Wochenquotencheck

Sommerliche Doku-Offensive: Rentner und Extremismus punkten, lange Dokufilme sind Ladenhüter

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Die Temperaturen sind hoch, die Talkshows befinden sich in der Sommerpause - für ARD und ZDF die rechte Zeit, um am späten Abend verstärkt auf Dokus und Reportagen zu setzen. Doch wie wird die sommerliche Doku-Offensive eigentlich vom Publikum angenommen? Wir haben uns dieser Frage einmal angenommen.

Formate der kommenden Woche (ARD & ZDF)

  • Mo, 21:45h: «Exclusiv im Ersten: Mit Vollgas in den Verkehrskollaps»
  • Mo, 22:45h: «Die Story im Ersten: Welt ohne Geld»
  • Mo, 23:30h: «Legal, sicher, christlich» (Fluchthilfe im Namen des Papstes) (ARD)
  • Di, 22:15h: «37 Grad: Im Ruhestand am Nordseestrand»
  • Di-Do: «Mit 80 Jahren um die Welt» (Di 22:45h, Mi 23:15h, Do 23h)
  • Mi, 22:15h: «auslandsjournal»
  • Mi, 22:45h: «ZDFzoom» (Thema noch nicht bekannt)
  • Mi, 22:45h: «The King - Elvis und der amerikanische Traum» (ARD)
  • Do, 22:15h: «Inselträume: Die Ostfriesischen Inseln»
Doku-Aufgebot der beiden öffentlich-rechtlichen Hauptsender im Zeitfenster zwischen 21:45 Uhr und 0 Uhr.
Aktuell wird wieder verstärkt gesellschaftspolitisch über die Frage debattiert, was eigentlich der Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein soll. Sollten ARD und ZDF vornehmlich als Lückenfüller fungieren, die das deutsche Fernsehen in den Segmenten bereichern, die von den privaten Akteuren kaum bespielt werden oder haben auch leichte Unterhaltungsformate, Sportübertragungen und Telenovelas ihre Existenzberechtigung? Weitgehend unstrittig ist die Notwendigkeit von Dokumentationen und Reportagen, die aktuell vor allem am späteren Abend bei den beiden Hauptprogrammen so präsent wie sonst nur selten sind - vornehmlich aus dem Grund, dass die Polit- und Gesellschaftstalks allesamt in der Sommerpause sind. Doch mit welchen Inhalten lassen sich eigentlich gute Einschaltquoten erzielen, welche senden an den Bedürfnissen des Massenpublikums vorbei?

Das schlagzeilenträchtigste Format dieser Tage ist die Rentner-Abenteuerdoku «Mit 80 Jahren um die Welt», von der das Zweite Deutsche Fernsehen gleich sechs Folgen produziert hat und die zur Hälfte bereits ausgestrahlt wurden. Während es am Dienstag noch so aussah, als müsse der Sender damit einen bitteren Flop hinnehmen, steigerten sich die Werte bis Donnerstag kontinuierlich: Zunächst wurden gerade einmal 8,6 Prozent bei 1,42 Millionen verzeichnet, am Mittwoch standen schon deutlich bessere 10,1 Prozent auf dem Papier und am Donnerstag wurden mit 11,2 Prozent bei 1,66 Millionen sogar nochmal neue Bestwerte verzeichnet. Bei den 14- bis 49-Jährigen sah es ähnlich aus: Zunächst standen gerade einmal 4,6 Prozent bei 0,24 Millionen auf dem Papier, bis Donnerstag hatte sich die Sendung auf schöne 7,5 Prozent bei 0,37 Millionen gesteigert. In Mainz dürfte man nun gespannt auf die Werte der zweiten Staffelhälfte warten.

Ohnehin läuft es nicht schlecht für die Doku-Bestrebungen des Mainzer Senders, denn auch die regelmäßigen Formate des Senders konnten im Juli zumindest auch einige Achtungserfolge feiern: Das dienstagabendliche «37 Grad» etwa beim jungen Publikum mit seiner Auseinandersetzung mit dem Thema Angststörungen, die hier auf starke 7,5 Prozent gelangte, während insgesamt akzeptable 2,10 Millionen auf dem Papier standen. Die Doku über Samuel Koch allerdings enttäuschte mit nur 9,3 und 4,7 Prozent bei nicht einmal 2,10 Millionen. «ZDFzoom» hatte mit seiner Folge zur NSU das seltene Privileg, direkt im Anschluss an eine WM-Übertragung an den Start gehen zu dürfen und begeisterte entsprechend mit 18,6 und 19,6 Prozent bei 2,66 Millionen Fernsehenden, die Folge zum Stress im Nahverkehr schlug sich zwei Wochen später mit 10,3 und 7,9 Prozent ebenfalls nicht schlecht. Und das Thema «Zeitungen in Not» floppte zwar insgesamt mit nur 1,29 Millionen sowie 7,8 Prozent, überzeugte aber immerhin 7,0 Prozent der Jüngeren. Sehr solide am späteren Mittwochabend war überdies das «auslandsjournal» mit knapp zwölf Prozent bei rund 2,4 Millionen Zuschauern unterwegs.

Ganz hübsch lesen sich ferner auch die Ergebnisse der ersten beiden von drei «Inselträume»-Reportagen im Zweiten, die jeweils am Donnerstag auf dem sonstigen «Maybrit Illner»-Slot zu sehen waren: Die Kykladen lockten zunächst 2,49 Millionen Menschen an, was beachtlichen 13,0 Prozent aller bzw. 6,0 Prozent des jungen Publikums entsprach, bevor sich Island eine Woche später bei den 14- bis 49-Jährigen stabil hielt, während es insgesamt doch deutlich bergab auf nur noch mittelprächtige 10,9 Prozent bei 2,15 Millionen ging. Die großen Totalausfälle hatte das ZDF aber am späteren Abend nicht zu beklagen.

Das sah im Ersten Deutschen Fernsehen dann doch deutlich anders aus, was in erster Linie damit zusammenhängt, dass der Sender am Mittwoch gegen 22:45 Uhr auf längere Dokufilme setzte. Das funktionierte schon bei «Heer, Stahl und Sturm» nicht, obgleich die miesen 4,3 und 2,6 Prozent bei 0,75 Millionen an diesem Abend für den sehenswerten Film über die drei Zschäpe-Anwälte nicht zuletzt auch auf die Tatsache zurückführbar waren, dass parallel dazu das ZDF auf ein WM-Halbfinale bauen konnte. Die desolaten 3,6 und 1,7 Prozent bei nur 0,48 Millionen für «Rabbi Wolff» hingen jedoch ohne Frage damit zusammen, dass schlichtweg kaum ein Interesse am Leben und Wirken des Rabbiners vorhanden war. Einzig «Sklavinnen des IS» lief dazwischen mit 6,1 Prozent zumindest bei den Jüngeren einigermaßen ordentlich, insgesamt allerdings gingen 0,86 Millionen auch nur mit wenig erfreulichen 6,2 Prozent einher.

Mutig zudem: Am 17. Juli bestückte der Sender seinen "SommerKino"-Sendeplatz am späten Dienstag nicht etwa mit einer leichten Mainstream-Komödie, sondern mit der über zweistündigen Biografie «Mandela - Der lange Weg zur Freiheit», die erstmals im Free-TV ausgestrahlt wurde. Belohnt wurde der Sender allerdings auch dafür nicht, denn gerade einmal 0,54 Millionen Menschen sahen die US-Produktion mit Idris Elba in der Hauptrolle - schlechte 4,9 Prozent aller bzw. 3,4 Prozent der jüngeren Konsumenten waren die Folge. Mit anderen Worten: Kein einziger der Filme mit mindestens 90 Minuten Länge erreichte (zumindest beim Gesamtpublikum) auch nur annähernd den Senderschnitt. Mit der Langstrecke ist also ganz offensichtlich kaum ein Blumentopf zu gewinnen.

Die kürzeren Formate liefen hingegen wie gewohnt am Montag, vornehmlich nach dem jeweiligen "SommerKino"-Film sowie den «Tagesthemen». Von den hier gezeigten Sendungen wussten «Europas dreckige Ernte» mit 9,8 Prozent aller und 6,3 Prozent der jungen Konsumenten bei 1,83 Millionen sowie «Das verrohte Land» mit zwar mauen 8,4 Prozent insgesamt, aber starken 7,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen einigermaßen zu überzeugen, «Der Pflegeaufstand» wurde dazwischen allerdings mit nur 6,0 und 4,3 Prozent bei kaum mehr als einer Million Fernsehenden ziemlich böse sitzen gelassen. Zu sehr später Stunde lief dann auch «Geheimnisvolle Orte» mit nur rund sechs bzw. viereinhalb Prozent ziemlich schwach, das sehr prominent bereits um 21:45 Uhr (und damit vor den «Tagesthemen») platzierte «Fake Science» über bedenkliche Veröffentlichungsstrategien vermeintlicher Wissenschaftsverlage enttäuschte zudem mit nur 7,9 und 5,4 Prozent bei etwas weniger als zwei Millionen Zuschauern.

Fasst man diese Ergebnisse zusammen, lassen sich einige klare Tendenzen benennen: Das ZDF fährt am späteren Abend mit seinen Dokus und Reportagen in diesen Wochen alles in allem klar stärker als Das Erste, das keinen einzigen wirklich großen Quotenerfolg auf seiner Seite weiß. Thematisch punkten vor allem etwas leichtere Stoffe wie Abenteuerreisen und «Inselträume», die auf die Reiselust des Publikums abzielen - oder eben sehr deftige Inhalte rund um islamistischen und rechtsextremen Terror oder die generelle Verrohung der Gesellschaft, die insbesondere das etwas jüngere Publikum ansprechen. Weniger gefragt scheinen hingegen Projekte, die eine oder wenige Personen porträtieren sowie generell längere Filme - die aber aufgrund der späten Ausstrahlungszeit auch deshalb für viele potenzielle Interessenten auch deshalb problematisch anmuten, weil sie meist bis nach Mitternacht ausgestrahlt werden. Zugleich sind die oftmals meilenweit unterdurchschnittlichen Einschaltquoten für diese Formate aber auch alles andere als ein Plädoyer für frühere Ausstrahlungszeiten - womit man wieder bei der Frage angelangt wäre, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk eigentlich leisten und inwiefern er mainstreamorientiert agieren sollte.

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