Die Kino-Kritiker

«Brautalarm»

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Nicht nur Kerle können sich daneben benehmen: Zeigte «Hangover» männlichen Trubel rund um einen Junggesellenabschied, bieten die Damen in «Brautalarm» die verrücktesten Hochzeitsvorbereitungen Hollywoods.

Während «Hangover 2» an den weltweiten Kinokassen munter zahlreiche Komödienrekorde bricht, hat sich in den USA eine weitaus weniger pompös beworbene Komödie heimlich zum Sommer-Geheimtipp gemausert. Nicht nur das, vollkommen unerwartet hat diese Frauen-Ensemblekomödie den Publikumsmagneten «Beim ersten Mal» als erfolgreichsten Film des Produzenten Judd Apatow abgelöst.

Der neue Seth Rogen ist schlank, blond und hört auf den Namen Kristen Wiig und an Stelle des komödiantisch überspitzten Schwangerschaftsalltags treten die stressigen Seiten der Hochzeitsvorbereitung. Stilistisch bleibt sich Apatow, der Produzentenmeister im Fach der derb-herzlichen Hollywoodkomödien, dabei selber treu: Menschelnde, fühlende Protagonisten treffen auf abstruse Randfiguren und sorgen während ihrer nachvollziehbaren Emotionskrise für zahlreiche zotige Lacher. Und somit präsentiert sich «Brautalarm» unter der Regie des Kino-Debütanten Paul Feig («Arrested Development») als die wohl geschlechtsübergeifendste „Frauenkomödie“ der (neueren) Hollywood-Geschichte.

Die Mittdreißigerin Annie (Kristen Wiig) macht gerade eine schwere Zeit durch. Ihr langjähriger Freund hat sich von ihr getrennt, sie musste ihre Bäckerei aufgeben und nun teilt sie sich eine Wohnung mit einem peinlichen Geschwisterpärchen (Matt Lucas & Rebel Wilson), welches nicht einsieht, die volle Miete zu bezahlen. In ihrem neuen Job als Verkäuferin in einem Juwelierladen bekommt sie ständig das Glück anderer unter die Nase gerieben und ihr aktueller Lover Ted (Jon Hamm) hat es einzig und allein auf den Sex abgesehen. Annie glaubt sich auf dem Tiefpunkt, doch als ihre beste Freundin Lilian (Maya Rudolph) ihre Verlobung bekannt gibt, legt Annies Talfahrt erst richtig zu. Auf der pompösen Verlobungsfeier lernt sie ihre Mit-Brautjungfern kennen, unter denen sich auch Lilians Arbeitskollegin Helen (Rose Byrne) befindet, welche mit ihrem glamourösen Auftreten und ihrer wundervollen Beziehung zu Lilian im Nu Annies restliches Selbstvertrauen zerschmettert. Während der darauf folgend anstehenden Hochzeitsvorbereitungen geht Annie in die Offensive und versucht, sich als die ideenreichste der Brautjungfern aufzuspielen, aber Helens finanzielle Möglichkeiten übertrumpfen Annie ein ums andere Mal…

Der Verleih bemühte sich redlich, das Kinopublikum wissen zu lassen, dass «Brautalarm» die weibliche Antwort auf «Hangover» ist. Was die Handlung anbelangt, ist das nicht wirklich korrekt. Zwar heiraten in beiden Filmen Mittdreißiger und ihre Freunde sorgen für jede Menge, teilweise überaus räudigen Trubel. Aber sonst gehen die Brautjungfern und das Wolfsrudel unterschiedliche Wege. Der obligatorische Vegas-Trip führt in «Brautalarm» beispielsweise nicht zu zerstörten Hotelzimmern oder dem Diebstahl eines Tigers, sondern zum delikatesten Stück Flugzeug-Comedy seit «Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug».

Vollkommen an den Haaren herbeigezogen sind die Vergleiche zwischen «Brautalarm» und «Hangover» jedoch nicht. Das Drehbuch, an dem Hauptdarstellerin Kristen Wiig mitgewirkt hat, schlägt in eine vergleichbare humoristische Kerbe: Kaltschnäuziger, trocken rübergebrachter Dialogwitz wechselt sich ab mit Slapstick und Situationskomik, die ihren realen Grundkern glaubwürdig ins Irrsinnige überhöht. Tonal siedelt sich «Brautalarm» dabei zwischen den beiden Junggesellenabschieden des Wolfsrudels an. Annie und Co. lassen es deftiger angehen, als «Hangover», so boshaft und kohlschwarz wie in «Hangover 2» geht es aber nicht zur Sache.

Vor allem lässt sich «Brautalarm» als der Versuch Judd Apatows betrachten, die Krone der räudig-charismatischen Komödie von den «Hangover 1 & 2»-Machern zurückzuerobern. Mit seinen Regiearbeiten «Jungfrau (40), männlich, sucht…» und «Beim ersten Mal» sowie Produktionen wie «Nie wieder Sex mit der Ex» oder «Superbad» machte Apatow eine Unterart des Komödienfachs populär, in der harsche Wortwahl und einige unterhalb der Gürtellinie angesiedelte Sequenzen nicht sofort in bloße Geschmacklosigkeit münden und auch die Figuren etwas wert sind. Die «Hangover»-Filme spielten diese Mischung auf ihre eigene Art aus, während «Brautalarm» wieder einige der Apatow-Markenzeichen gekonnt ausspielt. Die Nebenfiguren sind beispielsweise sehr verschroben, so befinden sich in der Brautgesellschaft eine kindlich-naive Neuverheiratete, eine sich ständig über ihre lärmenden Jungs beklagende, langjährige Ehefrau und Mutter sowie die herrische und von der Welt leicht entrückte Megan (Melissa McCarthy aus «Gilmore Girls»). Die Exzentrik der Randfiguren wird jedem Zuschauer seinen eigenen Liebling aus dem Ensemble bescheren, aber leider läuft der Film somit auch Gefahr, dass jeder Kinobesucher auch wenigstens eine der Figuren am liebsten aus dem Film gestrichen hätte.

Mit den Spinnern kommt bei Apatow stets auch ein Schuss Menschlichkeit, und dieser wirkt hier besonders gut: Dadurch, dass Kristen Wiig den brachialen Slapstick ebenso gut beherrscht, wie die leisen Töne, wächst einem Annie besonders schnell ans Herz. Dass eine Komödie zwischen all den Witzen auch Zeit findet, um die Lebensängste ihrer Hauptfigur auszuloten und einfühlsam sowie unaufdringlich verletzte Gefühle anzusprechen, ist längst kein Muss. Doch es ist, sofern es wie bei «Brautalarm» gut gemacht wird, ein willkommenes Plus. Denn wenn es dem Publikum leicht fällt, sich für Annie zu freuen, wenn sich ein netter Polizist (Chris O’Dowd) in sie verguckt und es gleichermaßen frustrierend ist, wenn wieder einmal eine Idee von Helen Annies Vorschlägen vorgezogen wird, dann bleibt der Film länger in Erinnerung. Und die Lacher kommen bei einer größeren Empathie für die Hauptfigur sowieso viel herzlicher.

Die wohl nennenswerteste Schwäche von «Brautalarm» ist, wie auch schon bei einigen anderen Apatow-Produktionen, die Länge. Mit knapp über zwei Stunden Laufzeit fordert die weibliche Chaostruppe für eine Komödie ziemliches Sitzfleisch. Kürzenswert ist jedoch nicht eine einzige Filmsequenz, dass «Brautalarm» so lang läuft, liegt allein daran, dass nahezu jeder Gag so lange ausgequetscht wird, wie es ohne unnötige Übertreibung möglich ist. Dennoch könnte das dazu führen, dass sich ungeduldigere Gemüter hie und da ein höheres Tempo wünschen.

Fazit: Mit interessanten Figuren und einer treffsicheren Mischung aus derbem Humor und einfühlsamen Zwischentönen durchbricht «Brautalarm» die Geschlechtergrenzen. Wer bei «Hangover» oder «Beim ersten Mal» lachen konnte, sollte diese Hochzeitsgesellschaft nicht versäumen.

«Brautalarm» ist seit dem 21. Juli in vielen deutschen Kinos zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/50954
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