Die Kino-Kritiker

Der Beginn einer amerikanischen Tradition: «The First Purge»

von   |  1 Kommentar

In dem Horrorfilm-Prequel «The First Purge» erfahren wir, wie es zur aller ersten Säuberung kam und wie aus einem einmaligen Experiment eine jährliche Tradition wurde.

Filmfacts: «The First Purge»

  • Start: 5. Juli 2018
  • Genre: Horror/Action/Thriller
  • Laufzeit: 97
  • FSK: 16
  • Kamera: Anastas N. Michos
  • Musik: Kevin Lax
  • Buch: James DeMonaco
  • Regie: Gerard McMurray
  • Darsteller: Y'lan Noel, Lex Scott Davis, Joivan Wade, Marisa Tomei, Rotimi Paul, Kristen Solis
  • OT: The First Purge (USA 2018)
In einem Interview verriet Horrorfilmproduzent Jason Blum («Get Out», «Conjuring») kürzlich, dass ihn die Resonanz auf das «The Purge»-Franchise nicht bloß freue, sondern auch zutiefst beunruhige. Die Reihe erzählt davon, dass einmal im Jahr alle Verbrechen für zwölf Stunden legal sind. Die US-Amerikaner haben dadurch die Gelegenheit, all ihre angestaute Wut in Form von Mord, Totschlag und anderen Gewalttaten zu entladen. Das, so erhoffen es sich die dieses Experiment ins Leben gerufenen Politiker, soll dazu dienen, Verbrechen jeglicher Art für den Rest des Jahres einzudämmen und ganz nebenbei "Probleme" wie Einwanderer und die dem Staat auf der Tasche liegende Unterschicht zu bekämpfen. Die ersten drei Filme haben bereits veranschaulicht, dass dieser Plan – zumindest in der Fiktion des Drehbuchautoren James DeMonaco – aufgeht.

Doch was in den Augen der meisten Zuschauer einfach nur eine erschreckende Dystopievorstellung ist, wird in den USA zunehmend begrüßt. Blum erhalte viel Feedback von Leuten, die sich selbst als potenzielle „Säuberer“ beschreiben. Und tatsächlich sind wir von einer derartigen Idee zwar (noch) weit entfernt, aber in gewissen Aspekten hat die Realität die Fiktion bereits eingeholt. Der Wahlspruch für Donald Trumps Wiederwahlkampagne lautet in Anlehnung an seinen Slogan „Make America Great Again“ etwa „Keep America Great“ – es ist die Tagline des dritten «The Purge»-Films und ob das nun Zufall oder Absicht ist, mögen wir an dieser Stelle nicht zu beurteilen.

Einmal im Nacht sind alle Verbrechen legal...


Die USA in einer nicht allzu fernen Zukunft: Um die Verbrechensrate für den Rest des Jahres unter ein Prozent zu drücken, setzen die „Neuen Gründungsväter Amerikas“ eine gewagte soziologische Theorie in die Tat um: Für eine einzige Nacht bleiben alle Gewalttaten straffrei. Damit soll der frustrierten Bevölkerung ein Ventil für ihre angestauten Aggressionen geboten werden. Doch was zunächst als recht harmloses Experiment im New Yorker Stadtteil Staten Island beginnt, gerät außer Kontrolle und breitet sich schon bald wie ein Lauffeuer über die ganze Nation aus, als der unterdrückten Bevölkerung bewusst wird, dass die Regierung sich nicht an die Regeln der gesetzlosen Nacht hält.

Überhaupt ist das Prequel «The First Purge» mehr denn je ein politischer Film. «The Purge: Election Year» erschien passend zu Thematik und Titel 2016, als sich Donald Trump und Hillary Clinton einen der absurdesten Wahlkämpfe aller Zeiten lieferten. Mittlerweile befindet sich die Trump-Regierung im zweiten Jahr und es wird einfach immer schwieriger, noch adäquate Möglichkeiten zu finden, die Absurdität der Realität angemessen zu kommentieren. Regisseur Gerard McMurray («Burning Sands») gelingt das in den Hochphasen von «The First Purge» ganz simpel, indem er den vor allem Teil drei innewohnenden, satirischen Gaga-Part auf ein Minimum zurückfährt und stattdessen immer wieder beiläufig betont, dass sich die Handlung seines Films beunruhigend oft mit den Zuständen in der Realität überkreuzt. Da ist von „Fake News“ die Rede, es gibt einen „Pussy Grabbing Motherfucker“ (einer der Purger versteckt sich, mit einer Baby-Maske bestückt, in einem Gully und zieht Frauen an den Beinen zu sich heran, um ihnen anschließend zwischen die Beine zu fassen) und die Rhetorik des Anführers der „Neuen Gründungsväter Amerikas“ erinnert bemerkenswert oft an die des aktuellen US-Präsidenten.

Schade ist lediglich, dass der Regisseur McMurray und Autor James DeMonaco diese grundlegenden Stärken ihres Films erst in der zweiten Hälfte so richtig ausspielen und sich in der ersten Hälfte – ähnlich in Teil eins – vor allem mit einer Geschichte auseinandersetzen, die die Umstände der Purge nicht bräuchte, um zu funktionieren. Da geht es nämlich vor allem um die Auseinandersetzung verfeindeter Gangs, die vermutlich auch dann eskalieren würde, wenn es die Säuberungsnacht nicht gäbe.

Trotz neuer Ansätze nicht der beste Teil, der Reihe


Nachdem die ersten drei «The Purge»-Filme vor allem aus der Sicht von zu Unrecht zu Opfern der Säuberung gewordenen Weißen erzählten, rückt in «The First Purge» nun ein ganz entscheidendes Detail in den Fokus. DeMonaco erzählt diesmal ausschließlich (und nicht nur am Rande) aus der Perspektive jener Menschen, die sich den Schutz vor Angreifern schlicht nicht leisten könnten und damit erst recht ins Visier der Regierung geraten dürften. Das sind in diesem Fall die Bewohner eines schäbigen Hochhauses mitten in einem Ghetto von Staten Island – allesamt entweder schwarz oder Latinos. Sie wissen darum, dass die Politiker es vor allem auf sie abgesehen haben und liegen dabei, erst recht im Hinblick auf die aktuellen Umstände des Weltgeschehens, erschreckend richtig. Nie wurde deutlicher ausgesprochen, dass es bei einer Säuberung vor allem darum gehen soll, die lästigen Armen loszuwerden und sich von dem Abschaum der Gesellschaft zu befreien. Dass diejenigen, die sich das Morden leisten können, dadurch auch direkt all ihren Frust loswerden können, ist nicht mehr als ein positiver Nebeneffekt.



Die Ängste der leider allesamt lediglich schemenhaft charakterisierten Hauptfiguren fängt Gerard McMurray glaubhaft ein. Schade ist allerdings, dass er sich vorwiegend Mühe gibt, die karikaturesk gezeichneten Irren besonders in den Fokus zu rücken. Der wahnsinnige Skeletor (Rotimi Paul), der binnen einer Nacht zum außer Rand und Band geratenen Massenmörder mutiert, erweist sich zwar durchaus als Szenendieb, der die Szenerie auf blutige Art und Weise aufpeppt, doch stellvertretend für die Ängste und Nöte der Purge-Opfer steht er nicht. Letztere gibt es zwar ebenfalls zuhauf, doch anstatt sich individuell mit ihnen auseinanderzusetzen, bleiben sie bis zum Schluss eine einzige große Masse.

Die Fokussierung auf die Armen sowie diverse pechschwarzhumorige Querverweise in Richtung aktueller politischer Ereignisse, die aufgrund der wahnwitzigen Vorlagen alles andere als subtil ausfallen (und das auch nicht müssen respektive können), entspricht dem Zeitgeist. Dass «The First Purge» ein Film sein wird, der sich schon in einem Jahr ganz anders anfühlen könnte, kann man durchaus miteinkalkulieren. Zum jetzigen Zeitpunkt funktioniert er in seiner anti-satirischen Treffsicherheit gut und wird auch gen Ende hin immer besser. Löst sich DeMonaco von den Gang-Scharmützeln und konzentriert sich verstärkt auf die Abläufe hinter den Kulissen, indem er der Regierung sowie der Forscherin Dr. Updale (solide: Marisa Tomei) über die Schulter blickt, bekommt die erste Purge schließlich eine völlig neue Dimension, die die Gefahren hinter „Fake News“ und Co. noch einmal ganz speziell veranschaulicht. Denn wenn Nachrichten nicht so sind, wie sie einem in die Karten spielen, muss man eben selbst dafür sorgen, dass sie so sind, wie man möchte. Trotzdem bleibt der Film auch in diesem Punkt hinter dem zurück, was möglich wäre. Zwar wird immer wieder betont, dass dem Experiment ausgiebige Forschungen vorausgehen, genaue Einzelheiten erfährt man hierzu allerdings nicht.

Auf audiovisueller Ebene bietet «The First Purge» das, was auch schon die letzten beiden Filme geboten haben. Vor allem bei dem Design der Masken und Verkleidungen haben sich die Macher wieder ordentlich Mühe gegeben – mit einer ganzen Horde an Ku-Klux-Klan-Anhängern auf einem riesigen Truck als beklemmendem, eben alles andere als fiktionalem Höhepunkt. Im grellen Neonlicht und zum Teil in Superzeitlupe werden hier blutig Kehlen durchgeschnitten oder zielgenaue Kopfschüsse verabreicht. Die FSK-Freigabe ab 16 hat sich damit auch der vierte Film der «Purge»-Reihe einmal mehr verdient. Dass der Horror-Actioner, der sich diesmal vor allem nach Letzterem anfühlt, bei all der abartigen Gewalt immer auch noch faszinierend anzusehen ist, könnte die Intention der Macher letztlich nicht treffender zusammenfassen.

Fazit


«The First Purge» führt die qualitative Bergauf-Tendenz der Reihe nicht fort, ist aber auch nicht der schlechteste Teil des Franchises. James DeMonaco und Regisseur Gerard McMurray lassen viel Potenzial liegen, sind in ihren bösen Querverweisen in Richtung Trump und Co. allerdings erschreckend treffsicher.

«The First Purge» ist ab dem 5. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
tommy.sträubchen
05.07.2018 06:24 Uhr 1
Der Film ist mit Keine Jugendfreigabe abgesegnet wurden nicht ab 16 war aber kurzfristig....

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