «The Meg» das Ziel gesetzt zu haben, den "zweitbesten Haifilm aller Zeiten zu drehen", ist «The Meg» bei weitem kein «Der weiße Hai» geworden. Dafür macht Turteltaub mit seiner Spannungsspitzen kleinschleifenden Inszenierung die Bedrohung durch den Riesenhai nicht spürbar genug (Zerstörungskraft allein macht keinen Thrill aus, man muss sich vor ihr fürchten!), und die Figurenskizzierung ist ebenfalls zu dünn, als dass man sich groß um die Figurentruppe sorgen würde.

Darüber hinaus manövriert das Skript von Dean Georgaris, Jon Hoeber und Erich Hoeber die Heldentruppe, die auch Page Kennedy, Ruby Rose («xXx – Die Rückkehr des Xander Cage») und Cliff Curtis umfasst, zu oft aus der Gefahrenzone heraus. Wenn Meg etwa eine massiv überbevölkerte Badebucht heimsucht, ist niemand aus dem Hauptcast zugegen, so dass diese Szenen nicht der Spannung dienen – und um die Blutlust der Gorehounds im Publikum zu bedienen, ist «Meg» zu zahm.

Bliebe das andere Extrem des Haifilms. Schon die «Sharknado»-Reihe hat zuweilen das Problem, das unklar ist, was sie eigentlich ist. Dumm hingerotzte, schlechte Filme, die von Leuten gemacht wurden, die sich dachten: "Hey, es gibt Leute, die mögen so etwas, lasst uns das ausnutzen!" Passionierter Unsinn, der so schlecht ist, dass er wieder gut ist? Persiflagen mieser Filme? Eine sonderbare Mischung aus all dem und vielem mehr? Was die «Sharknado»-Filme aber mal mehr, mal weniger raus reißt: Sie sind wenigstens viel! Sie klatschen so viel an Ideen, Schwachsinn und Ironie an die Wand, dass zwangsweise was kleben bleiben muss. Obwohl «Meg» mit einem gigantischen Hai aufwartet, trifft dieses "so viel, etwas muss kleben bleiben" nicht auf die 150-Millionen-Dollar-Produktion zu.

Eine kleine Handvoll selbstironischer Augenblicke macht deutlich, dass sich die Filmschaffenden dessen bewusst sind, welche Art Film sie machen und dass sie damit kokettieren wollen. Allerdings bleiben spritzige Klischeeübertreibungen und verquere Konventionsbrüche aus, so dass sich «Meg» nicht in aller Ausführlichkeit als augenzwinkernde Haifilm-Hommage oder gar als Parodie genießen lässt. Aus dem unaufgeregten Skript zieht auch das Handwerk nichts: Zu oft lässt Cutter Steven Kemper eine konventionelle Szene ausplätschern, um eine Pointe aus ihr zu ziehen, und ebenso wenig kommt Kameramann Tom Stern dazu, seine recht gelackten Bilder durch Irrwitz aufzupeppen – komödiantisch eskalierende Motive wie auf den Postern sind dafür einfach zu rar. Ebenso wenig ist «Meg» aber ein Film, der sich einfach mit Anlauf und Genuss in seinen Klischees wälzt, um eine pure Klischeeparade abzuliefern. Es ist also weder das «Planet Terror» des Haifilms noch das «The Expendables».

Was «Meg» aber hat, ist der britische, kernige Charmebolzen Jason Statham, der es mit stoischem Blick und sehr, sehr dezent verschmitztem Grinsen schafft, als Mime genau den Balanceakt zu meistern, an dem Turteltaub als Regisseur sowie das Autorentrio scheitern. Statham lächelt sich kokett genug durch die "dramatischen" Charaktermomente, um zu unterstreichen, dass er weiß, welch flache Gewässer er gerade durchkreuzt. Und diese Herangehensweise hellt die trüb-funktionalen Passagen, in denen die Figuren vermeintlich Profil erhalten sollen, ein Stück weit auf.

Gleichwohl verkauft Statham mit seinem strengen Blick und seinem rauen Timbre auch immer wieder den angeblichen Ernst der Lage. Es liegt also nicht an ihm, wenn die oft einfallslosen Haiattacken-Setpieces trotz solider Hai-Animationen genauso schnell vergessen wie geschehen sind. Und Jason Statham eine «Findet Nemo»-Referenz singen zu hören, ist auch ein Genuss. Abgesehen davon ist dieser Monsterhai leider eher eine filmische Kaulquappe. Und kommt uns nicht mit Anmerkungen, dieser Vergleich würde biologisch hinken – als würde das den Film interessieren?!

Fazit: «Meg» ist handwerklich solide, aber völlig charakterlos inszeniert und holt inhaltlich aus seinem markanten Grundkonzept nichts heraus – weder parodistisch, noch auf alberne Weise.

«Meg» ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen – in 3D und 2D.

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