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90 Jahre Micky Maus (Teil I): Vom Erfolgsbringer zur guten Seele eines Trickstudios

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Micky Maus, der bekannteste Nager der Film- und Comicwelt, wird 90 Jahre alt. In einer zweiteiligen Serie blickt Quotenmeter.de auf einige der Wendepunkte in seiner Geschichte. Teil eins widmet sich Mickys Entwicklung unter Walt Disney.

Die Entstehung einer Trickikone


Die Männer, die im Original Micky eine Stimme geben durften

  • Walt Disney (1928 bis 1946, gab die Rolle aus zeitlichen und gesundheitlichen Gründen auf, sprach Micky aber bis zu seinem Tod sporadisch in kleinen "Cameos")
  • Carl. W. Stalling (1929, einmalig)
  • Clarence Nash (1934, einmalig)
  • Jimmy MacDonald (1947 bis 1977)
  • Wayne Allwine (1977 – 2009)
  • Les Perkins (1986 und 1987, in zwei TV-Specials)
  • Quinton Flynn (1999, als Vertretung Allwines)
  • Bret Iwan (seit 2009)
  • Chris Diamantopoulos (seit 2013)
Es gibt diverse weitere Ausnahmen, etwa bei Hörspielen und sprechenden Spielzeugen, die hier zwecks Übersichtlichkeit übergangen wurden
Selbst wenn eine oft wiederholte Aussage Walt Disneys das Gegenteil suggeriert: Es hat nicht wortwörtlich alles mit einer Maus angefangen. Die Disney-Studios haben sich nicht am 18. November 1928 aus dem Nichts materialisiert, Micky Maus auf die Leinwand gezaubert und anschließend ihren Eroberungsfeldzug durch die Popkultur begonnen. Die Brüder Walt Disney (tendenziell für das Kreative zuständig) und Roy Disney (der Mann für's Business) gründeten das Disney Brothers Cartoon Studio am 16. Oktober 1923 in Burbank, Kalifornien – in unmittelbarer Nähe zu Los Angeles. Es war bereits das zweite Animationsstudio Walt Disneys und machte seine ersten Schritte mit einer Reihe von Stummfilmen, in denen eine reale Kinderdarstellerin mit gezeichneten Wesen interagiert.

Diese «Alice Comedies» wurden vom Filmvertrieb Winkler Pictures in die Kinos gebracht, einem Unternehmen des Ehepaars Margaret Winkler und Charles Mintz, das kürzlich seinen bisherigen Erfolgsbringer, Felix the Cat, aufgrund eines Streits mit dessen Ko-Schöpfer Pat Sullivan verloren hat und dringend eine neue Reihe im Repertoire benötigte. Das Mischfilmformat stieß allerdings an seine Grenzen: Es erwies sich auf Dauer als zu kostspielig und technisch zu herausfordernd, weshalb Walt Disney und sein Chefzeichner, der immens emsige Ub Iwerks, 1927 den Entschluss fassten, die «Alice Comedies» zu beenden.

Quasi parallel dazu vermittelte Charles Mintz eine Verabredung mit den Universal Studios, die ins Cartoon-Business einsteigen wollten. Man wurde schnell einig und nahm sich vor, gemeinsam eine neue Cartoonreihe aus der Taufe zu heben. Auf Walt Disneys Wunsch sollte diese neue Figur ein Kaninchen sein, um sich von den zu dieser Zeit so beliebten Cartoon-Katzen abzuheben. Außerdem wollte er, dass die neue Figur eine eigene komödiantische Persönlichkeit entwickelt, aus der sich im Stile von Stummfilmkomikern wie Dick & Doof und Charlie Chaplin eigene Routinen formen. Das schlichte Aneinanderreihen visueller Gags sollte beendet werden.

So entstand Oswald the Lucky Rabbit, dessen mutige, abenteuerlustige und dennoch galant-hinterlistige Persönlichkeit an Douglas Fairbanks angelehnt wurde. Darüber, wie sehr sich diese Ziele aus den Kurzfilmen raus lesen lassen, lässt sich aus heutiger Sicht streiten. Trotzdem wurde Oswald zu Disneys bis dahin größtem Erfolg. Die Belegschaft der Disney-Studios wurde vergrößert, Gehälter angezogen (Walt Disney verdiente nunmehr 100 Dollar die Woche) … Und es entstand Unfrieden im Team: Mintz warb nach und nach Disneys Angestellte ab, was der mit ihm befreundete Ub Iwerks mitbekam und seinem Chef signalisierte. Walt Disneys Versuche, mit Mintz nachzuverhandeln, scheiterten: Disney hielt keine Rechte an Oswald und konnte ganz legal als Produzent der Oswald-Cartoons ausgebootet werden.

Daher entwickelten Walt Disney und Ub Iwerks heimlich, während sie ihren bald auslaufenden Vertrag mit Mintz und Universal erfüllten, eine neue Trickfigur. Darüber, wieso es letztlich ein Mäuserich wurde, existieren genügend Legenden – sie müssen an dieser Stelle nicht wiederholt werden. Fakt ist aber, dass er einen ähnlichen, wenngleich nicht deckungsgleichen Charakter erhielt wie Oswald: Ein sympathischer Tunichtgut, der sich ständig in Abenteuer verliert, sollte es werden.

Gemeinsam mit einer verschwindend geringen Mannschaft aus weiteren treuen Kollegen entstanden im Sommer 1928 zwei Cartoons – «Plane Crazy» und «The Galloping Gaucho». Diese ersten Auftritte von Micky und Minnie Maus wurden nur sehr limitiert zu Testzwecken aufgeführt und fanden bloß mäßigen Anklang. Also ging man einen zu dieser Zeit noch sehr gewagten Schritt, und erhöhte den technischen Aufwand: Ein Ton-Zeichentrickfilm sollte entstehen, bei dem Musik und Klangeffekte akkurat zum Bild passen: «Steamboat Willie». Der Cartoon mit Micky am Steuer eines Dampfschifes fand einen Verleih in Celebrity Productions und debütierte am 18. November 1928. Mit ihm feierte Micky Maus seine offizielle Geburt als Leinwandstar. Und, ja: Zumindest das Unternehmen namens Disney, wie wir es jetzt kennen, nahm damit seinen Anfang.

Trickfilmrevolutionär und globales Phänomen


«Steamboat Willie» kam genau zur richtigen Zeit: Die Parodie auf den bereits zwölf Jahre alten Buster-Keaton-Klassiker «Steamboat Bill, Jr.» ging regelrecht durch die Decke – so sehr, dass er als technisch imposanter Nachzügler seine Vorgänger in Vergessenheit geraten ließ. «Steamboat Willie» ist längst nicht der erste Ton-Zeichentrickfilm, jedoch der erste, dessen Klang von Anfang bis Ende praktisch perfekt mit dem Bild synchron lief – und damit sorgte er für Furore. Da Disney zügig die bereits vor «Steamboat Willie» produzierten Micky-Kurzfilme mit einer neu erstellten Tonspur nachreichte und dank Ub Iwerks' atemberaubenden Zeichentempo rasch neue Cartoons ablieferte, wusste er, Mickys Popularität nicht nzr zu halten, sondern auch auszubauen.

Dadurch, dass der neuen Star am US-amerikanischen Trickfilm-Himmel in technisch für ihre Zeit herausragenden Cartoons aufgetreten ist, die trotz ihres Tonelements nahezu keine Sprachbarriere aufwiesen, und auch nur höchst selten spezifisch auf die US-Kultur hingebogen waren, folgte zudem geschwind der internationale Erfolg. Weltweit wurden Micky-Maus-Fanclubs gegründet, Kinos hielten angesichts der hohen Nachfrage Sondervorführungen nur mit Micky-Kurzfilmen ab und 1932 erhielt Walt Disney einen Ehren-Academy-Award für die Erfindung Mickys.

Mickys immense Popularität stieß zudem die Türen zu einem Geschäftsbereich auf, der sich als einer der wichtigsten Standbeine Disneys erweisen sollte. Wenn das Disney-Trickstudio, so wie wir es kennen, auf dem Rücken der Micky-Maus-Kurzfilme errichtet wurde, so stützt der Disney-Konzern auf dem Business mit Micky-Maus-Produkten. Merchandising ist für die Walt Disney Company unerlässlich – es spült jährlich mehrere Milliarden Dollar in die Konzernkassen, außerdem stärkt es die emotionale Bindung zwischen den Konsumenten und den Disney-Marken. Was wiederum das Geschäft mit Merchandising befeuert – es ist fast schon ein Perpetuum mobile, und es würde in dieser Form wohl nicht existieren, hätte nicht schon 1929 die seither ungebrochene, intensive Vermarktung von Micky-Maus-Lizenzprodukten ihren Anfang genommen.

Zugegebenermaßen fing alles noch sehr klein an – unter anderem mit Micky-Maus-Schulmappen, deren Hersteller für nur 300 Dollar die entsprechende Lizenz erwerben konnten. Eine unerlässliche Schlüsselperson im anhaltenden Erfolg Mickys in der Welt des Spielzeugs und weiterer Fanprodukte, und im erweiterten Sinne in Disneys genereller Vermarktungsstartegie, ist daher Kay Kamen. Es war nämlich der selbsternannte weltgrößte Micky-Maus-Fan und begeisterungsfähige Spielzeugliebhaber, der die Disney-Brüder überhaupt erst dazu brachte, Merchandising als wichtige Wirtschaftssäule zu sehen, statt als kleinen Bonus: Aus Eigeninitiative rief Geschäftsmann Kay Kamen, der gemeinsam mit Hal Roach unter anderem «Die kleine Strolche»-Produkte vermarktete, bei den Disney-Studios an und erläuterte ihnen, welches Geschäft ihnen dadurch entgehen würde, dass es in seinen Augen viel zu wenig offizielles Micky-Maus-Merchandising gibt. Schon zwei Tage später traf man sich zu einem ersten Businessgespräch, alsbald wurde Kamen zum alleinigen Lizenzverwalter der Disney-Studios.

Von 1933 an befeuerte Kamen das Geschäft mit Micky-Maus-Produkten (und anderem Disney-Merchandising) so sehr, dass es schwindelerregende Maßen angenommen hat. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten ließen die Menschen noch immer massig Geld für Disney-Produkte springen, da sie eine Prise Fröhlichkeit in den Alltag brachten – und das galt für Jung und Alt. Kurz nach Kamens Amtsantritt retteten die extrem populären Micky-Maus-Uhren der Marke Ingersoll-Waterbury die Firma vor dem Ruin. Mit diesem Präzdedenzfall im Rücken mussten andere Firmen alsbald tief in die Tasche greifen, um sich mit Disney-Figuren schmücken zu dürfen. General Foods zahlte 1934 etwa die damals unvorstellbare Summe von 1,5 Millionen Dollar für die Erlaubnis, Disney-Cornflakes zu vertreiben.

Und auch in den Sprachgebrauch ist Micky Maus eingegangen: In der Filmmusik bezeichnet man es als Mickey Mousing, wenn man die Bewegungen auf der Leinwand musikalisch spiegelt – in Anlehnung an die verspielte Musik früher Micky-Cartoons, die jeden Schritt und jeden Tritt der Figuren dick unterstreicht. Und auf der Höhe von Mickys Beliebtheit war "What, no Mickey Mouse?" eine in den USA so oft genutzte Aussage, wenn im Kino der Wahl enttäuschenderweise kein Micky-Film lief, dass es zum geflügelten Wort für kleine Alltagsbeschwerden und sogar zum Radioschlager wurde.

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